Liverpool/New York - Es ist der 8. Dezember 1980, 23.07 Uhr Ortszeit, als die Welt in New York einen ihrer größten Musiker verliert. Erschossen von einem Irren, gestorben auf der Rückbank eines Streifenwagens. Bis heute unvergessen. Denn John Lennon ist mehr als ein Ex-Beatle und Friedensaktivist. Er ist das Sprachrohr einer Generation und eine Stilikone, der bis heute viele nacheifern. Bewusst oder unbewusst.
Politikum Pilzkopf
Schon die Frisur der Beatles ist für damalige Verhältnisse eine Provokation. Optisch erinnert sie nicht nur entfernt an einen Wischmopp, dementsprechend wird sie in England auch als Moptop bezeichnet. Mit den Beatles werden die Haare endgültig zum Politikum. Es ist eine Rebellion gegen Seitenscheitel, ausrasierte Nacken und die Trostlosigkeit der Nachkriegszeit, gegen alles Alte, in der Hoffnung auf ewige Jugend. Der Fotograf Jürgen Vollmer schneidet John Lennon und Paul McCartney 1961 in einem Pariser Hotelzimmer einen Pilzkopf. „Hackte wäre ein besseres Wort“, wird Lennon später erzählen.
In ihrer psychedelischen Phase werden auch bei den Beatles die Haare länger und wilder. Jede Strähne Ausdruck der Unangepasstheit und Symbol für den Wunsch nach Veränderung. Seine Bandkollegen Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr wagen einen Schnauzer. Lennon geht gleich aufs Ganze, lässt sich einen Vollbart wachsen und sieht schon Ende der 60er Jahre aus wie ein beseelter Berliner Hipster von heute.
Das schlichte Gestell
Sie ist sein wohl bekanntestes Markenzeichen. Wer heutzutage Nickelbrille trägt, tut dies nicht in Erinnerung an Mahatma Gandhi, sondern in Anlehnung an den Rockstar aus Liverpool. Seine Leidenschaft für das runde Gestell entdeckt Lennon 1966 während der Dreharbeiten zu „Wie ich den Krieg gewann“, in dem er den bebrillten Soldaten Gripweed spielt. Bis dahin hatte er Kontaktlinsen getragen. Der schöne Schein. Die Nickelbrille verzichtet auf Schnörkel, ist auf das Wesentliche reduziert. Kein Schein mehr. Nur der Inhalt zählt. Auch bei Lennon: Es ist die Zeit, in der die Boyband zu einer Gruppe wird, die auch zu anderen Themen als „Love, love, love“ und „Yeah, yeah, yeah“ etwas zu sagen hat. Vor allem Lennon schreibt scharfzüngige bis bösartige Texte. Aus dem zuckersüßen „Girl“ wird das wütende „Woman Is the Nigger of the World“ – zu Deutsch: Die Frau ist der Nigger der Welt – und schließlich das demütige „Mother“.
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Wenn wir heute über die Frauenquote diskutieren, ist dies auch ein Verdienst Lennons, der sich unter Anleitung seiner Frau, der japanischen Künstlerin Yoko Ono, vom Frauenschläger zum Frauenrechtler wandelt. Seine Texte und die Arrangements von McCartney und Produzent George Martin machen aus den Fab Four die einflussreichste Popband der Geschichte. Lennons Lieder mögen manchmal kryptisch sein, meist sind sie jedoch von poetischer Schlichtheit. Er verwandelt seine Beobachtungen und Seelenqualen in für alle verständliche und fühlbare Texte, in eingängige, ergreifende Sätze, so schlicht und unvergesslich wie seine Nickelbrille.
Ganz in Weiß
Jahrelang bevorzugt Lennon eher dunkle Farben. Mit seiner Transformation zum Friedensaktivisten folgt der Schwenk zur Farbe der Reinheit, der Unschuld und des Friedens. Die weißen Anzüge, in denen er sich fortan zeigt, sind der Stoff gewordene Protest. Lennon ist beileibe nicht der erste Künstler, der sich politisch engagiert, doch keiner macht es so plakativ, so gnadenlos. Selbst seine Flitterwochen mit Yoko Ono werden zum PR-Event. Im Amsterdamer Hilton legt sich das Paar öffentlich eine Woche lang ins Bett und diskutiert mit Journalisten über den Vietnamkrieg. „Wenn Hitler und Churchill im Bett geblieben wären, wären heute noch viele Menschen am Leben“, erklärt Lennon.
