40 Jahre Memphis-Möbel Frech, kunterbunt – und unpraktisch

Übermütig: das „Memphis“-Team 1981 auf dem Bett „Masanori“ von Umeda Tawaraya – ganz rechts mit Schnauzer Ettore Sottsass Foto: Studio Azzurro, courtesy Memphis, Milano

Möbel können gute Laune machen – das wollten die Designer der „Memphis“-Bewegung beweisen und begeisterten die Welt mit Bakterienmustern und Lampen mit Krähenfüßen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Wer etwas auf sich hält, greift zu Qualität. Erlesene Materialien. Exquisites Design. Hochwertige Verarbeitung. Damit kann man punkten. Aber Möbel mit billigem Resopalfurnier? Muster, die eher für Geschenkpapier taugen, und Farben, die ins Kinderzimmer gehören? Für Ästheten und Puristen war es eine Katastrophe, was einige italienische Designer in den Achtzigerjahren unter dem Namen „Memphis“ auf den Markt brachten. Kunterbunte Verrücktheiten, Bücherregale, die man nicht ernsthaft benutzen kann. Das meiste war nicht nur unpraktisch und scheußlich, es sollte genau das sein. Offiziell nannte man das: Anti-Design.

 

David Bowie liebte das „Memphis“-Design

Bis heute gibt es noch vereinzelte Liebhaber, die freudig zuschlagen, wenn originale „Memphis“-Möbel versteigert werden. David Bowie liebte sie. Als seine Bestände 2018 unter den Hammer kamen, zahlte ein Liebhaber rund 60 000 Euro für das kunterbunte Bücherregal „Carlton“ von Ettore Sottsass, in dem man so bemerkenswert wenige Bücher unterbringt.

Aus den meisten Wohnungen ist „Memphis“ aber längst wieder verschwunden. Trotzdem haben die Designer, die 1980 an einem feuchtfröhlichen Abend „Memphis“ gründeten, in den Köpfen der Menschen einen Schalter umgelegt und eine Freiheit eingeläutet, von der die Möbelindustrie bis heute profitiert.

Denn wenn die Kunden heute mit einem pinkfarbenen Hocker bei Ikea herausmarschieren oder eine verrückte Leuchte im Lampenladen kaufen, so hat das viel mit „Memphis“ zu tun. Diese neuen Möbel und Lampen machten bewusst, dass Wohnen lustig, frech und übermütig sein darf und sogar Spaß machen kann. Bunt statt brav, gewagt statt ausgetüftelt.

Muster breiten sich wie Bakterien auf den Möbeloberflächen aus

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein hat für die Ausstellung „40 Jahre Kitsch und Eleganz“ nun all die schönen – und weniger schönen – Produkte zusammengetragen: Tische, die so bunt gescheckt sind, dass einem die Augen flimmern; mehrfarbige Sessel aus geometrischen Formen. Vor allem stößt man immer auf Muster, die an Bakterien erinnern, die sich über sämtliche Flächen ausbreiten, Stühle oder Lampensockel sozusagen kontaminierten.

Der italienischen Designer Ettore Sottsass war der Wortführer der „Memphis“-Gruppe. Bei einer Reise durch Indien war ihm aufgefallen, dass dort selbst die armen Leute in bunten Häusern wohnten und farbige Kleider trugen, während Europa trist und grau wirkte. Das wollte er ändern – und als er mit den Kollegen zusammensaß, war er es, der der neuen Bewegung den Namen Memphis gab, aus einer Laune heraus. Der Plattenspieler soll hängen geblieben sein, sodass immer wieder „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ von Bob Dylan lief.

Die Vase „Danubio“ erinnert an einen Penis

Das, was Sottsass, Matteo Thun, Michele De Lucchi, Barbara Radice und andere entwarfen, war anders als alles, was es vorher gegeben hatte. Die meisten Bewegungen in Kunst und Design wenden sich bewusst ab von den Ideen früherer Generationen. „Memphis“ aber machte sich lustig über all die Ideologien und Konzepte – und vor allem über die Ernsthaftigkeit, mit der man bisher Design betrieben hatte. Tische bekamen nun unterschiedlich dicke Beine, Lampen fehlte der Schirm, dafür hatten sie Hühnerbeine. Matteo Thuns Vase „Danubio“ erinnert auch verdächtig an einen Penis.

