30 Jahre nach Srebrenica Was der Horror lehren könnte

Ratko Mladic, militärischer Führer der bosnischen Serben, vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Foto: AP

Das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren hinterlässt Fragen, die sich auch in der Ukraine stellen, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Nie wieder? Hinter dem Versprechen nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit all seinen Gräueln vor 80 Jahren bleibt ein Fragezeichen. Das Fragezeichen steht für Orte wie Srebrenica oder Butscha, wo Gräueltaten stattgefunden haben, die nie wieder stattfinden sollten – nie wieder hätten stattfinden dürfen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist nicht der erste Krieg der sogenannten Nachkriegszeit, den Europa nicht zu verhindern wusste. An diesem Freitag jährt sich das Massaker von Srebrenica, das am 11. Juli 1995 begann – der schlimmste Horror, seit die Menschheit sich „Nie wieder!“ geschworen hatte.

 

Srebrenica, schreibt der britische Historiker Ian Kershaw, sei „ein unauslöschlicher Fleck auf der europäischen Zivilisation“. Es war zudem eine der dunkelsten Stunden der Vereinten Nationen. Die mehr als 8000 Toten von Srebrenica, abgeschlachtet aus nationalistischem Wahn, sind auch ein Resultat ihres Versagens – letztlich eines unerfüllten Schutzversprechens.

Das Memorial Center Potocari erinnert an die Opfer des Massakers. Foto: imago stock&people

Srebrenica ist eine schwärende Wunde der europäischen Geschichte – eine Wunde, die bis heute nicht verheilt ist. Mehr als 1000 mutmaßliche Opfer der Massenmorde werden noch immer vermisst. Viele sind noch nicht identifiziert. Aufseiten der Täter und derer, die für sie Verantwortung übernehmen sollten, ist Reue rar. Die Hinterbliebenen der Opfer haben zur Aussöhnung bisher mehr beitragen. Den Völkermord zu leugnen, ist inzwischen strafbar, findet gleichwohl Widerhall. Die Mörder werden noch als Helden verehrt. Geschichtsklitterung und Mythen behindern eine Versöhnung. Beim Gedenkakt werden übrigens keine offiziellen Vertreter Serbiens oder der bosnischen Serben erwartet, beklagt Christian Schmidt, UN-Repräsentant in der Krisenregion. Was für ein „Nie wieder!“ erforderlich wäre, sei „leider noch nicht durchgedrungen“.

Die historische Hypothek des Massakers von Srebrenica und die unbewältigten Folgen des Jugoslawienkriegs stehen auch einer weiteren Europäisierung des Balkans im Wege. Die ehedem jugoslawischen Staaten haben sich entfremdet. Das gemeinsame Interesse an einer Versöhnung über die ehemaligen Fronten hinweg ist nicht erkennbar. Serbien will Mitglied der Europäischen Union werden, weigert sich aber bis heute, den Völkermord als Völkermord anzuerkennen, wie es höchste internationale Gerichtshöfe einhellig festgestellt haben. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic, ein Freund des Kremlherrschers Wladimir Putin, hatte während des Bosnienkriegs übrigens propagiert, dass man für jeden getöteten Serben hundert Muslime umbringen müsse.

Die Hauptverantwortlichen für das Massaker: Ratko Mladic und Radovan Karadzic Foto: dpa

Aus dem Massaker von Srebrenica wären Lehren zu ziehen, die weit über den Balkan hinaus reichen. Etwa mit Blick auf die Zukunft der Ukraine: Nationalismus wirkt hier wie dort verheerend. Überfallen wurden in beiden Fällen Länder, die keinen Krieg wollten, bloß ihre Unabhängigkeit. Die militärischen Kräfteverhältnisse waren damals in Bosnien wie heute in der Ukraine sehr unausgewogen. Frieden bräuchte dort robusten militärischen Schutz. Die jämmerliche Rolle der Blauhelmsoldaten seinerzeit sind ein abschreckendes, geradezu groteskes Beispiel, das sich niemals wiederholen sollte. Frieden ist zudem erst möglich, wenn Kriegsverbrechen aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Ohne Regimewechsel in Russland bleibt das jedoch ein frommer Wunsch.

Allerdings wähnten sich auch die Herren Mladic und Karadzic, verantwortlich für die Kriegsverbrechen in Srebrenica, lange in Sicherheit. Nun sitzen sie für den Rest ihres Lebens hinter Gittern.

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