40 Jahre Naturpark Schwäbisch Fränkischer Wald Die schönsten Park-Plätze

Bernhard Drixler ist Geschäftsführer des Naturparks. Sein Lieblingsort: der Weiterweg bei Gschwend. Foto: Gottfried Stoppel

Vor 40 Jahren heftig umstritten, heute längst ein Erfolgsmodell. Vier Naturparkfans zeigen ihre Lieblingsorte im Schwäbisch-Fränkischen Wald.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Murrhardt - Am liebsten hätten erzürnte Waldbauern den damaligen Rems-Murr-Landrat an einem Baum festgebunden. Horst Lässing solle doch mitten im Forst bei Murrhardt Wurzeln schlagen, hieß es Ende der 1970erJahre. Die Kritiker des Kreischefs wollten die Gründung des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald um fast jeden Preis verhindern. Viele Bauern und Bürger auf dem Land hatten Angst vor einer „Käseglocke“. Sie befürchteten, die Holzproduktion sowie die gesamte wirtschaftliche Entwicklung könnte zum Stillstand kommen.

 

Die Kritik ist längst verstummt. Der Naturpark ist ein beliebtes Ausflugsziel und ein Erfolgsmodell geworden. Zum 40. Geburtstag haben wir vier Menschen an ihren Lieblingsorten getroffen.

Das Bänkle in Großhöchberg

Thomas Weber war schon als Bub oft im Naturpark, auch wenn er damals gar nicht wusste, dass seine Eltern mit ihm in den Schwäbisch-Fränkischen Wald fahren. „In Großerlach und in Jux hab ich Ski fahren nicht gelernt“, sagt Weber lachend. Der 44-Jährige arbeitet und lebt im 100-Seelen-Ort Großhöchberg. Hier hat der Bankkaufmann und Schauspieler vor 19 Jahren sein Kabirinett eröffnet, die Probierbühne auf dem Lande.

Am Ortsrand ist auch sein Lieblingsplatz: die Ruhebank mit Blick in Richtung Stocksberg und Vorderbüchelberg. Der Schwäbische Wald, sagt Weber an diesem bitterkalten Wintertag, sei ihm zur Heimat geworden. Er schwärmt von der Ruhe am Waldrand. Die Natur wird hin und wieder sogar zum Bühnenbild seiner Stücke. Etwa für die „Räuber“, zum 300. Geburtstag der Gemeinde Spiegelberg erstmals aufgeführt. Das Stück mit dem furiosen Ende auf einem urigen Räuberplatz im Wald spielt von Anfang bis Ende draußen.

Dass es in der Vorderbüchelberger Straße ein nettes Bänkle gibt, hat sich weit herumgesprochen. Leider, sagt Thomas Weber. Selber schuld, könnte ein Spötter einwerfen. Die Vorstellungen im Kabirinett sind fast immer ausverkauft. Weber schätzt, dass seit der Eröffnung 200 000 Gäste herpilgerten. Und viele kommen nach einem Besuch im Kabirinett zurück nach Großhöchberg, um zu wandern – inklusive Rast auf Webers Bank.

Der kleine Ort, der auch liebevoll der Kulturbuckel genannt wird, habe ihn schon begeistert, bevor er hergezogen ist. Weber wuchs in Asperg im Kreis Ludwigsburg auf. Seine erste Ausbildung machte er bei der Bausparkasse Wüstenrot. Und der erste Betriebsausflug führte den Teenager genau in diesen zehn Fahrminuten von Großhöchberg entfernten Ort, wo 1921 in einem Bauernhäuschen der Verein Gemeinschaft der Freunde gegründet wurde, aus dem dann die ersten Bausparkasse des Kontinents wurde.

Nach Banklehre und Zivildienst absolvierte Weber die Schauspielschule des Mimen Frieder Nögge in Backnang. Nögge lebte auf dem Klosterhof in Großhöchberg, die Studenten besuchten ihren Lehrmeister gelegentlich. Bald stand für Weber fest: „Hier will ich wohnen.“ Der Schwäbisch-Fränkische Wald, „die grüne Lunge Stuttgarts“, sagt Thomas Weber und lässt den Blick schweifen, sei für viele Menschen, die in der Metropolregion leben, immer noch ein Geheimtipp.

Der Weiterweg in Rotenhar

Bernhard Drixler kennt den Naturpark wie kaum ein anderer. Der Forstwissenschaftler ist seit 1995 Geschäftsführer des Naturparkvereins. Er muss nicht lange überlegen: Sein Lieblingsort ist der Weiterweg bei Gschwend-Rotenhar.

Während der gut 20-minütigen Autofahrt vom Naturparkzentrum am Murrhardter Marktplatz bis zum Ziel wird schnell deutlich: Der 63-jährige Drixler kennt jeden Baum, jeden Busch im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Er erzählt eine Anekdote nach der anderen – von Menschen, von Siedlungen, von Bergen und Tälern.

