Vor 40 Jahren Mit Jubel begrüßt - Als die erste S-Bahn in Böblingen hielt

Die neue S-Bahn passiert die Haltestelle Stuttgart-Vaihingen Foto: Kraufmann

In der Bahnhofstraße ging 1985 die Post ab: 70 000 Menschen feierten vor 40 Jahren den Böblinger S-Bahn-Anschluss.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Die Menge jubelte, die Bahnsteige und Brücken waren überfüllt von Schaulustigen, an jedem Haltepunkt von Stuttgart bis Böblingen spielten Musikvereine. Vor 40 Jahren begann in Böblingen das S-Bahn-Zeitalter.

 

Tatsächlich war der S-Bahn Anschluss des noch jungen Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) vor 40 Jahren nichts weniger als ein Meilenstein, und zur Ankunft der ersten S-Bahn am 28. September 1985 hatten die Böblinger ihren Bahnhof auf Hochglanz gebracht. „DB-Angestellte und Stadtarbeiter schrubbten, strichen und polierten, was das Zeug hielt“, hieß es damals in unserer Zeitung. „Der Bahnhofsplatz bekam eine kräftige Dusche, die Unterführung wurde frisch geplättelt. Und sogar die Glasscheiben der Fahrplanvitrinen strahlten wie selten zuvor“

Blick aus dem Führerstand der neuen S-1 auf die von Schaulustigen gesäumte Strecke. Foto: Kraufmann

Auch eine Straßenumfrage wurde durchgeführt. Die Auszubildende Kerstin Lang sagte damals: „Ich hab am Montag Schulung in Stuttgart, da kommt mir das genau richtig.“ Bedenken hatte etwa der Geschäftsmann Mathias Walter, der sagte: „Ich sehe ein bisschen die Gefahr, dass das Böblinger und Sindelfinger Kaufkraftpotenzial nach Stuttgart abfließt.“

Trotzdem war ein steter Strom der Begeisterung zu spüren, der sich langsam steigerte, je mehr auch die damals noch für Autos freigegebene Bahnhofstraße zum Festplatz umgebaut wurde. „Nur noch 20 Stunden“, titelte unsere Zeitung in einem Vorbericht.

Umweltfreundlich und zukunftssicher

Am Eröffnungssamstag stand dann jede Menge Prominenz an der S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße in Stuttgart, dem bisherigen Endpunkt der Linie S1, die in Plochingen startete. Die Festrede hielt der Präsident der Bundesbahndirektion Stuttgart, Ulf Häusler. Er sprach „von einem bedeutenden Beitrag, um die verkehrliche Herausforderung im Mittleren Neckarraum umweltfreundlich und zukunftssicher zu meistern.“

Wenig später, um 9.25 Uhr, ertönte ein schriller Pfiff. Mit diesem Startschuss aus seiner Trillerpfeife versetzte Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel, ausstaffiert mit Schaffnersuniform und Kelle, Vaihingen, Rohr, Goldberg und Böblingen ins S-Bahn-Zeitalter – und schloss 250 000 Menschen zusätzlich an das S-Bahn Netz im Mittleren Neckarraum an.

Steiler als die Gotthardbahn

Der Bau der 18 Kilometer langen Strecke gilt als technische Meisterleistung ihrer Zeit. Nach der Station Schwabstraße überwinden die Züge bis zur Universität in Stuttgart-Vaihingen 154 Meter Höhenunterschied bei einer Steigung von etwa 3,5 Promille. Steiler und länger war bis dahin kein Eisenbahntunnel der alten Republik, die Steigung übertraf selbst die berühmte Gotthardbahn in der Schweiz. Das Netz des VVS, das 1,5 Millionen Menschen im Großraum Stuttgart nutzen konnten, war damit nahezu komplett. Nur die S-Bahn-Strecke zum Stuttgarter Flughafen sollte erst 1989 fertig werden.

Nach dem Spatenstich für die Anbindung Böblingens am 1. Oktober 1978 hatten sich die Arbeiter sieben Jahre lang durch Gestein und Mutterboden gefräst. Nicht weniger als 515 Millionen Mark investierte die Deutsche Bundesbahn, das entspricht etwa 258 Millionen Euro. Rund 290 Millionen Mark, also 185 Millionen Euro, entfielen allein auf den 5,5 Kilometer langen Hasenbergtunnel vom bisherigen S-Bahn-Endpunkt „Schwabstraße“ bis zum Universitätsgelände Pfaffenwald. 60 Prozent der Investitionskosten trug der Bund, 40 Prozent das Land, das die Landeshauptstadt und ihre Nachbarlandkreise beteiligte. Stuttgart musste rund 170 Millionen Mark beisteuern. Das Jahr 1978 markierte auch allgemein den Start des VVS, des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart. Den Vorortverkehr von Stuttgart zusammen zu fassen, war sicherlich ein Geniestreich im damaligen ÖPNV. Unvergessen ist der Werbespruch: „Wo man auch hinfährt im Verbund, man kommt mit einem Fahrschein rund.“ Und dem VVS ist auch heute noch klar, was diese Verbindung bedeutet. „Die S-Bahn verbindet seitdem die Menschen im Kreis Böblingen noch enger mit der Landeshauptstadt und ist aus dem täglichen Leben vieler Fahrgäste nicht mehr wegzudenken“, sagt der VVS-Geschäftsführer Jan Neidhardt. Seine Kollegin Cornelia Christian ergänzt: „Seit damals können viele Menschen die großen Arbeitgeber in Böblingen und Stuttgart leichter erreichen.“

