300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz Der Universalgelehrte

Von Rolf Spinnler 

Gottfried Wilhelm Leibniz war Erfinder, Entdecker, Weltverbesserer – und einer der wichtigsten europäischen Gelehrten der Frühaufklärung. Vor 300 Jahren starb er in Hannover.

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) in einem Kupferstich aus dem Jahr 1801. Foto: Getty
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) in einem Kupferstich aus dem Jahr 1801. Foto: Getty

Hannover - Von den großen Philosophen dürfte er der am wenigsten bekannte sein: Gottfried Wilhelm Leibniz, der heute vor 300 Jahren in Hannover gestorben ist. Dort feiert man ihn, der von 1676 bis zu seinem Tod die damalige herzogliche Bibliothek (und heutige Niedersächsische Landesbibliothek) leitete, aus aktuellem Anlass mit einer Ausstellung. In dieser Bibliothek, die inzwischen den Namen ihres einstigen Direktors trägt, wird auch sein umfangreicher Nachlass aufbewahrt, der über 200 000 Manuskripte und einen rund 15 000 Briefe umfassenden Briefwechsel mit 1100 Korrespondenten enthält. Vieles davon ist noch nicht erschlossen; die 1923 begonnene Gesamtausgabe von Leibniz’ Schriften umfasst bisher vierzig Bände, ­geplant sind über hundert.

Leibniz stand mit den meisten bedeutenden Intellektuellen seiner Zeit in Kontakt stand, er hatte auch Zugang zu den politisch Mächtigen wie Kaiser Leopold I., Zar Peter dem Großen, dem französischen König Ludwig XIV. oder dem Kurfürsten von Mainz. Doch lohnen sich diese Feiern zu Ehren eines Denkers, der zu seinen Lebzeiten als Universalgelehrter galt, aber ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend kritisch gesehen wurde?

„Candide oder die beste aller Welten“

Als Indiz dafür mag Voltaires vielgelesener Roman „Candide ou l‘optimisme“ von 1759 dienen, der in der deutschen Erstausgabe von 1776 den Titel „Candide oder die beste aller Welten“ trägt. Damit spielt er an auf einen zentralen Gedanken der Leibniz’schen Philosophie, nämlich deren ­Behauptung, wir lebten in der besten aller Welten. Der Held von Voltaires satirischem Roman kann diesen Optimismus nicht mehr ernst nehmen nach den 1755 ganz Europa erschütternden Nachrichten vom Erdbeben von Lissabon mit seinen bis zu 100 000 Toten.

Spätestens seit der 1781 erschienenen „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant, der ursprünglich aus der Leibniz-Schule kam, aber in diesem epochemachenden Werk zentrale Annahmen von Leibniz’ Philosophie einer kritischen Revision unterzog, galt das Denken des Hannoverschen Hofrats als überholte Metaphysik, als (in Kants Sprachgebrauch) „dogmatisch“. Mit Kant war das Zeitalter der Aufklärung, zu dessen Vorläufern Leibniz gerechnet wird, in die Phase seiner kritischen Selbstbesinnung eingetreten. Was kann Vernunft leisten, lautete jetzt die Frage – und wo überschätzt sie ihre Fähigkeiten?

Mit René Descartes und Baruch de Spinoza bildet Leibniz das philosophische Dreigestirn des neuzeitlichen kontinentaleuropäischen Rationalismus. Dessen Programm lautete seit Descartes: Wissenschaft muss auf klaren Prinzipien und Begriffen beruhen und sich dabei die Mathematik zum Vorbild nehmen. Ihre Hypothesen müssen widerspruchsfrei sein und sich logisch auseinander ableiten lassen. Das Erfolgsmodell dafür lieferten seit Galilei die Naturwissenschaften.

Leibniz verkörpert den Typus des Universalgelehrten

Leibniz hat denn auch wichtige Beiträge zur Mathematik geleistet, gilt als einer der Erfinder der Differential- und Integralrechnung und des binären Zahlensystems, auf dem die heutige Digitalisierung beruht. Aber er beschäftigte sich auch mit Logik, Erkenntnis- und Zeichentheorie, verfasste juristische und politische Denkschriften, betrieb sprachwissenschaftliche Studien, wurde von seinem Herzog beauftragt, die Geschichte der Welfendynastie zu schreiben. Leibniz war Gründer der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und ­engagierte sich in Projekten, die zu einer Wiedervereinigung der getrennten christlichen Konfessionen führen sollten. Damit verkörperte er den Typus des Universalgelehrten, der im Zeitalter des ­Barock als erstrebenswertes Ideal galt.

„Die Welt ist aus den Fugen“, heißt es in Shakespeares „Hamlet“. Der Satz bringt eine zentrale Erfahrung des Barockzeitalters zum Ausdruck: die Ordnung des mittelalterlichen christlichen Kosmos ist zerfallen, an die Stelle einer theologisch-metaphysischen Gesamtdeutung der Welt sind die spezialisierten Einzelwissenschaften getreten. Das war eine Befreiung, aber auch ein Verlust. Genau hier hat die Philosophie von Leibniz ihren historischen Ort. Ihr Projekt ist das einer Versöhnung der neuen Naturwissenschaften mit den überlieferten Begriffen der christlichen Metaphysik: Gott, Seele, Unsterblichkeit.

Mathematisch-logische Grundprinzipien garantieren die Harmonie der Welt

Der Grundgedanke, der das leisten soll, ist die Idee von der Harmonie der Welt. „Harmonie ist Einheit in der Vielfalt“, lautet ein zentraler Satz von Leibniz. Oder: „Harmonie ist Ähnlichkeit in der Mannigfaltigkeit oder durch Identität ausgeglichene Verschiedenheit“. Harmonie herrscht zwischen Körper und Geist (die nicht wie Descartes durch eine schwer überbrückbare Kluft voneinander getrennt sind), Harmonie zwischen den Einzelwesen (Leibniz nennt sie „Monaden“) und der Welt als Ganzer. Garantiert wird diese Harmonie durch die mathematisch-logischen Grundprinzipien, die in der Natur, in den Monaden und in Gott ein und dieselben sind: „Gott schuf alles gemäß der größtmöglichen Harmonie und Schönheit“. Deshalb kann Leibniz sagen, diese Welt sei „die beste aller möglichen Welten“.

Wie das Barockzeitalter zeigt das Werk von Leibniz ein Janusgesicht. Es hält fest am platonisch-christlichen Gedanken einer die ganze Schöpfung durchwaltenden sinnvollen Ordnung. Aber ist sein Gott noch der christliche, oder nicht vielmehr ein abstraktes logisches Prinzip, ein Algorithmus, ein Computerprogramm? Dann wäre Leibniz nicht der letzte dogmatische Metaphysiker, sondern der erste Systemtheoretiker. Kein Wunder, dass er bei den Nerds des Cyberspace ein hohes Ansehen genießt.