400. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 Die Unverzagten vom Hauptbahnhof
Stuttgart-21-Gegner haben sich zur mittlerweile 400. Montagsdemo versammelt. Längst geht es bei den Treffen nicht mehr nur um das Milliardenprojekt.
Stuttgart-21-Gegner haben sich zur mittlerweile 400. Montagsdemo versammelt. Längst geht es bei den Treffen nicht mehr nur um das Milliardenprojekt.
Stuttgart - Zum Jubiläum hat sich mal wieder Prominenz angesagt. Volker Lösch, von 2005 bis 2013 Regisseur am Schauspiel in Stuttgart, will ebenso reden wie die Kabarettisten Christine Prayon. Anlass ist die 400. Auflage der von ihren Gründern Montagsdemo genannten Protestveranstaltung gegen Stuttgart 21. Dass die Gegner eines Umbaus des Bahnknotens für ihren Protestnamen Anleihen bei jenen Demos genommen haben, die letztlich zum Untergang des DDR-Regimes beigetragen haben, hat den Stuttgartern nicht nur Sympathien eingebracht. Als anmaßend wurde empfunden, den Protest gegen ein zwar umstrittenes Bauvorhaben mit dem Widerstand gegen ein Unrechtssystem gleichzusetzen.
Tatsächlich hat sich der ursprünglich ausschließlich gegen Stuttgart 21 gerichtete Protest längst auch anderen Themen zugewandt. So haben auf den Montagsdemos auch schon Protagonisten gegen einen neuen Alpentunnel zwischen Frankreich und Italien ihren Auftritt gehabt wie Vertreter einer Gruppe, die einen unterirdischen Bahnhof in Florenz verhindern wollen. Streiter gegen einen Bahn- und Straßentunnel zwischen Deutschland und Dänemark haben der Stuttgarter Protestgemeinde gleichfalls schon ihre Aufwartung gemacht. Die ist aber keinesfalls allein auf Schienenprojekte festgelegt. Die Plakate, die etwa bei Feinstaub-Demos oder Protesten gegen die Entwicklung der Mietpreise in der Stadt in die Höhe gereckt werden, erinnern in ihrer Aufmachung doch sehr an das Protestmaterial vor dem Bahnhof. Auch wurde immer wieder ein sogenanntes System 21 kritisiert, das für vielerlei Missstände auch abseits von verkehrspolitischen Fragen verantwortlich sein soll.
Es ist kaum anzunehmen, dass jene vier Teilnehmer, die sich der Überlieferung nach am 26. Oktober 2009 zur ersten Montagsdemo vor dem Hauptbahnhof versammelt haben, diese Entwicklung geahnt oder gar geplant haben. Gleichwohl erhielt die Gruppe rasch Zulauf. Dass das Projekt, das bis dato im Stadium von Planungen, Absichtserklärungen und Verträgen nicht so recht voran kommen wollte, doch drohte, Realität zu werden, wurde spätestens mit dem Abriss des Nordflügels am Hauptbahnhof im August 2010 klar. Die Arbeiten wurden begleitet vom lautstarken Protest der Stuttgart-21-Gegner. Wie viele von ihnen seit damals tatsächlich Montag für Montag ihrem Unmut Luft machten, wurde in der Folge in einem Hickhack zwischen Polizei und Demoveranstaltern öffentlich verhandelt. Die Zahlen der Ordnungshüter lagen regelmäßig deutlich unter denen, die das Demo-Team der S-21-Gegner ermittelt hatte. Mehrere Tausende waren es auf alle Fälle, die da zu Wochenbeginn vor dem Bahnhof zusammen kamen.
Dass dadurch der Feierabendverkehr behindert wurde, war so manchem Autofahrer ein Dorn im Auge. Was folgte, war ein juristisches Fingerhakeln mit der Ordnungsbehörde im Rathaus, die den Demonstranten neue Veranstaltungsorte zuwies. Und so fanden die Zusammenkünfte im Lauf der Jahre schon auf der Schillerstraße, auf der Lautenschlagerstraße, auf dem Schloss- und dem Marktplatz statt. Bis zum Verwaltungsgerichtshof in Mannheim ging der Streit um die Frage, ob die Stadt den Demonstranten auch weniger prominente Plätze für ihre Kundgebungen zuweisen dürfe, als jener vor der imposanten Fassade des Bonatzbaus zum Arnulf-Klett-Platz hin. Dass der Protest gegen die Umgestaltung des Bahnknotens einen langen Atem hat, zeigt auch die ganzjährig rund um die Uhr besetzte Mahnwache am Arnulf-Klett-Platz, die es seit Juli 2010 gibt. Waren kleinliche Streitereien um Besucherzahlen und Auseinandersetzungen um den richtigen Veranstaltungsort noch zu verschmerzen, kam es im Januar 2014 zum Bruch im Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, das die Montagsdemos maßgeblich vorantrieb. Damals verließen die Stuttgarter Grünen, der Bund für um Umwelt und Naturschutz (BUND), der Fahrgastverband Pro Bahn und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) den Zusammenschluss. Man konnte sich nicht mehr über die inhaltliche Ausrichtung der regelmäßigen Kundgebungen verständigen. Wie sehr sich die Haltung auch bei manch altgedientem Kämpfer gegen Stuttgart 21 zum allwöchentlichen Protestritual verändert hatte, konnten die Demonstranten im Mai 2016 der Presse entnehmen. Damals schied Gangolf Stocker, Mitbegründer der Wählergruppe Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS), als Stadtrat aus dem Amt und ließ die Weggefährten wissen: „Die Montagsdemonstrationen haben doch längst den Charakter einer Marienandacht.“ Stocker hatte dem Bündnis bereits nach dem grün-roten Wahlsieg bei der Landtagswahl im Jahr 2011 den Rücken gekehrt und eine zurückgehende Beteiligung prognostiziert.
Zur 400. Auflage soll das alles zurückgelassen werden. Die Organisatoren bauen auf einen großen Zulauf. An mangelnder Werbung kann es nicht liegen. Mehr als 10 000 Flyer sind laut Internetauftritt der Stuttgart-21-Gegner unters Volk gebracht worden. Die jüngst eingeräumte Kostenexplosion auf 7,6 Milliarden Euro könnte die Teilnehmerzahlen wieder in die Höhe treiben. Und der auf Ende 2024 verschobene Inbetriebnahmetermin eröffnet die Möglichkeit zu rund 350 weiteren Montagsdemonstrationen.