300 Jahre Belvedere Wien Ein entsetzlicher Angeber
Prinz Eugen hat Unsummen ausgegeben, um sich selbst ins beste Licht zu rücken. Den Wien-Touristen aus aller Welt, die zu Schloss Belvedere pilgern, kann das nur recht sein.
Prinz Eugen hat Unsummen ausgegeben, um sich selbst ins beste Licht zu rücken. Den Wien-Touristen aus aller Welt, die zu Schloss Belvedere pilgern, kann das nur recht sein.
Letztlich hing es von Teppichen und Tapeten ab, ob jemand Karriere machte. Wer kein protziges Anwesen aufzuweisen hatte, wer weder einen Park mit plätschernden Brunnen besaß noch eine Kunstsammlung, brauchte sich keine Hoffnungen auf ein höheres Amt zu machen. Deshalb blieb Prinz Eugen nur eines übrig: Er musste Schulden machen. Die ersten Grundstücke kauft er noch „ohne beschwernis seines beuthels“, aber weil er eines Tages mit einem der schönsten Paläste der Welt protzen wollte, nahm er immer neue Hypotheken auf. Sein Plan: ein Bauprojekt, das ihn an die Spitze der Reichen und Mächtigen katapultiert – und mit dem er sogar mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV. würde konkurrieren können.
Die Nachwelt profitiert vom maßlosen Ehrgeiz des Prinzen. Heute strömen die Touristen in Scharen zum angeblich schönsten Barockschloss Europas, dem Belvedere in Wien. Alle Viertelstunde hält einer der Hop-on-hop-off-Busse direkt am Rennweg. Und wer hier aussteigt, den erwartet nicht nur der pure Luxus, sondern auch eine Lehrstunde über die Mechanismen der Macht. Denn die beiden prächtigen Schlösser und die Parkanlage verraten, wie der Mensch tickt. Das ist heute kaum anders als in früheren Zeiten. All die Ludwigs, Wilhelms, Karls und Friedrichs und eben auch Prinz Eugen „der edle Ritter“ waren Egomanen und entsetzliche Angeber.
Deshalb ließ sich Eugen im unteren Schloss ein pompöses Schlafzimmer einrichten, in dem er allerdings keineswegs schlief. Er wollte dieses sogenannte Paradeschlafzimmer besitzen, weil auch Ludwig XIV. eines hatte. Der Sonnenkönig lag sogar oft im Bett, wenn er Hof hielt. Eugen war da das habsburgische Zeremoniell näher, bei dem man seine Gäste stehend empfing, was er dann eben vor dem Bett tat.
So berühmt wie Ludwig XIV. mag er nicht geworden sein, und doch hat dieser Eugen es weit gebracht. Und er schaffte, was wenigen Monarchen und Mächtigen vergönnt war: Er war beliebt beim Volk. Denn ihm wurden Ruhm und Geld nicht in die Wiege gelegt, er musste sich seine Meriten hart erarbeiten. So gehörte Eugen zwar dem europäischen Hochadel an, aber als er 1663 in Paris geboren wurde, war er das fünfte Kind, das, Adel hin oder her, kein Erbe zu erwarten hatte. Er sollte Geistlicher werden. Um diesem Schicksal zu entkommen, wollte Eugen zum Militär, was wiederum Ludwig XIV. nicht passte. Also ging der 19-jährige Eugen kurzerhand zu Ludwigs Widersacher, Kaiser Leopold I. Der konnte Soldaten gut gebrauchen, weil die Türken Wien belagerten.
