400. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 „Die Gegenargumente gelten auch heute weiter“

Auch nach Jahren noch aktiv: Besucher einer Montagsdemo gegen Stuttgart 21. Foto: dpa

Die Gegner von Stuttgart 21 treffen sich zur mittlerweile 400. Montagsdemo gegen das Projekt. Der Soziologe Simon Teune erklärt, wie es gelingen kann, eine Protestbewegung über einen langen Zeitraum hinweg aktiv zu halten.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Stuttgart - Der Protestforscher Simon Teune von der TU Berlin meint, der Protest der Stuttgart-21-Gegner habe die Diskussion in der Stadt und die Wahrnehmung des Projekts deutlich verändert.

 
Herr Teune, am Montag versammeln sich die Stuttgart-21-Gegner zur dann 400. Montagsdemonstration gegen das Vorhaben. Ist Ihnen eine ähnlich ausdauernde Bewegung in Deutschland bekannt?
Es gibt mehrere regelmäßig stattfindende Proteste, die nicht sehr viele Menschen mobilisieren, aber mit großer Ausdauer fortgeführt werden. In Zeiten großen Zulaufs waren diese Protestbewegungen in der „Tagesschau“ zu sehen, aber jetzt laufen die unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Es gibt beispielsweise seit vielen Jahren die Montagsdemonstrationen gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafen, und in vielen Städten gehen bis heute Menschen gegen die Hartz-Gesetze auf die Straße – seit 14 Jahren.
Welche Rahmenbedingungen müssen aus der Sicht der Protestforschung gegeben sein, um eine derart ausdauernde Protestbewegung zu schaffen – oder lässt sich das so pauschal nicht sagen?
Ganz allgemein könnte man sagen, dass das Problem unverändert fortbesteht und die Kritik daran nicht hinfällig geworden ist. Aber da das für viele Anlässe von Protest gilt, scheint es doch eher entscheidend zu sein, dass es gelingt, den Protest im Alltag zu verstetigen, und dass die Gruppe, die den Protest trägt, sich gegenseitig motiviert.
Dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, das hinter den Demonstrationen steht, ist im Lauf der langen Zeit manch mächtiger Verbündeter abhandengekommen wie etwa die Grünen oder der BUND. Braucht es für einen langen Protest also solche institutionalisierten Mitstreiter gar nicht?
Da der organisatorische Aufwand überschaubar ist, braucht man für regelmäßige Kundgebungen oder Protestzüge keine Verbündeten mit Geld, einem professionellem Team und politischem Einfluss. Die sind dann wichtig, wenn man zu einem Zeitpunkt viele Leute auf die Straße bringen und eine große Öffentlichkeit erreichen will. Aber eines ist offensichtlich: um so ein Durchhaltevermögen an den Tag zu legen, muss man überzeugt sein von der Sache – und es braucht ein Netzwerk mit einem starken Zusammenhalt. Die Leute, die so lange dabei sind, waren häufig von Anfang an dabei, und sie waren nicht bereit, aufzugeben, als die Massen wegblieben.
Die Bahn liefert mit steigenden Kosten und aus dem Ruder laufenden Terminplänen immer wieder Steilvorlagen. Wäre dem Protest ohne diese längst die Puste ausgegangen?
Wer zu den Montagsdemonstrationen geht, sieht sich von solchen Entwicklungen sicher bestätigt, aber die kennen die Faktenlage sowieso sehr gut. Aus deren Sicht gilt für Stuttgart 21, was ich vorhin gesagt habe: Das Problem hat sich nicht mit den Massenprotesten aufgelöst, sondern die Gegenargumente gelten auch heute weiter.
Eines heute noch nicht zu bestimmenden Tages wird das Projekt abgeschlossen sein. Was wird dann von den Protestierenden und ihrem Tun übrig bleiben?
Auch wenn das Projekt nicht verhindert wurde, hat der Protest die Diskussion in der Stadt und die Wahrnehmung des Projekts deutlich verändert. Die Proteste gegen Stuttgart 21 haben aber auch das Bewusstsein bei den Planenden und politisch Verantwortlichen verändert. Nach allem, was in Stuttgart passiert ist, spielt die Einbeziehung der Bevölkerung bei Infrastrukturprojekten eine größere Rolle. Dabei gibt es keine Garantie, dass das auch gut umgesetzt wird, aber es ist kaum zu vermitteln, dass die Betroffenen nicht gehört werden.

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