Ankunft beim Weiterweg, einem ganz besonderen Walderlebnispfad, der mal Besinnungsweg ist und mal Kunstpfad. Die zehn Haltepunkte laden die Ausflügler ein, über die Fragen des Lebens nachzudenken. Drixler sagt, an den Stationen würden die Zehn Gebote „weltlich-philosophisch interpretiert“. Dann nimmt er Platz am „Großen Tisch des Friedens“, der an das christliche Abendmahl erinnert und zum friedlichen Miteinander aller Menschen aufruft. Hier haben US-Soldaten während des Kalten Kriegs in den 80er Jahren regelmäßig ihre mobilen Mittelstreckenraketen in Stellung gebracht.

„Wenn Freunde zu Besuch sind, dann zerre ich die immer hierher“, sagt Bernhard Drixler. Auf dem Weiterweg könne er auftanken, wenn es ihm mal schlecht gehe. „Hier“, sagt Drixler, „erkenne ich das Wesentliche im Leben.“ Ab und zu zwitschern an diesem Januartag ein paar Vögel. Ansonsten herrscht in dem Privatwald der Graf von Pückler und Limpurg’schen Wohltätigkeitsstiftung Stille. Manche Ausflügler begeben sich auf den Weg, um ihr Leben zu reflektieren oder zu meditieren. An wärmeren Tagen, sagt Drixler, lege er sich bei seinen Stippvisiten gerne mitten im Wald ins Moos. Anschließend schaue er mitunter bei dem großen Tisch vorbei, der werde manchmal von Unbekannten gedeckt. Jeder Ausflügler darf sich dann frei bedienen.

Im Forst der Stiftung, in dem seit 100 Jahren keine Bäume gepflanzt werden, wachsen viele Pilze und hohe Heidelbeerbüsche. Fachleute sprechen mit Blick auf diese Art der unkonventionellen Waldbewirtschaftung von Naturverjüngung.

Der Spielplatz am Alleensee

Ana Maria Noller lebt seit zehn Jahren bei ihren Adoptiveltern in Murrhardt. Das Mädchen aus Peru liebt den Spielplatz beim Alleensee am Stadtrand. Ihr Lieblingsplatz. „Als kleines Kind bin ich oft hergekommen“, sagt die 13-Jährige. Mit dem Eltern und der Hündin Lotte, mit der besten Freundin und manchmal auch allein. Besonders hoch im Kurs stand immer der angelegte Wasserlauf. Die Freundinnen sind herumgeklettert, haben das Wasser gestaut und dann wieder in Richtung Tümpel laufen lassen.

An ihrer Heimatstadt im Schwäbischen Wald mag Ana Maria ganz besonders „die schöne Natur“, wie sie sagt. „Draußensein ist toll.“ Zum Glück sei sie in Murrhardt gelandet und nicht in Stuttgart oder einer anderen Metropole. Die Landeshauptstadt wäre ihr nämlich viel zu groß.

Der Ebnisee

Deniz Weiss war als Kind mitunter täglich am Ebnisee. Die 51-jährige Leiterin der Grundschule Oberweissach kommt immer noch oft vorbei an dem idyllischen, einst als Flößersee angelegten Gewässer – auf ihrer Fahrt von daheim in Murrhardt-Kirchenkirnberg zur Arbeit. Deniz Weiss ist im Ort Ebni aufgewachsen, in „Schwäbisch Bullerbü“, wie sie augenzwinkernd sagt.

In Ebni gab es nicht sehr viel zu unternehmen für Kinder und Jugendliche. Also führte der Weg ständig an den See – zum Baden oder zum Schlittschuhlaufen. „Wir konnten uns ohne Aufsicht von Erwachsenen ausprobieren“, sagt Weiss, die auch Naturparkführerin und Waldpädagogin ist.

Der Ebnisee trägt an diesem Nachmittag stellenweise eine dünne Eisschicht. Wer an so einem Tag unter der Woche hier vorbeikommt, der kann die Ruhe genießen. Ganz anders an den Wochenenden: Vor allem in der warmen Jahreszeit ist der See das Ziel der unterschiedlichsten Menschen – Senioren, Familien mit kleinen und größeren Kindern, Jugendliche wie anno dazumal Deniz Weiss, Sportler und Motorradfahrer, Wanderer und Ausflügler, die sich am Ufer niederlassen und Kaffee und Kuchen bestellen.

Deniz Weiss blickt mit einem Lächeln Richtung See. Eigentlich, sagt sie, sollte sie auf dem Rückweg von der Arbeit hier viel öfter haltmachen am Ufer. Eine Runde schwimmen im Sommer. Sich im Herbst einfach auf ein Bänkle sitzen und in Gedanken wieder eintauchen in die unbeschwerte Zeit ihrer Kindheit und Jugend.

Der Naturpark

Der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald liegt nordöstlich von Stuttgart und ist ein sogenanntes Großschutzgebiet mit 1270 Quadratkilometern Fläche, in dem etwa 170 000 Menschen leben. Die Wälder und Streuobstwiesen, Weinberge, Klingen, Grotten und Schluchten, Seen sowie ein paar lebhafte Städte sind beliebte Ausflugsziele. Der Naturparkverein fördert umweltgerechte Land- und Forstwirtschaft. Zudem sollen nachhaltiger Tourismus und Gemeinschaftsleben gestärkt werden.
Der Deutsche Naturparktag geht dieses Jahr im Schwäbisch-Fränkischen Wald über die Bühne. Im September werden hier die Vertreter der insgesamt 105 deutschen Naturparke erwartet.

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