„37 Grad“ zeigt Religion im Alltag Muslime, Christen, Juden

Von Tilmann Gangloff 

Ein Plädoyer für Toleranz: Die „37 Grad“-Reportage „Guter Hoffnung“ im ZDF zeigt Religion im deutschen Alltag. Sie begleitet drei werdende Elternpaare, die alle gläubig sind.

Ilaf mit ihren Eltern Weam (li.) und Ahmed  beim  Parkausflug Foto: ZDF/Aljoscha Hofmann 12 Bilder
Ilaf mit ihren Eltern Weam (li.) und Ahmed beim Parkausflug Foto: ZDF/Aljoscha Hofmann

Stuttgart - Der weltlich-säkulare Schein trügt: Nach wie vor bezeichnet sich die Mehrheit der Deutschen als gläubig, aber aus der Öffentlichkeit ist Religion weitgehend verschwunden. Die ARD hat vor einiger Zeit den Reportageplatz „Gott und die Welt“ in „Echtes Leben“ umbenannt; als fürchte man, das Wort „Gott“ könne Zuschauer, die nicht religiös sind, abschrecken. Abgesehen vom Gottesdienst ist der Glaube Privatsache geworden.

Umso erfrischender ist „Guter Hoffnung“, ein ausnahmsweise 45 Minuten langer Beitrag zur ZDF-Reihe „37 Grad“. Aljoscha Hofmann (Buch, Regie, Produktion) hat drei Paare in den Wochen vor und nach der Geburt ihres Kindes begleitet. Das Besondere dabei: Sie sind Christen, Moslems und Juden. Mit gesunder journalistischer Neugier schaut Hofmann ins Leben dieser Menschen. Er will wissen, welche Rolle die Religion rund um die Geburt spielt.

Die Mütter haben mehr zu sagen

Die Qualität solcher Reportagen steht und fällt stets mit dem Vertrauen, das zwischen den Autoren und ihren Protagonisten entsteht. Bleiben sich beide Seiten fremd, ist das den Filmen in der Regel sehr schnell anzuhören: weil ein Sprecher das Reden übernehmen muss. Das ist in „Guter Hoffnung“ völlig anders. Der von Tom Vogt sehr angenehm vorgetragene Kommentar bietet die nötigen Hintergrundinformationen und Ergänzungen, aber ansonsten sprechen die Eltern. Genauer gesagt: die Mütter. Zwei von ihnen können auch deutlich besser Deutsch.

Der biografische Hintergrund ist ohnehin interessant, selbst wenn Hofmann ihn nicht weiter vertieft: Das muslimische Paar Weam und Ahmed, beide 26, studiert noch. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, er ist vor einigen Jahren aus Syrien gekommen. Das deutlich ältere jüdische Ehepaar stammt aus Israel. Sängerin Niva ist 37, ihr Mann Omer (46) ist Komponist und Dirigent; die beiden haben bereits eine kleine Tochter. Die Familie lebt seit fünf Jahren in Berlin und heute in Neukölln, einem stark muslimisch geprägten Stadtteil. Omer macht kein Hehl daraus, dass er vermutlich seine Gesundheit riskieren würde, wenn er mit Kippa und israelischer Fahne auf die Straße ginge. Niva wiederum freut sich darüber, dass Töchterchen Gili lauter palästinensische Freunde hat. Martha (28) und Martin (35) sind Protestanten, sie haben einen dreijährigen Sohn, der kurz vor der Geburt gar keine Lust hat, seine Mutter mit dem Geschwisterchen zu teilen.

Noch rasch ein Stoßgebet

Sehr sympathisch ist Hofmanns Unvoreingenommenheit. Im Krimi stehen tiefgläubige Menschen regelmäßig im Verdacht des Fundamentalismus, doch der Autor präsentiert seine sechs Protagonisten einfach nur als glückliche werdende Eltern, deren Glauben zwar kein Zufall ist, die ihre Religiosität aber auch nicht wie einen Appell vor sich hertragen.

Natürlich sprechen die Paare über ihren Glauben, aber nur, weil Hofmann sie danach fragt. Weam sagt, sie danke Gott jeden Tag dafür, dass sie und Ahmed gesund seien. Martha erzählt freimütig, Fürbitten in eigener Sache seien ihr unangenehm, weshalb sie in solchen Fällen ihre Mutter bitte, das zu übernehmen. Und Martin prägt den Begriff „Gebet to go“, weil er unterwegs noch rasch ein Stoßgebet losgeworden ist. Hofmann lässt in keinem Moment spüren, ob er sich einem der Paare mehr verbunden fühlt als den anderen. Gleiches gilt für seinen Umgang mit den verschiedenen Glaubensformen, die er gleichwertig nebeneinander stellt; auf diese Weise wird sein Film auch ein Plädoyer für Weltoffenheit und Toleranz.

Gegen das Klischee

Die Paare sind jederzeit natürlich und von sympathischer Offenheit; kein Moment wirkt gestellt. Ohne Scheu sprechen sie auch über Sorgen; Ahmed zum Beispiel, der die Geburt jedes Kindes als Beweis für die Existenz Gottes betrachtet, sieht sich als Familienvater in einer neuen Rolle und hat Zweifel, ob er sie ausfüllen kann. Und ganz gegen das Klischee betont Weams Mutter, wie wichtig es ihr sei, dass ihre Tochter das Studium beende.

Für eine etwaige Fortsetzung wäre es sicher interessant, die Elternpaare zusammenzubringen; womöglich würden sie sehr bald feststellen, dass sie weit mehr gemeinsam haben als nur die Tatsache, dass alle drei ein Mädchen bekommen haben.

Ausstrahlung: ZDF, 26. März 2019, 22.15 Uhr