Das 30. Solo-Tanz-Theater-Festival bietet im Treffpunkt Rotebühlplatz an fünf Abenden Einblicke in die Arbeit des Tanznachwuchses aus Stuttgart und der ganzen Welt. Foto: Jo Grabowski, Jonas Hardt, Suzan Stouthart
Zum 30. Geburtstag führt der Rotstift Regie. Der Wettbewerb des Solo-Tanz-Theater-Festivals in Stuttgart bleibt davon zum Glück unberührt – und zeigt zum Auftakt lokale Tanzhelden.
Das 30-Jahr-Jubiläum hatten sich die Veranstalter des Solo-Tanz-Theater-Festivals sicherlich anders gewünscht. Doch pünktlich zum runden Geburtstag in diesem Jahr ist Ebbe in der Stadtkasse, Festivals sind besonders hart von den Sparmaßnahmen im Kulturhaushalt betroffen; so schrumpft zum Beispiel das Landestreffen der freien Szene im April auf die Hälfte der Laufzeit zusammen, aus 6 werden „3 Tage frei“.
Beim Solo-Tanz im Treffpunkt Rotebühlplatz ist auf den ersten Blick alles wie immer, als am Mittwoch die Stuttgarter Choreo-Runde in Kooperation mit dem Produktionszentrum für Tanz und Performance als Warm-up für den eigentlichen Wettbewerb für einen vollen Saal sorgt.
Wer die sechs lokalen Beiträge sieht mit ihrer international aufgestellten Besetzung an Kreativen und Ausführenden, der kann sich einfach nur freuen über die hohe Qualität und die lebendige Vielfalt der hiesigen Szene. Trotz widriger Finanzierungs-, Probe- und Aufführungssituation lockt Stuttgart Tanzschaffende an und hält sie in der Stadt.
Was bewegt junge Menschen?
So machten die lokalen Helden, indem sie zeigten, was junge Menschen bewegt, viel Lust aufs kommende Festivalprogramm: Jonas Florian lotet im lockeren Flow die Chancen aus, die vor ihm liegen. Daura Hernández García macht in einer Choreografie von Swako Nunotani den Druck eigener und äußerer Anforderungen fast schmerzlich sichtbar. Stella Covi knurrt grandios den Ballettwolf in ihr an, der immer wieder aufheult.
Zina Vaessen lässt ihre Tänzerin Selina Koch vor Angst kaum auf die Beine kommen. Gilda De Vecchis windet sich unter den sie fesselnden Verbindungen, die sie im Solo von Ioannis Edgar Avetikyan zur Abwartenden machen. Martina Gunkel tanzt trotz der Regelhaftigkeit von Janic Carmonas Choreografie befreit auf.
Vor diesem Hintergrund ist es umso bedauerlicher, dass das 30. Solo-Tanz-Theater-Festival gerade an der Vernetzung ins Lokale hinein sparen muss. Seit seinen Anfängen hat das Festival 7200 Bewerbungen erhalten, mehr als 600 Solo-Tänzerinnen und -Tänzer brachte es in die Stadt.
Allein in diesem Jahr kommen Gäste aus vier Kontinenten und stehen für einen Austausch, der beim Zustand der Welt nötiger denn je erscheint. Doch neben Workshops musste auch das 2025 neu erprobte Format „Solo Dialog“ komplett gestrichen werden. Es sollte erneut Stuttgarter Tanzschaffende und ehemalige vom Festival Ausgezeichnete zusammenbringen und mit Aufführungen an neuen Orten in die Stadt hineinwirken.
Festivalgründer Marcelo Santos Foto: Jo Grabowski
„Tatsächlich treffen uns die Kürzungen im städtischen Doppelhaushalt auch schon in diesem Jahr massiv“, teilt Elly Walch auf Anfrage mit, sie verantwortet bei der fürs Solo-Festival zuständigen Volkshochschule den Fachbereich Tanz und leitet neben dem künstlerischen Direktor Marcelo Santos das Festival. Im Jubiläumsjahr wollten die Verantwortlichen vor allem den „Kern des Festivals“, also den internationalen Wettbewerb und die Stuttgart-Choreo, bewahren.
