400-Meter-Hürden-Weltmeister Karsten Warholm Der Wundermann mit dem Wikingerhelm

Karsten Warholm holt für Norwegen das erste WM-Gold auf der Laufbahn seit 30 Jahren. Foto: dpa
Karsten Warholm holt für Norwegen das erste WM-Gold auf der Laufbahn seit 30 Jahren. Foto: dpa

Der Norweger Karsten Warholm hat bei der Leichtathletik-WM in London völlig überraschend die Goldmedaille über 400-Meter-Hürden gewonnen – der wohl ungewöhnlichste Weltmeister seit langer Zeit.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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London - Die Plastikhörner sind noch zu erkennen, hinter einer Wand von Kameras und Reportern jedoch verschwindet der Mann, auf dessen Kopf der Wikingerhelm sitzt. Alle wollen ihn sehen und hören, diesen blonden Jüngling ohne Bartwuchs, der die Geschichte der Leichtathletik gerade um ein denkwürdiges Kapitel bereichert hat.

Karsten Warholm, 21, hat am Mittwochabend sensationell die Goldmedaille über 400 Meter Hürden gewonnen. Er ist der jüngste Weltmeister aller Zeiten auf dieser Distanz. Er ist der erste Norweger seit 30 Jahren, dem es gelungen ist, einen WM-Titel auf der Laufbahn zu holen. Und er ist, kein Zweifel, in vielerlei Hinsicht der bislang ungewöhnlichste Sieger dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London.

Mit der Unbekümmertheit eines Hundewelpen und der Furchtlosigkeit eines Wikingers

Erst zu Beginn dieser Saison hat sich Karsten Warholm auf die 400 Meter Hürden verlegt. Bis dahin war das Naturtalent Zehnkämpfer gewesen, spielte zwischendurch mit dem Gedanken, sich dem Weitsprung zu widmen, gewann im vergangenen Juli bei der U-23-EM in Bydgoszcz (Polen) Silber über 400 Meter ohne Hürden. Und jetzt ist er Weltmeister auf der vielleicht härtesten Laufstrecke überhaupt, was wohl nur mit der Unbekümmertheit eines Hundewelpen und der Furchtlosigkeit eines Wikingers möglich ist.

Wie eine weitere Naturgewalt neben dem wolkenbruchartigem Regen ist Karsten Warholm über die Tartanbahn des Londoner Olympiastadions hinweggefegt. Von der ersten Hürde an lag er in Führung und gab sie einfach nicht mehr ab – auch nicht, als auf der Zielgeraden Kerron Clement, der zehn Jahre ältere Olympiasieger aus den USA, und der für die Türkei startende Europameister Yasmani Copello (30) verzweifelt attackierten. Mit weit aufgerissenen Augen überquerte Warholm die Ziellinie, fiel erst fassungslos in die Knie, ließ sich rücklings in die Pfützen fallen – und findet später eine einfache Erklärung für seinen großen Coup: „Ich bin jung, ich bin dumm – ich bin einfach drauflos gerannt.“

„Für mich war das ein ganz normaler norwegischer Sommerabend“

Die Zuhörer lachen, nicht nur bei diesem Satz. „Karsten, Sie sind gerade Weltmeister geworden …“, setzt ein Reporter in der Mixed Zone mehrfach an und kommt nicht weiter, weil er jedes Mal von Warholm unterbrochen wird: „Können Sie das bitte wiederholen, ich würde es gern nochmal hören.“

Danach betritt er, den Wikingerhelm noch immer auf seinem Kopf, den Pressekonferenzraum und wundert sich über die geschäftige Stille: „Klingt wie auf einer Beerdigung.“ Und schließlich hält der Sensationssieger aus Ulsteinvik noch einen Tipp für den unterlegenen Copello bereit, nachdem der gebürtige Kubaner über den Regen und die Kälte während des Rennens geklagt hat: „Du solltest in meiner Heimat ins Trainingslager gehen. Für mich war das heute ein ganz normaler norwegischer Sommerabend.“

Auch dank seiner Schlagfertigkeit und seiner Entertainerqualitäten hat sich Karsten Warholm urplötzlich in den Rang eine potenziellen neuen Topstars der Leichtathletik katapultiert, die angesicht des bevorstehenden Karriereendes von Usain Bolt händeringend nach Typen fahndet. Der Norweger ist so einer. Weil er den anderen auch in Zukunft einfach davonrennen könnte. Und weil man sich gut vorstellen kann, was auf der Homepage des Weltverbandes steht: Dass er abends gern mit seinen Kumpels in Oslo um die Häuser zieht.

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