40 Jahre Stöber-Ecke Leonbergs erster Second-Hand-Laden für Kinder – damals „eine verrückte Idee“

Irmgard Prade in ihrer „Stöber-Ecke“ in Eltingen. „So lange die Kräfte reichen, wird weiter gemacht“, sagt die agile Mittsiebzigerin. Foto: Simon Granville

Vor 40 Jahren hat Irmgard Prade in Eltingen den ersten Second-Hand-Laden in Leonberg mit Kinderbekleidung eröffnet. Die Idee zum eigenen Geschäft entstand aus einer Not heraus.

„Es war schon eine etwas verrückte Idee, in einer Zeit als hierzulande alle vom Schlaraffenland und nie endendem Wohlstand überzeugt waren, in Eltingen einen Laden mit gebrauchter Kinderbekleidung zu eröffnen“, blickt Irmgard Prade zurück. Aber es ist wohl doch keine so abwegige Entscheidung gewesen, denn ihre „Stöber-Ecke“ feiert in diesen Tagen ihr 40-jähriges Bestehen.

 

Eigentlich sei das nicht so geplant gewesen. Nachdem ihr Sohn in den Kindergarten gekommen war, wollte die Krankenschwester zurück ins Leonberger Kreiskrankenhaus. „Doch da war man unerbittlich – entweder ganztags, oder nichts, hieß es, Teilzeit war damals kein Thema“, erinnert sie sich. „Da hieß es umdenken und einen Ausweg zu finden“, sagt Ehemann Detlef im Rückblick.

Gut erhaltene Second-Hand-Kleidung im ehemaligen Ziegenstall

„Der Auslöser war dann meine Aushilfe im Eltinger Lädle, das war in den 1980er Jahren ein Second-Hand-Laden für Erwachsene“, sagt Irmgard Prade. „Also haben wir einen Laden für Kindersachen aufgemacht.“ Dafür ist die Familie dann von Warmbronn in die Eltinger Friedhofsstraße umgezogen. „Mit viel Eigenleistung haben wir den zum Haus gehörenden ehemaligen Ziegenstall umgebaut, und als unsere Tochter 1985 in den Kindergarten kam, haben wir den Laden eröffnet“, schildert Irmgard Prade. „Den Namen Stöber-Ecke habe ich irgendwo in der Pforzheimer Gegend aufgeschnappt und der gefiel uns beiden“, sagt Detlef Prade.

Das vielfältige Angebot fand rasch eine gute Resonanz und regen Zuspruch. Schnell mussten die Prades feststellen, dass die Fläche, die der ehemalige Ziegenstall bot, viel zu klein war. „Dann haben wir mit Hilfe meines Bruders auch die angrenzende Scheune umgebaut“, erzählt Irmgard Prade.

Nachhaltigkeit ist Second-Hand-Kunden sehr wichtig

In all den Jahren sei die Kundschaft, die Ware bringt und kauft, immer ein Querschnitt der Gesellschaft gewesen. „Der Unterschied ist, dass es heute niemandem mehr unangenehm oder peinlich ist, unsere Schwelle zu übertreten, weil die meisten die Nachhaltigkeit begrüßen“, hat Irmgard Prade festgestellt. Wie vor 40 Jahren würden Großeltern einen großen Teil der Kunden ausmachen, aber inzwischen seien auch viele Väter unter den Einkaufenden. „Nicht jeder, der bringt, kauft auch etwas“, hat sie beobachtet.

 

Die angebotene Kleidung reicht vom Baby bis zum Teenager. „Von den Teenagern, die in den ersten Jahren bei uns eingekleidet wurden, sind manche schon Großmütter, und so schaut heute die gesamte Sippschaft – Oma, Mutter, Enkel – herein“, freut sich die Wahl-Eltingerin. Weil es eine große Spielecke gibt, ist der Nachwuchs so lange beschäftigt, dass ruhig gestöbert werden kann.

Wer günstige, gebrauchte Alternativen sucht, wird hier fündig. Foto: Simon Granville

Neben Kleidung, gibt es Schuhe, Sportartikel, Spielsachen, Bücher, Dreiräder, Roller, Bobbycars. „Baby-Zubehör und Kinderwagen haben wir wegen mangelnder Nachfrage aus den Regalen genommen“, sagt Irmgard Prade. „Wir verkaufen auch keine Kriegsspielsachen“ ist sie kategorisch.

Bei der Kleidung, die sie von der Kundschaft in Kommission nimmt, legt Irmgard Prade nach 40 Jahren Erfahrung strenge Maßstäbe an. „Es muss keine Markenkleidung sein, sie darf nicht älter als zwei Jahre sei, dafür aber tadellos, gewaschen und gebügelt – so wie ich sie selber kaufen möchte“, zählt sie auf. Denn als Verkäuferin legt sie den Preis fest. „Bei Büchern und Spielen ist es die Hälfte des Neupreises, beim Rest ist es eine Sache der Erfahrung.

Irmgard Prade setzt in Stöber-Ecke auf Second-Hand-Qualität statt auf Masse

Ebenfalls aus Erfahrung nimmt Irmgard Prade immer nur jeweils einen Wäschekorb mit Kleidung an. „Früher bin ich gelegentlich in die Falle getappt, und dann standen plötzlich ein halbes Dutzend volle Umzugskarton im Laden.“ Und was wird abgegeben? „Was inzwischen zu klein geworden ist, Geschenktes, das keine Gnade gefunden hat, oft wurde das gleiche Stück mehrmals gekauft.“ Dass jüngere Geschwister, die Kleidung der älteren tragen, gebe es schon lange nicht mehr, berichtet Irmgard Prade.

Die Kleidung bleibt für eine Doppel-Saison im Laden, und was keinen Käufer gefunden hat, wird zurückerstattet. Viele würden die Sachen dann spenden. Über persönliche Kontakte geht Bekleidung nach Ghana. Auch ein Diakonieladen im Kreis Ludwigsburg wird damit bedacht. „Nichts davon landet im Sack oder im Container. Das ist mir wichtig“, stellt Irmgard Prade klar.

Das Internet sei eine große Konkurrenz und Corona hätte vielen Second-Hand-Läden den Garaus gemacht. „Es wurde schwieriger, und das Kundenverhalten hat sich geändert. Auf der anderen Seite heißt es aber auch oft: Schön, dass es Euch noch gibt!“, schildert Irmgard Prade. Und die Stöber-Ecke? „So lange die Kräfte reichen, wird weiter gemacht“, sagt die agile Mittsiebzigerin.

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