Ehemalige gratulieren per Video zum Jubiläum
Video-Glückwünsche von ehemaligen Finalisten beschrieben zum Auftakt, wie eine Teilnahme am Solo-Tanz-Theater-Festival den eigenen Weg bestärken kann. Dass das Festival neben Karrieren auch Freundschaften und Vernetzung befördere, unterstrich die Vhs-Chefin Dagmar Mikasch-Köthner in ihrer Begrüßung und fand keinen Gefallen an der eigentlichen Idee hinter der 50-prozentigen Kürzung: „Macht’s alle zwei Jahre? Das funktioniert bei Tanz nicht.“ Auch die Festivalleiterin Elly Walch verweist auf die kurzen Karrieren in dieser Kunst und sagt: „Das würde aus unserer Sicht einen erheblichen Verlust bedeuten für die Nachwuchsförderung und die internationalen Netzwerke des Festivals“, die müssten kontinuierlich gepflegt werden, um zu funktionieren. Aber auch der kulturelle Mehrwert, den das Festival jedes Jahr für die Stadt schaffe, würde wegfallen.
Spenden-Appell geht auch ans Publikum
Neben dem gestrichenen Rahmenprogramm wurde vom Fotografen bis zur Moderatorin auch in allen organisatorischen Bereichen gespart. Das alles reiche aber nur bedingt aus, so Elly Walch, „um das entstandene Defizit abzufangen“. Der international aufgestellte Wettbewerb selbst, an dem Tanzschaffende unter 30 Jahren teilnehmen können und bis Sonntag 18 Beiträge präsentieren werden, bleibt, wie gesagt, davon unberührt.
„Letztendlich ist die Nachwuchsförderung das zentrale Anliegen unseres Festivals, und dieses gilt es für uns, soweit es uns möglich ist, zu bewahren“, lässt Elly Walch die kommenden Herausforderungen durchscheinen. In diesem Jahr sind die LBBW-Stiftung sowie verschiedene Generalkonsulate und Kulturinstitute eingesprungen, um das Loch in der Kasse zu verkleinern.
Im Programmheft findet sich ein Spendenaufruf, die Vhs-Chefin wendet sich direkt ans Publikum: „Der Appell geht auch an Sie: Möchten Sie nicht junge Tanzschaffende unterstützen?“
Gesucht: Das beste Tanz-Solo
Termine Bis zum 15. März wird im Treffpunkt Rotebühlplatz nach dem besten Tanzsolo gesucht. Der Wettbewerb bietet an diesem Donnerstag, Freitag und Samstag um 20 Uhr jeweils 6 Beiträge. Am Sonntag treten von 17 Uhr an die Finalisten gegeneinander an. Für Freitag gibt es noch Karten unter www.vhs-stuttgart.de
Festival und Preise Die künstlerische Leitung liegt beim Festivalgründer Marcelo Santos; Förderer sind Stadt, Land und LBBW-Stiftung. Die Bedeutung des Solo-Festivals „in einer vom Ensembletanz dominierten Stadt“, unterstrich Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner bei seiner Begrüßung. 2026 kommen die insgesamt 18 künstlerischen Beiträge aus vielen europäischen Ländern sowie aus den USA, China, Israel und der Elfenbeinküste. Titel wie „Why Theater“, „I Could Also Be a Black Swan” oder „Room for Sadness” deuten vielfältige Inspirationen an. Die Teilnehmenden konkurrieren um jeweils drei Preise für Choreografie und Tanz, für den höchstdotierten gibt es 3500 Euro. Das Publikum kann zwei Preise in Höhe von jeweils 500 EUR vergeben. Zu gewinnen sind außerdem Stipendien wie für die Dance Arts Faculty in Italien.