Geniestreich im ÖPNV

Den Menschen damals war die Bedeutung der neuen Verbindung auch schon bewusst und sie erwarteten den ersten Zug mit Spannung. Während Handwerker noch letzte Hand an die Bühne im Böblinger Bahnhof legten, arbeitete sich die S-Bahn langsam vom Talkessel den Berg hinauf. Begleitet von den Klängen der Musikvereine, die an jeder Station warteten, vorbei an den Bahnsteigen und Brücken, die mit Schaulustigen überfüllt waren, vorbei auch an der Big-Band der Stuttgarter Universität in Vaihingen, die dem Zug ein Ständchen spielte, rollte die S-Bahn schließlich in den Böblinger Bahnhof ein. Dort warteten Böllerschläge, Musik und eine begeisterte Menschenmenge. Der Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Brumme begrüßte nicht nur den Zug, sondern kippte auch ein Glas Sekt auf den Triebkopf, als er zusammen mit dem Bundesbahnchef Rainer Gohlke den Zug auf den Namen „Böblingen“ taufte. Man sei jetzt näher am Cannstatter Wasen und am Neckarstation, meinte er launig.

Doch nicht nur an der Flanke des Triebkopfs floss der Sekt in Strömen. Nachdem um 11.27 Uhr die S-Bahn fahrplanmäßig zum Schnupperpreis von zwei Mark im Halbstundentakt Richtung Stuttgart zurück gerauscht war, feierte Böblingen zwei Tage lang.

Die Feier ging zwei Tage lang

Das große Bahnhofstraßenfest, ausgerichtet von den anliegenden Geschäften, bot am Samstag von 13 bis 22 Uhr Tanzvorführungen und Musik. Die Feuerwehr machte eine Schauübung, die Tanzschule Bode heizte dem Publikum mit Rock’n Roll und Breakdance ein. Auf dem Bahnhof und der Bahnhofstraße herrschte ein Massenandrang. Am Samstag waren 40 000 Besucher da und am Sonntag noch einmal 30 000. Beim großen Straßenfest war aber das Wirklichkeit geworden, was den Lokalpolitikern seit Jahren im Kopf herumspukte: Die 400 Meter lange Bahnhofstraße war an diesen beiden Tagen erstmals zur Fußgängerzone geworden.

Und heute? „Herzlichen Glückwunsch“, schreibt der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne), „die direkte Verbindung zwischen Böblingen und Stuttgart stellt insbesondere in Zeiten der Mobilitätswende eine unverzichtbare Alternative dar“. Und der Landrat Roland Bernhard kommentiert: „Der Anschluss des Böblinger Bahnhofs an das S-Bahnnetz war vor 40 Jahren ein gewaltiger Sprung in der Qualität des ÖPNV für das Ballungsgebiet Böblingen/Sindelfingen. In der Folge hat der ganze Landkreis wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch von ihr profitiert.“ Nur habe sich der VVS eventuell zu lange auf diesen Lorbeeren ausgeruht. „Auf der anderen Seite muss man leider feststellen: Die S-Bahn ist in den letzten zehn Jahren immer unzuverlässiger geworden. Es ist dringend nötig, dass die Politik und die Deutsche Bahn als Betreiber endlich wieder den Anspruch an Pünktlichkeit erfüllen“, kritisiert der Landrat.

Die längste Linie im Verbund

VVS
Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart ist am 1. Oktober 1978 eingeführt worden. Er vereinigte die Züge der Deutschen Bundesbahn, die Busse der Post und die Stuttgarter Straßenbahnen.

S-1
Die Linie S-1 ist die längste Linie im Verbund und erfuhr etliche Erweiterungen. Ging sie zunächst von Plochingen zur Stuttgarter Schwabstraße, wurde sie erst nach Böblingen, dann nach Herrenberg erweitert. Zuletzt wurde die Strecke im Südosten bis nach Kirchheim unter Teck verlängert.

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