Die Menschen standen Schlange

Kein Wunder, dass die Menschen Schlange standen, als in der Mailänder Design Gallery Anfang der Achtzigerjahre eine kleine Kollektion von Möbeln und Wohnaccessoires ausgestellt wurde. Die „Memphis“-Truppe wurde in kurzer Zeit berühmt, weil ihre Kreationen eben auch der breiten Bevölkerung Lust auf Design machten.

Statt um die gute Form zu ringen, deren Qualität Connaisseure entzückt, wollten sie gute Laune und positive Gefühle verschaffen mit ihren schrillen Farben und Mustern. „Alle Projekte von Memphis sind positive Vorschläge, nicht kritisch“, schrieb Barbara Radice denn auch in der Zeitschrift „Domus“.

Heute ist es selbstverständlich, ein antikes Sofa mit einem Eisentisch zu kombinieren oder eine Pop-Art-Vase auf den rustikalen Landhaus-Tisch zu stellen. „Memphis“ brachte den Menschen bei, dass man sich daheim nicht für einen Stil entscheiden muss und auch Kunststoff-Laminat oder Holzimitat durchaus salonfähig sein können. Alles ist erlaubt.

So wurden Popkultur, Werbeästhetik, Design und Kunst kühn gemischt. Der amerikanische Designer Peter Shire etwa verwendete wie einst die Bauhaus-Künstler geometrische Grundformen. Bei seinem Sessel „Bel Air“ von 1982 tarierte er Kreis und Rechteck aber nicht elegant aus, sondern schob die Formen so ineinander, dass sie sich gerade nicht symmetrisch und logisch fügen. Der kühne Mix schlug sich auch in der Architektur nieder.

Auch die Staatsgalerie Stuttgart ist vom Stil-Mix inspiriert

„Memphis“ traf den Geist der Postmoderne. Auch in der Mode, der Literatur und der Architektur wurde nun mit Formen und Stilen gespielt. Ein Paradebeispiel der Postmoderne ist die Neue Staatsgalerie Stuttgart, bei der der Brite James Stirling1984 antike Tempelbauten zitierte, pinkfarbene Geländer und grasgrüne Böden einsetzte. Aus der Fassade scheinen einige Steine herausgefallen zu sein, ein bisschen Spaß und Irritation sollte schon sein.

Die Italiener beflügelten auch die deutschsprachigen Designer, die nun auch Eisen, Stahl oder sogar Beton nutzten für ihre Kreationen. Auch der österreichische Architekt und Designer Hans Hollein war von „Memphis“ inspiriert. Dessen Geist kann man auch noch an dem von ihm gebauten Museum für Moderne Kunst in Frankfurt ablesen.

Das Wohnen profitiert auch heute noch von den Freiheiten, die „Memphis“ sich nahm

Lang hielt sich der „Memphis“-Hype nicht. Trotzdem ist die Bewegung bis heute für viele Gestalter Vorbild, weil man sich nicht scherte um das, was des Designs erste Pflicht ist: funktional zu sein. Auf Michele de Lucchis Stuhl „First“ (1983) hat man nur eine Scheibe im Rücken. Richtig gemütlich ist das nicht. Man kann auch nicht gut lesen beim Licht der „Super“- Leuchte von Martine Bedin, die eher Spielzeugauto als Lampe ist.

Letztlich war der Geist von „Memphis“ wichtiger, als die einzelnen Produkte es selbst sein mögen. Sie hätten endlich mal die Sachen machen wollen, die sie selbst bewegten, hat Matteo Thun später gesagt. Dass man heute auf Hockern mit Baumstammdekor sitzt oder Ikea Schaukelbananen im Sortiment hat, ist letztlich der Freiheit geschuldet, die sich „Memphis“ erlaubte.

„Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz“, bis 23. Januar 2022 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (derzeit geschlossen).

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