40 Jahre nach dem Schönaicher Busunglück Zeitzeugen erinnern sich an Pfäffikon-Tragödie

Seit an Seit liegen die Verstorbenen auf dem Schönaicher Friedhof begraben. Foto: Dudenhöffer

Am 12. September jährt sich das Busunglück von Pfäffikon zum 40. Mal. In der Kleinstadt bei Zürich waren damals 39 Menschen aus Schönaich ums Leben gekommen. Wie erinnern sich die einzigen beiden Überlebenden an die Tragödie?

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Am 12. September 1982 raste ein Regionalzug über den Bahnübergang in der Schweizer Kleinstadt Pfäffikon in der Nähe von Zürich und erfasste dort einen Reisebus. Darin saßen 41 Menschen – allesamt Angehörige der Altherren-Mannschaft des TSV Schönaich. 39 von ihnen kommen bei dem Unfall ums Leben, nur zwei Menschen überleben schwer verletzt. 43 Kinder, darunter etliche Minderjährige, verloren vom einen auf den anderen Tag ihre Eltern und wurden zu Vollwaisen.

 

40 Jahre später ist die Tragödie keineswegs vergessen. Zu einschneidend sind die Eindrücke, zu tief die Wunden. So ergeht es auch Magda Weinbrenner und Maria Mezger, den beiden einzigen Überlebenden des Busunglücks. Schwer wiegen die Erinnerungen der beiden heute 81 und 80 Jahre alten Frauen. Viele Details des Tages, der ihr Leben auf so drastische Weise änderte, sind auch 40 Jahre später noch präsent.

Menschliches Versagen führte zu dem Unglück

„Ich erinnere mich noch, dass wir zu spät von unserer Gaststätte, in der wir noch saßen, aufbrachen. Wären wir früher weggekommen, vielleicht wäre das alles nicht passiert“, reflektiert Magda Weinbrenner über den 12. September 1982. Es kam anders. 41 Personen, zumeist Ehepaare, die durch den TSV Schönaich freundschaftlich verbunden waren, beschäftigten sich im Bus mit Kartenspielen und Gesprächen mit ihren Sitznachbarn, als ihr Bus über den Bahnübergang fuhr und dort in seine Einzelteile zerlegt wurde. Die Schranke, die hätte geschlossen sein sollen, war wegen einer Fehleinschätzung einer Bahnmitarbeiterin geöffnet.

„Ich habe den herannahenden Zug nicht vernommen. Mein Mann legte mir aber kurz vor der Kollision seine Hände in meinen Schoß und sagte: ‚Das war’s dann wohl’. Und so war es. Wir wurden bis zu 60 Meter aus dem Bus geschleudert, der Bus zerbrach in unzählige Teile und fing Feuer“, erzählt Maria Mezger. Sie und Magda Weinbrenner überlebten mit schweren Verletzungen. Das Ausmaß wurde den damals 40 und 41 Jahre alten Schönaicherinnen bewusst, als man ihnen die Nachricht überbrachte, dass ihre Ehemänner, die Väter ihrer Söhne, und die Freunde vom TSV keine solchen Schutzengel hatten und tot waren.

Obwohl sie mit dem Leben davonkamen, konnten die beiden Frauen zunächst wenig Dankbarkeit spüren, wie Magda Weinbrenner auch 40 Jahre danach mit tränengefüllten Augen schildert: „Angesichts der Tatsache, dass bis auf uns zwei alle anderen, die uns lieb waren, gestorben waren, stellte ich mir die Frage ‚warum hast du überlebt, warum bist du nicht auch gestorben?’“. Schnell aber habe man die schicksalhafte Situation angenommen. „Wir hatten damals Kinder, die uns gebraucht haben und die nicht auch noch ihre Mutter verlieren wollten“, ergänzt Mezger. Gemeinsam mit Familie, Freunden und der Gemeinde habe man sich um die Beerdigung der Verstorbenen und die Versorgung der hinterbliebenen Kinder und Jugendlichen gekümmert. „Hier wurde Großartiges geleistet. Dafür sind wir bis heute sehr dankbar“, richtet Mezger an die damalige Gemeindeverwaltung lobende Worte.

