Unter 30: Tamara Williams Als Fotografin zwischen Models, Ruhm und Depressionen

„Bilder sagen mehr als tausend Worte – und wenn ich andere mit meiner Kunst zum Staunen bringen kann, macht mich das mehr als glücklich“, schwärmt die 27-Jährige. Foto: Tamara Williams

In unserer Serie berichten wir über Stuttgarter:innen unter 30, von denen man noch viel hören wird. Den Anfang macht Tamara Williams, eine der weltweit gefragtesten Beauty-Fotografinnen. Mit uns spricht sie über Depressionen, die Krux mit Social Media – und wie man es aus dem Kinderzimmer an die Spitze schafft.

Stuttgart - Auf Instagram folgen ihr über eine halbe Million Abonnenten, sie arbeitet mit den Big Playern der Beauty-Branche zusammen, reist als erfolgreiche Fotografin – wenn nicht gerade eine weltweite Pandemie unseren Alltag bestimmt – durch die ganze Welt und hatte mit Depressionen zu kämpfen: Tamara Williams ist gerade einmal 27 Jahre alt und setzt mit ihrer cleanen und perfekten Fotokunst neue Standards. Wir haben die Stuttgarterin getroffen und mit ihr über ihre Karriere, Schönheitsideale, Depressionen und Neider gesprochen.

 

Vom Kinderzimmer in die große Welt

Angefangen hat alles mit 13 Jahren. Zum Geburtstag schenken ihr ihre Eltern eine Spiegelreflexkamera, die jedoch schnell wieder in der Schublade verschwindet. „Irgendwann meinten meine Eltern, dass ich das doch sehr teure Geschenk doch mal nutzen sollte – oder sie würden es wieder verkaufen“, erzählt die 27-Jährige, die in Adelberg aufgewachsen ist, lachend. Gesagt, getan. Tamara, die zu diesem Zeitpunkt eine Lehre als Bankkauffrau macht, setzt auf Autodidaktik, probiert sich ohne Scheu mit der Kamera aus und findet Gefallen an dem Geschenk. „Ich habe auf Facebook Fotoshootings angeboten, die relativ schnell auf großes Interesse stießen“, so Tamara. Die damals 19-Jährige schließt ihre Ausbildung ab – und sagt sich, dass sie einmal eine der krassesten Fotografinnen der Welt sein will.

Blauäugig – aber erfolgreich

Es spricht sich herum, dass sie Talent hat – und schon flattern die nächsten Aufträge ins Haus. „Dass Leute mir echt Geld für meine Fotos zahlen wollen, hat mich am Anfang schon gewundert“, erzählt sie lachend. Ihre Eltern sind anfangs wenig begeistert von dem unsteten Job, doch ins Zweifeln gerät Tamara nie. Und der Erfolg gibt ihr Recht. „Bilder sagen mehr als tausend Worte – und wenn ich andere mit meiner Kunst zum Staunen bringen kann, macht mich das mehr als glücklich“, schwärmt die 27-Jährige. Am Anfang fotografierte sie alles, was Geld bringt. Westernstiefel, Fashion und Autos in Dubai – sie ist blauäugig, hat keinen Kundenstamm und macht es trotzdem einfach. „Ich habe mir gesagt: Egal wie - Tamara, du kriegst das hin.“

Hassbotschaften nagen an ihr – doch sie nutzt sie auch

Doch mit dem Erfolg kommen die Neider. „Es gibt Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mir das Leben zur Hölle zu machen“, erzählt Tamara. Als sie Anfang des Jahres mit einer schweren Gehirnhautentzündung im Krankenhaus liegt, macht ihr Team ihren Gesundheitszustand öffentlich. Was darauf folgt, konnte keiner erwarten: „Leute kommentierten, dass sie froh wären, wenn ich sterben würde – und dass sie mich eh nicht leiden können.“