Dieser Eugen hat es sogar so weit gebracht, dass man auch in Deutschland noch heute das Lied von Prinz Eugen, dem edlen Ritter, kennt. Denn er stieg schnell auf, wurde Oberst, Generalfeldwachtmeister, Feldmarschall-Leutnant und avancierte als Oberbefehlshaber im Großen Türkenkrieg schon bald zu einem der bedeutendsten Feldherrn des Habsburgerreichs. So sang das Volk denn auch: „Bei Semlin schlug man das Lager, alle Türken zu verjagen, ihn’n zum Spott und zum Verdruss.“
Kaiser Leopold I. dankte Eugen seinen Einsatz fürstlich mit Geld und Ländereien. So wurde aus dem einst mittellosen Prinzen ein reicher Mann. Aber Geld ist nicht alles. Da man ihm noch höhere Posten beim Militär verweigerte, musste er seine Bedeutung deutlicher zur Schau stellen. Und das machte man im Barock kaum anders als heute: mit Immobilien und Kunst, mit Marmor, Gold und Edelsteinen. Hauptsache auffallen.
Wenn man heute durch die prunkvollen Räume der Belvedere-Schlösser schlendert, begreift man, dass auch ein Autokrat wie Wladimir Putin seine Gäste nicht nur aus Angst vor Ansteckung an einem riesigen Tisch Platz nehmen lässt. Die Trumps und Kim Jong-uns nutzen bei der Selbstinszenierung und Demonstration ihrer Macht Strategien, die sich bereits im Barock bewährten. Macht lässt sich dabei immer auch mit dem Zollstock abmessen.
Prinz Eugen begann bereits 1697, an der Ausfallstraße in Richtung Ungarn ein Grundstück nach dem anderen zu kaufen. Auf diesen leicht ansteigenden Weinbergen sollte eine Gartenanlage entstehen, die so aufregend und schön war wie der Park von Versailles. Als Architekt engagierte er Johan Lucas von Hildebrandt, den man heute als Stararchitekt bezeichnen würde. Es dauerte mehr als 25 Jahre, bis alles fertig war, was auch daran lag, dass Eugen seine Pläne ständig modifizierte und in immer neue Spielereien investierte. So verwarf er auch auf halber Strecke sein Gartenkonzept, weil sich die Mode geändert hatte. Die Muster aus Sand, Splitt und Kohlestaub kamen ihm plötzlich seltsam künstlich vor, er wollte nun Rasen und Blumen. Streng symmetrisch ist die Anlage aber bis heute.
Es wird ihm viel Freude bereitet haben, diese köstliche Angeberei bis ins Detail zu inszenieren. Handelsschiffe brachten exotische Vögel aus Asien nach Europa. Eugen freute sich über „kostbare und rare Gewächse, welche im Winter in einem curieusen Glaß-Hause verwahret werden“. 2000 seltene Pflanzen aus Indien, Südamerika oder der Türkei wuchsen hier. Es gab auch eine Menagerie für Säugetiere, wobei Löwen besonders wichtig waren. Ihre Stärke sollte wohl auf den Prinzen abfärben.
Wie es sich damals für den Hochadel gehörte, sammelte Prinz Eugen auch Gemälde, Skulpturen und Kunstgegenstände. Er besaß Bücher aus den verschiedensten Fachgebieten, Handschriften und seltene Atlanten. Die Nachwelt vermutet hinter solchen Liebhabereien gern einen Schöngeist. Aber wenn Eugen wie andere Fürsten auch Künstler ins eigene Haus holte, hatte das vor allem strategische Gründe. Jedes Detail war ein wichtiger Baustein in dieser groß angelegten Selbstdarstellung. Deshalb finden sich in der Sammlung des Belvedere noch immer mehrere Gemälde, die Eugen als siegreichen Feldherrn zeigen.
Wenn heute japanische oder chinesische Besuchergruppen Fotos des imposanten Treppenhauses im Oberen Belvedere machen, ahnen sie nicht, dass es hier thematisch um Alexander den Großen geht, mit dem sich Eugen vergleichen wollte. Auch im Garten verweisen antike Kriegshelden auf die militärischen Meriten des Prinzen. Sogar die Orangen in der Orangerie sollten an die goldenen Äpfel der Hesperiden erinnern – und der Ruhm des Herkules, der sie entwendet hatte, sollte auf den Hausbesitzer übergehen. Kaum ein Detail, das nicht der Überhöhung des Prinzen dienen sollte.
