Alisja Frasch hatte schon in ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin den Gedanken, dass es mehr Digitalisierung braucht, um die Arbeit des Pflegepersonals zu erleichtern. Oft könne man sich nicht so viel Zeit für Patienten nehmen, wie man gerne würde. Ganz abgesehen von der steigenden Gefahr, etwas zu übersehen, je größer der Stress werde.
Seit Juni 2021 lernt Frasch, 29, in der Programmierschule 42 Heilbronn programmieren – nachdem sie einen Bachelor in Pflege absolviert hat. Ihr Fernziel: Programme entwickeln zur Dokumentation auf den Stationen in der ambulanten Pflege. „Ich habe mich schon länger für das Programmieren interessiert“, sagt Frasch. Die Ausbildung am 42 Heilbronn hat sie angesprochen. „Ich wollte nicht noch weiter studieren. Das hier ist etwas ganz anderes“, sagt sie, während sie sich in einem der Computerräume für bis zu 300 Studierende mit der Programmiersprache C++ beschäftigt.
Keine Stundenpläne, kein offizieller Abschluss
Frasch ist eine von 50 Studentinnen am Standort Heilbronn, der im Juni 2021 eröffnet wurde und aktuell 250 Studierende zählt. Frasch schätzt die familiäre Atmosphäre. So gebe es zum Beispiel Tischtennisturniere in der Schule.
Weltweit gibt es fast 50 Standorte in mehr als 25 Ländern, nach Angaben der Programmierschule studieren dort insgesamt rund 15 000 Studenten. Der erste Standort in Deutschland wurde Anfang 2021 in Wolfsburg gegründet, dann folgten Mitte jenes Jahres Heilbronn und Anfang 2022 Berlin. Die erste 42-Programmierschule überhaupt wurde 2013 vom französischen Telekommunikationsmilliardär Xavier Niel gegründet, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Es gibt keine Noten, keine Professoren und keine Stundenpläne. Die Studierenden brauchen nicht einmal ein Abitur. Einen offiziellen Abschluss gibt es auch nicht – nach der Devise: Als Programmierer ist es wichtiger, was man kann, als einen Uniabschluss mit guten Noten vorweisen zu können. Das Ziel ist es, die Studierenden in eine Anstellung zu führen oder ein Start-up gründen zu lassen. Die „taz“ nannte die Gründungsschule in Paris „ein neues Zentrum der digitalen Elite“.
„42 schafft eine Alternative zum Status quo, der in Deutschland herrscht“, sagt Steve Killian. Am Heilbronner Zentrum kümmert er sich als Community Manager darum, dass es den Studierenden gut geht. Killian kritisiert die konservative Arbeitskultur mit festen Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht. „Wenn du in der normalen Arbeitswelt effizient bist, wirst du bestraft und bekommst mehr Arbeit.“ Unsere Arbeitskultur sei in der Industrialisierung entstanden, sagt Killian. „Wir stehen aber nicht mehr alle am Fließband.“ Nur weil man länger arbeite, produziere man nicht zwangsweise mehr. Die Menschen müssten heute verstärkt selbst entscheiden, wann und wie sie am besten arbeiten könnten.
Mario Kart und Sommerpartys inklusive
Thomas Bornheim, 46, ist der Geschäftsführer von 42 Heilbronn. Bevor er nach Heilbronn kam, hatte er 14 Jahre bei Google gearbeitet – die Hälfte der Zeit im Silicon Valley – als Analyst und Inhouse Consultant. Er hat etwa Handlungsempfehlungen erarbeitet und sich darum gekümmert, dass Teams alles haben, um zum Erfolg zu kommen. Seine Arbeit jetzt sieht er ähnlich. Es gehe darum, eine Organisation aufzubauen, die sich zu 100 Prozent auf die Studierenden konzentriert und hört, was sie brauchen. Dazu gehören auch Räume für Filmabende, Mario-Kart-Rennen und Sommerpartys.
Die Ausbildung an der Schule ist kostenfrei. Finanziert wird alles durch Spenden von Unternehmen, die sich im Gegenzug erhoffen, Fachkräfte zu bekommen. Ihr Mangel verschärft sich immer mehr. Laut Branchenverband Bitkom fehlten im vergangenen November in Deutschland 137 000 IT-Fachkräfte. Und die öffentliche Hand ist darin noch gar nicht enthalten. „Wir haben einen steigenden Bedarf durch die Digitalisierung, die durch die Coronapandemie zusätzlich an Schub gewonnen hat“, sagt der Pressesprecher der Bitkom, Andreas Streim. „Wir haben ein strukturelles Fachkräfteproblem, das sich immer mehr verschärft.“
Geschäftsführer Bornheim pflegt Partnerschaften mit rund 50 Unternehmen in der Region Heilbronn. Ein wichtiger Partner ist die Dieter-Schwarz-Stiftung. Zur Schwarz-Gruppe, einem der größten Arbeitgeber der Region, gehören unter anderem Lidl und Kaufland. Dort werden viele Programmiererinnen und Programmierer benötigt. „Von unseren derzeit 26 Studierenden in Praktika sind sechs in der Schwarz-Gruppe beziehungsweise in Unternehmen, die der Gruppe nahestehen“, sagt Bornheim. Dort schätzt man „das innovative Lernkonzept des Peer Learning, das eine Mentalität des ‚Thinking outside the Box‘ fördert“, so Mario-Steffen Köhler von der Schwarz-Unternehmenskommunikation und meint damit ein Lernen auf Augenhöhe, das auf gegenseitigem Wissensaustausch und nicht auf festgefahrenen Strukturen beruht. Mittlerweile haben die ersten Absolventen die Schule verlassen und nun eine Festanstellung. Wer will, kann nach dem Praktikum auch noch weiterstudieren und sich in bis zu 18 Monaten spezialisieren – etwa auf Künstliche Intelligenz oder Betriebssysteme.
Digitales Studium mit Zeitlimit
Eine klassische Bewerbung gibt es bei der Programmierschule nicht. Interessenten registrieren sich lediglich und lösen online zwei Logikspiele in rund zwei Stunden. Wenn das gut läuft, folgt ein einstündiges Online-Meeting und schließlich ein vierwöchiges Bootcamp. Dort erlernen die Aspiranten Grundlagen des Programmierens. Teamfähigkeit sei aber genauso wichtig, sagt Tom Krüger, 21, Student am Campus 42 Heilbronn.
Jeder kann arbeiten, wann er will. Das Studium läuft digital, die Schule ist 24 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche geöffnet. Aber für jedes der 16 Projekte in der Grundausbildung, in denen es etwa um 3-D-Objekte, Betriebssysteme oder Computerviren gehe, gibt es ein Zeitlimit – wie im Film „In Time“, bei dem Menschen durch Arbeit Lebenszeit gewinnen. Durch abgeschlossene Projekte erhalten 42-Studierende Zeit auf ihre Uhr. Wer keine Zeit mehr hat, muss gehen. „Meine Zeit war teilweise einstellig, aber ich stresse mich damit nicht“, sagt Krüger. „Man muss sich selber in den Arsch treten und motivieren.“ Und man müsse im Team arbeiten können. Es gibt ja keine Lehrer, aber Menschen aus aller Welt. Man ist auf Hilfe von anderen angewiesen und andere auf einen selbst. Das ist die Idee der Schule. Kollaboratives Lernen. Alles zusammen in der Gruppe lösen, die Aufgabe. Krüger sagt: „Alleine kommst du nicht durch.“