Ein Bürgermeister als Krisenmanager

An der Spitze des Organisatorischen stand Axel Hepfer. Er war 1982 Bürgermeister von Schönaich. Quasi über Nacht wurde er Leiter des Krisenstabs und damit zum obersten Krisenmanager im Rathaus. Lebhaft und präzise erinnert Hepfer heute noch den Abend des 12. September 1982: „Ich war an jenem Sonntag mit meiner Familie unterwegs, da rief ich mich der Polizeidirektor aus Böblingen an und fragte mich, ob ich schon wisse, was passiert sei. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob der Bus aus Schönaich kam. Mit der Zeit aber verdichteten die Hinweise, dass die Verunglückten aus unserem Ort stammten.“

Als klar wurde, welches Ausmaß das Busunglück mit fast 40 Toten angenommen hatte, machten sich bei Hepfer und seinen Mitarbeitern eine noch größere Trauer und Fassungslosigkeit breit. „Wir standen unter Schock, waren wie gelähmt. Denn es kannte hier jeder jeden. Die meisten Bewohner gingen in den ersten Tagen nach dem Unglück mit hängendem Kopf durch die Straßen“, sagt Axel Hepfer. Der Rathauschef fuhr wenige Tage danach an den Unglücksort in die Zentralschweiz – auch um die Überführung der 39 Särge in die Wege zu leiten.

Große Unterstützung für die Angehörigen

Nach einer ersten Schockphase ging es für den Bürgermeister und die Gemeindemitarbeiter an die Arbeit. „Ich bin morgens um 7 ins Büro und kam abends um 22 Uhr nach Hause. In solchen Zeiten funktioniert man nur. Da blieb kaum Zeit zum Nachdenken“, betont der Ex-Schultes. Zuvorderst ging es darum, die Versorgung der Voll- und Halbwaisen sicherzustellen, die zahlreichen Spenden und die Schadensersatzleistungen der Schweizer Bundesbahn zu koordinieren. „Die Spenden- und Hilfsbereitschaft war riesig. Sogar aus der DDR kam ein Brief mit 20 Mark, eingepackt in Alufolie“, so Hepfer. Besonders herausragend seien die Leistungen derer gewesen, die sich der Kinder und Jugendlichen annahmen, die ihre Eltern verloren hatten.

Einmal, 2007, reisten Weinbrenner und Mezger nach Pfäffikon, an den Ort des Geschehens. „Das war sehr schwer, aber auch wichtig“, so Magda Weinbrenner. Just in dem Moment, so die Erinnerung von Maria Mezger, als man zum Gedenken am Bahnübergang stand, rauschte ein Zug an ihnen vorbei. „In diesem Moment habe ich verstanden, mit welcher Wucht so ein Zug unterwegs ist“, erzählt Mezger. Groll gegenüber der Frau, die durch ihren Fehler das Unglück herbeigeführt hatte, hegen beide nicht. „Wir konnten nie böse sein, das war ein menschlicher Fehler“, erklärt Weinbrenner. Auch wenn die zwei Überlebenden noch mal geheiratet haben und ihr Familienleben eine glückliche Wendung genommen hat, bleibt Pfäffikon untrennbar mit ihnen verbunden – schmerzvoll und unbegreiflich.

Gedenk-Veranstaltung

Gedenken
 Anlässlich des 40. Jahrestags des Pfäffikon-Unglücks veranstaltet die Gemeinde Schönaich zusammen mit den Kirchen eine Gedenkveranstaltung am kommenden Montag, 12. September. Beginn ist um 19 Uhr auf dem Friedhof in Schönaich. 

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