Er wollte jene beeindrucken, die selbst Schlösser mit Marmorsaal und Spiegelkabinett besaßen. Die Bedeutung eines Fürsten konnte man auch an der Anzahl seiner Vorzimmer abzählen, auf die die Besucher je nach Stand zum „Antichambrieren“ verteilt wurden. Auf dem Wiener Schloss konnte man sich die Wartezeit zumindest vertreiben – mit einem fantastischen Blick auf den Park.
Wenn die Touristen durch die Ausstellungen streifen, vorbei an Gemälden aus Barock, Klassizismus, Impressionismus – und natürlich auch an Gustav Klimts „Der Kuss“ –, dann können sie sich vor lauter musealen Würden kaum mehr vorstellen, dass hier tatsächlich Menschen aus Fleisch und Blut lebten. Im Küchengarten wurde Gemüse angebaut, in den Ställen wieherten die Pferde, und Kutschen fuhren über den Kies. Bei großen Gesellschaften, die man Assemblées nannte, wurde geplaudert, gespielt und Kaffee, Kakao und Limonade getrunken.
Vornehme Gäste durften im Gästeappartement logieren und im Himmelbett schlafen, das wie das gesamte Zimmer „auf Indianische Art meubliret“ war. Es gab „allerhand schöne lackierte Arbeit“ und schönes „mit Gold eingelegtes Porcellaine“. Apropos Porcellaine: Neben dem Speisesaal stand ein Prunkbüfett, auf dem in mehreren Regalreihen das Tafelsilber präsentiert wurde – Teller, Kannen, Tafelaufsätze. Eugen ließ auch sein eigens Besteck mit eingraviertem Savoyerwappen anfertigen.
Er selbst wohnte im Piano nobile, also im Obergeschoss. In den privaten Räumen gab es keine Deckengemälde, sondern nur weißes Stuckrelief. Das Glanzstück im Oberen Belvedere ist eine Kapelle, die über zwei Geschosse reicht und in die Besucher zumindest von oben einen Blick hineinwerfen dürfen. 1736 starb Eugen auf Belvedere mit 72 Jahren. Da er kein Testament hatte, fiel das Erbe an seine Nichte Victoria, die alles verschleuderte, was nicht niet- und nagelfest war. Für die Errichtung eines würdigen Grabmals für ihren Onkel gab sie allerdings kein Geld aus. Dieser musste sich in der Kreuzkapelle des Wiener Stephansdoms ein Grabgewölbe mit einem seiner Neffen teilen.
Zum 300-jährigen Bestehen des Belvedere erzählt eine Ausstellung, was seither geschah. Kaiserin Maria Theresia kaufte die Schlösser, weil sie dringend Platz für ihre Kunstschätze brauchte – und so wurde das Belvedere zum Museum. Die Herrscherin hatte bereits vor 250 Jahren eine ähnliche Vorstellung von Museum, wie sie noch heute weit verbreitet ist: Sie wollte ihr Volk bilden, deshalb wurden die Gemälde nach Stilen und Schulen geordnet, hier die Venezianer, dort die Römer oder die niederländischen Meister.
Wie überall wechselten sich danach die Sammlungskonzepte und die Stile der angekauften Werke ab. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, schlossen sie die Moderne Galerie kurzerhand und drängten den Direktor aus dem Amt. Die Werke jüdischer Künstler wurden „magaziniert“ und „in Depota verwahrt“, wie man es offiziell nannte – fortan war es der Oberbürgermeister Hermann Neubacher, der in den Prunkräumen Hof hielt wie einst Eugen. 1940 empfing er hier auch Adolf Hitler.
Die Bomben haben manche Pracht zerstört – nicht alles wurde 1947 wieder aufgebaut, was Prinz Eugen seinerzeit erdachte, um seinen Ruhm zu steigern. Das Spiegelkabinett im unteren Schloss kann man aber noch immer besuchen. Es erzählt auf seine Weise von der Eitelkeit der Reichen und Mächtigen und vermittelt eine symbolische Botschaft: Mithilfe der Spiegel konnte der Hausherr seine Person und Bedeutung ins schier Unendliche potenzieren.