40 Jahre Stadtbahn Holpriger Start in die Zukunft des Nahverkehrs
Vor 40 Jahren ging in Stuttgart die erste Stadtbahnlinie in den regulären Betrieb. Warum wurde der historische Moment damals gar nicht so registriert?
Vor 40 Jahren ging in Stuttgart die erste Stadtbahnlinie in den regulären Betrieb. Warum wurde der historische Moment damals gar nicht so registriert?
Die Stadtbahn ist aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Auf 136 Kilometern Streckenlänge durchqueren 15 reguläre Linien und eine Sonderlinie die Stadt und erschließen das Umland. Doch als vor 40 Jahren, am 28. September 1985, die bisherige Straßenbahnlinie 3 zwischen Vaihingen und Plieningen als erste komplett auf Stadtbahnzüge umgestellt wurde, hat man das historische Ereignis wenig wahrgenommen.
Das lag einerseits daran, dass am selben Tag auch der Südast der S-Bahn Richtung Böblingen und Stuttgart-Rohr in Betrieb ging, samt dem neuen langen Tunnelabschnitt von der Schwabstraße bis zum Österfeld. Die nur kurze Stadtbahnlinie 3 war eine Randnotiz. Die Linienbezeichnung war anfangs übrigens ohne das heutige Stadtbahn-U, das erst Ende der 1980er Jahre generell eingeführt wurde.
Noch etwas verwischte den Eindruck des historischen Umbruchs. Wer im September 1985 in den neuen „Dreier“ einstieg, war Stadtbahnzüge oft schon gewöhnt: Zunächst verkehrten ab 1982 auf der Linie erste Prototypen; dann Monate vor der offiziellen Umstellung die neuen Serienzüge im regelmäßigen Testbetrieb.
Auch die SSB werden den 40. Jahrestag jetzt ohne gesonderte Veranstaltung verstreichen lassen. Zum 25. Jubiläum im Jahr 2010 hatte es hingegen eine Sonderausstellung im Straßenbahnmuseum gegeben.
Erschwerend kam vor 40 Jahren hinzu, dass die Schlagzeilen vor der Premiere nicht die besten gewesen waren. „Die Elektronik bremst den Start der Stadtbahnwagen“ oder „SSB kämpft mit Tücken in der neuen Stadtbahn“ - so lauteten die Überschriften in den Stuttgarter Zeitungen. Nach den wacklig funktionierenden drei Prototypen hatten auch die Serienzüge noch ihre Macken. Was angesichts der kompletten Neuentwicklung nicht verwunderlich war.
Mit dem Linienbetrieb im September 1985 begannen zudem am Endpunkt in Vaihingen erst einmal monatelange Provisorien, weil die dort ebenfalls endenden Straßenbahnlinien 1 und 14 erst im folgenden Jahr auf Stadtbahnbetrieb umgestellt wurden. Im September vor 40 Jahren stand deshalb eher die neue Verkehrsdrehscheibe zwischen S-Bahn, Stadtbahn und Bus in Stuttgart-Vaihingen im Mittelpunkt.
Groß gefeiert wurde in der Stadt dann die Eröffnung der heutigen U 1 ein gutes halbes Jahr später am 19. April 1986. Diese Linie verlief von Fellbach nach Stuttgart-Vaihingen, war länger und führte durchs Herz der Stadt.
„Stuttgarts mühsamer Weg zur Stadtbahn“, war übrigens eine andere Zeitungsschlagzeile vom September 1985. Wer glaubt, dass es heute mit dem Nahverkehr zäh vorangeht, der stellt fest, dass es früher nicht besser war. Fast ein Vierteljahrhundert an Planungen waren dem Start der ersten Stadtbahnlinie vorangegangen. 1985 glaubte man noch, die Komplettumstellung des Straßenbahnnetzes bis Mitte der 1990er Jahre zu schaffen. Doch es sollte bis 2007 dauern, bevor die letzte Straßenbahn der Linie 15 zum Fernsehturm fuhr.
Dazwischen findet sich all das, was man auch heute an Problemen kennt: Sorge vor Kostenexplosionen oder sinkenden Fördermitteln des Bundes, Planungs- und Baustopps oder heftige Grundsatzdebatten. Eine begleitet die Stadtbahn bis heute: Mussten es unbedingt die klobigen Hochbahnsteige im Stadtbild sein? „Hochbahnsteige verschlingen Millionen“, so lautete eine weitere Kritik vor 40 Jahren. Was dem damaligen Kommentator in der Zeitung dazu den Satz entlockte: „Wenn der Mensch nichts hat – in Stuttgart hat er zumindest Bedenken, möglichst gegen alles.“ Es sei kein Wunder, wenn hierzulande manche Projekte nicht einmal im Schneckentempo vorankämen.
Ein Beispiel liegt auch heute noch direkt an der U 3: Eine jetzt wieder von der Universität Stuttgart-Hohenheim angemahnte Direktverbindung von Plieningen ins Stadtzentrum wurde bereits Jahre vor dem Start ins Stadtbahnzeitalter diskutiert – und ist bis heute nicht in Sicht.
Der Blick zurück lehrt aber auch, dass manche Probleme im Nachhinein nur Kleinigkeiten waren. Die neuen Stadtbahnzüge liefen nach einiger Zeit problemlos. „Obwohl uns immer wieder einmal kleinere Störungen piesacken, zeigt sich, dass das Fahrzeug vom Konzept her sich bewährt“ – so bilanzierte dies das damalige SSB-Vorstandsmitglied Manfred Bonz im Sommer 1986.