Hassbotschaften und fiese Kommentare, die ihr Talentlosigkeit unterstellen, nagen an ihr, obwohl es meist Fake-Profile sind und das positive Feedback auf ihre Arbeit überwiegt. Doch sie zeigen ihr auch, dass sie ihren Weg gehen muss. „Da draußen warten so viele Leute, dass ich einen Fehler mache. Dass Leute nicht an mich glauben und mich ausgrenzen wollen, begleitet mich schon mein ganzes Leben“, sagt die 27-Jährige. Sie kann es gut wegstecken, weil sie es gewohnt ist und eine dicke Haut hat. „Mittlerweile antworte ich Leuten auch auf ihre Anschuldigungen – schlichtweg, weil es meine Posts und Videos durch die Interaktion nach oben spült“, erzählt sie lachend.

„Wie schön kann man sein?“

Ihre Bilder sind stark bearbeitet, was sagt sie zu Beauty-Idealen? „Den Schuh ziehe ich mir nicht an“, sagt sie. „Ich bin eine Künstlerin, mein Social Media ist wie eine Galerie. Und doch sehe ich beide Seiten. Aber warum fühlt man sich getriggert, wenn man eine schöne Frau sieht?“ Von Vergleichen hält sie wenig. Viele würden sie auch fragen, ob sie keine Komplexe hätte, weil sie den ganzen Tag mit wunderschönen Models zusammenarbeitet. „Ich vergleiche mich nicht, sondern bewundere Schönheit. Oft frage ich mich, wie schön kann man sein? - Ich will diese Person pushen!“

An ihren Bildern sitzt Tamara zwischen einer und vier Stunden, ihre Bildbearbeiter arbeiten bis zu vier Stunden an einem Bild. Für ihre Farben und den ganz speziellen Style sitzt sie bis zu sieben Stunden. „Ich lasse mich nicht von anderen inspirieren – sondern lege einfach los und habe meinen Stil gefunden. Vor allem Details wie die Haut und die Augen sind extrem wichtig für mich.“ Es geht so weit, dass sie das Alter von Menschen im Gesicht ablesen kann.

Das Selbstwertgefühl wächst nicht mit Likes

Tamara nimmt ihre Community auf verschiedenen Kanälen mit und zeigt Einblicke in ihre Arbeit und ihr Leben. Ihr Follower kommen aus den USA, Russland und UK – doch auch in Stuttgart wird die 27-Jährige häufig auf der Straße erkannt. Social Media begleitet sie rund um die Uhr: Auf Instagram stellt sie ihre Bilder aus, es folgen Aufträge, die Followerzahlen schießen in die Höhe. Sie nimmt in dieser Zeit jeden Auftrag an, arbeitet rund um die Uhr. Ihre Honorare verdoppeln und verdreifachen sich. Doch das ist nur die eine Seite: „Die Likes waren wie eine Droge für mich“, erzählt Tamara nachdenklich. Sie lenkten von dunklen Seiten ab, die sich in ihrer Seele festsetzten und immer mehr Raum einnahmen. Was tun, wenn das Selbstwertgefühl trotz Instagram-Herzchen nicht mitwächst? Wenn die Anerkennung im Netz nicht reicht, um zufrieden und glücklich zu sein?

„The Sky is the Limit“

Über ihre Depressionen spricht Tamara ganz offen. Wie verletzlich sie war, dass sie es morgens kaum aus dem Bett geschafft hat und wie viele Tränen sie vergossen hat. Was folgt, ist ein radikaler Spurwechsel: „Ich habe eine zweijährige Pause von Social Media eingelegt, Zeit in der Natur verbracht, Sport gemacht – und ein Psychologie-Studium angefangen“, sagt Tamara mit fester Stimme. „Ich wollte wieder mit mir in Einklang kommen und die Krise überwinden.“

Auf die Frage nach ihrem Ziel folgt sofort eine Antwort: „ich bin noch immer nicht da angekommen, wo ich hinwill“, gibt sie offen zu und ergänzt: „The Sky is the Limit.“

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