35. Jazztage im Theaterhaus Musik, die unter die Haut geht
Das Jazz-Festival im Stuttgarter Theaterhaus klingt mit dem Dieter Ilg Trio sanft, mit den Musikern um Jasper van’t Hof dagegen ausgesprochen energisch aus.
Das Jazz-Festival im Stuttgarter Theaterhaus klingt mit dem Dieter Ilg Trio sanft, mit den Musikern um Jasper van’t Hof dagegen ausgesprochen energisch aus.
Der Kontrabassist Dieter Ilg aus dem Badener Land erwandert seit vier Jahrzehnten die Klanglandschaften des Jazz und ist mit seinem bewährten Trio tief in klassische Kompositionen von Bach, Beethoven, Wagner und Ravel eingetaucht, um sie sich dank einer höchst elaborierten Jazzsemantik zu eigen zu machen. Mit 63 Jahren drängt es den Wandrer doch nach Ruh. Mit dem internationalen Albumtitel „Motherland“ stellen der Bandleader, sein fabelhafter Pianist Rainer Böhm und der französische Batteur Patrice Héral, ein faszinierender Rhythmusmensch, im Theaterhaus eine Hommage an Ilgs Heimat, den Schwarzwald, vor.
Wie der kleine Dieter an der Kinzig aufgewachsen ist, wie der Waldboden nach Pilzen roch, wie die Brägele im Gasthaus geschmeckt haben und welche Musik damals im Südwestfunk lief – aus derlei sinnlichen Erfahrungen speist sich die Musik. Los geht es mit der erfahrenen Radiohörern vertrauten Melodie „Eine Schwarzwaldfahrt“ von Horst Jankowski – Easy Listening Goes Jazz. Mit „Soil“ folgt eine wunderbar entspannte und melodiöse Ballade, bei der Ilg seinen Kontrabass erdig und warm klingen lässt. Die explosive Titelnummer „Motherland“ verwandelt das Trio nach einer Weile in eine sanft dahinfließende Musik, als öffnete sich unter düsterer Berglandschaft unvermittelt eine grüne Au. Vorbei sind die Zeiten, als im Jazz der Schlagbass das Sagen hatte. Hier bedient ein Virtuose seinen Tieftöner, den er umschlingt als wäre es eine geliebte Person.
Bei den 35. Jazztagen besuchten zehntausend Leute die zweiunddreißig Konzerte im Stuttgarter Theaterhaus und erlebten die ganze Bandbreite des aktuellen Jazz. Zum Ausklang folgt auf Dieter Ilg und sein kultiviertes Trio mit dem Niederländer Jasper van’t Hof und seinen drei Kollegen ein klassisches Jazzquartett. Ihre Musik geht unter die Haut. „Skin Under“ nennt der 77-jährige Pianist sein aktuelles Projekt. Dass der Saxofonist Christof Lauer dabei ist, verrät, es wird nicht nur unter die Haut gehen, sondern auch raus aus der Komfortzone. Statt lauwarmem Klangbad gibt es Erfrischendes nach Art eines reißenden Bachs.
Geboten wird lebhafter Akustikjazz wie aus den frühen 60-er Jahren. Das Quartett von John Coltrane kommt einem in den Sinn. 1969 bediente der junge Jasper in Schretzmeiers Schorndorfer Manufaktur als aufmüpfiger Jazz-Rocker das Keyboard, und der fünf Jahre jüngere Lauer stieß damals als junger Wilder im Frankfurter Jazzkeller mit den Gebrüdern Mangelsdorff ins Horn. Und nun, fast sechzig Jahre später? Trotz dickerem Bäuchlein und dünnerem Haar ist von nachlassenden Kräften nichts zu spüren. Das Jazzquartett drängt es kraftvoll hinaus ins Freie. Wie einst im Mai. Für freiheitsliebende Jazzfans ist es die reine Freude, für die 35. Jazztage ein Ausrufezeichen am Schluss.