Das ist selbst Yoko Ono heute zu albern, doch damals treffen die beiden damit den Nerv der Zeit. Lieder wie „Imagine“ oder „Give Peace a Chance“, das bei einem zweiten Bed-in in Montreal entsteht, werden zu Hymnen der Friedensbewegung. Für den Schnitt seiner Anzüge gilt das Gleiche wie für seine Texte: klare Linie, klare Kante. Vorgetragen wird der Traum von einer neuen, heilen Welt ganz in Weiß. So wie es sich für einen Heiland gebührt.
Das Motto am Ärmel
Frauenrechte, der Irland-Konflikt, die Probleme der Arbeiterklasse, die Apartheid in Südafrika: Es gibt wenige Themen, zu denen sich John Lennon nicht äußert. Seine Botschaft trägt er auch sichtbar mit sich herum, sei es als Armbinde – „Power to the People“ (Alle Macht dem Volk) – oder als Plakat: „War is over! If you want it“ (Der Krieg ist vorbei! Wenn ihr es wollt). Ihn deswegen zum Erfinder des Motto-Shirts zu machen, wäre vielleicht ein bisschen boshaft.
Den Touristen-T-Shirts mit dem Namen der besuchten Stadt verschafft er jedoch ewige Coolness. Dafür sorgen die Aufnahmen des Fotografen Bob Gruen, die John Lennon 1974 in einem weißen Ringer-Shirt mit dem schwarzen Schriftzug „New York City“ zeigen. Lässiger geht es kaum.
Die Stiefel der Stars
Es ist eine letzte Reverenz an die Rocker-Zeiten in Hamburg, als die Beatles noch Leder tragen und wilde Tollen – kurz bevor Manager Brian Epstein sie auf Karriere stutzt und ihnen den Rocker austreibt. Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland ordern Lennon und McCartney 1961 in London bei Anello & Davide vier Paar Chelsea Boots für die Band. Mit spitzeren Kappen und Absätzen. Der „Beatle Boot“ ist geboren und überlebt auch die optische Generalüberholung der Beatles durch Epstein, der die Band in brave Anzüge steckt.
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Jimi Hendrix, Elvis Presley, Bob Dylan, Jim Morrison, Andy Warhol: Sie alle tragen die eng anliegenden Stiefeletten, die für einen Star damals praktisch ein Muss sind. Mitte der 80er verschwinden die Schuhe im Rotkreuzsack. Inzwischen feiern die Chelsea Boots ein Comeback an den Füßen der Masse. Allerdings nicht ganz so spitz zulaufend wie bei John, Paul, George und Ringo. Nicht jeder kann schließlich ein Rockstar sein.
Der Promi im Sack
Wie groß der Einfluss des Äußeren ist, weiß Lennon genau. 1969 gibt er in Wien, komplett in einen Sack gehüllt, eine Pressekonferenz. Nur in einem Sack, so die Botschaft, sei pure Kommunikation möglich, weil Äußerlichkeiten wie Kleidung und Haarschnitt oder das Alter eines Menschen stereotypes Denken und Voreingenommenheit auslösten. Anstatt sich mit der Optik und dem, wofür sie steht, zu beschäftigen, könne der Zuhörer sich auf die eigentliche Botschaft seines Gegenübers konzentrieren.
Auch abseits der großen Politik hat Lennon uns bis heute viel zu sagen. Ratschläge und Anekdoten, aus dem Leben gegriffen, gleichermaßen simpel wie einleuchtend. So erzählte er einmal, dass er in der Schule einen Aufsatz zum Thema „Was ich später werden will“ verfassen musste. „Ich schrieb: ,Glücklich‘. Da sagten sie mir, ich hätte die Aufgabe nicht verstanden. Und ich antwortete, dass sie das Leben nicht verstünden.“ Bis zuletzt wandelte sich Lennon menschlich wie modisch. „Man muss ausbrechen, um leben zu können“, sagte er dem „Rolling Stone“ in seinem letzten Interview. Drei Tage später war er tot.
Literatur
Augenzeugenbericht
: Tony Bramwell: „Magical Mystery Tours. My Life with the Beatles“, Robson Books 2005.
Biografie:
Lesley-Ann Jones: „John Lennon. Genie und Rebell“, Piper 2020.
Comic:
Gaet’s, Michels Mabel: „The Beatles“, Bahoe Books 2020.