4500 Jahre alter Einbaum geborgen Sensation im Seerhein
In der Nähe von Konstanz wurde der bislang älteste Einbaum des Bodensees entdeckt. Nun wurde das Relikt aus der Steinzeit geborgen.
In der Nähe von Konstanz wurde der bislang älteste Einbaum des Bodensees entdeckt. Nun wurde das Relikt aus der Steinzeit geborgen.
Konstanz - Tausende Jahre schlummerte es unentdeckt am Grund des Seerheins, umhüllt von Seekreide, überdauerte zahllose Generationen – bis es von einem Stand-up-Paddler entdeckt wurde, nachdem die Erosion Teile der schützenden Hülle abgetragen hatte. Jetzt wird das älteste bekannte Wasserfahrzeug des Bodensees geborgen: ein mehr als 4500 Jahre alter Einbaum, der ein Fenster in eine Zeit des Aufbruchs öffnet, in der die Steinzeit endete und die Bronzezeit begann.
Experten sprechen von einer „Sensation“. „Allgemein sind die Nachweise für diesen Zeitabschnitt selten. Der neue Fund ist ein Geschenk an die Pfahlbauarchäologie“, sagt Gunter Schöbel, Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen .
Die „Sensation“ liegt innerhalb einer Absperrung in einem Zufluss des Bodensees bei Konstanz. Aufgrund der Covid-19-Gefahr dürfen nur wenige Besucher auf die Ausgrabungsplattform. Wer das Glück hat, fühlt sich in uralte Zeiten zurückversetzt: 8,56 Meter lang, bis zu 81 Zentimeter breit und gut 40 Zentimeter hoch ist der Einbaum, der in einer Tiefe von 60 Zentimetern liegt. Zwar ist der Bug des uralten Wasserfahrzeugs nicht mehr vorhanden, trotzdem ist die Form der ausgehöhlten Baumstammhälfte gut zu erkennen.
Fünf Taucher um Martin Mainberger, einen renommierten Unterwasserarchäologen, leisten bei der Bergung Schwerstarbeit: Zum einen ist der Einbaum aus weichem Lindenholz, also äußerst fragil; zum anderen sind die Bedingungen im Seerhein, einem Fließgewässer mit starken Pegelunterschieden, alles andere als einfach. Von einem seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie erreichten Höchststand von 3,39 Metern im Februar zur Voruntersuchungszeit bis zu einem Pegel von derzeit 60 Zentimetern reichen die Schwankungen, verbunden mit unterschiedlich starken Strömungen.
Da ist Improvisation gefragt, jeden Tag müssen sich die Unterwasserarchäologen auf neue Bedingungen einstellen. Gerade liegen sie mit bis zu 35 Kilogramm Ausrüstung auf dem Rücken bäuchlings im Wasser und entfernen mit Schäufelchen das Sediment rund um den Einbaum, um ein Bergeblech Millimeter für Millimeter unter das Wasserfahrzeug schieben zu können.
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Dann sägen sie mit einer Hornsäge ein etwa einen Meter langes Stück ab, hieven es aus dem Wasser und umwickeln es mit Frischhaltefolie, damit keine Feuchtigkeit verloren geht. Dann wird das bis zu 300 Kilogramm schwere Einbaum-Stück in ein eigens aufgebautes Zelt des Landesamts für Denkmalpflege in Konstanz gefahren.
In neun Stücke zerlegen die Taucher den Einbaum. Zwei volle Arbeitstage braucht es, bis ein Stück Einbaum sicher an Land ist. Gerne hätten die Experten den Einbaum am Stück geborgen – wie es bei dem im April 2018 präsentierten Einbaum in Wasserburg am Bodensee geschah. Doch weil der Konstanzer Einbaum im Naturschutzgebiet liegt, können keine größeren Gerätschaften zur Hebung dorthin gebracht werden. Zudem hatte der Konstanzer Einbaum schon vor seiner Entdeckung zwei Querrisse und einen Längsriss.
Rund 500 Einbäume sind deutschlandweit dokumentiert. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie am Bodensee früher als Verkehrs- und Transportmittel sowie für die Fischerei gang und gäbe waren. Warum bisher trotzdem so wenige Einbäume am Bodensee entdeckt wurden, obwohl es Hunderte von Pfahlbaustellen gibt, dafür haben die Forscher noch keine Erklärung.
1890 wurde im Konstanzer Trichter ein großer Einbaum gefunden, ein weiterer in den 1920er Jahren. Ihnen folgte die Entdeckung des Wasserburger Einbaums. Das Konstanzer Exemplar ist der dritte oder vierte gefundene Einbaum – denn es könnte sein, dass es sich dabei um jenen handelt, der in den 1920er Jahren dokumentiert wurde, dann aber wieder verschwand. Seinerzeit berichteten Forscher im Zusammenhang mit der Untersuchung eines bronzezeitlichen Pfahlbaustandorts von einem Einbaum, der genau der Länge des jetzigen entspricht.
Daneben wurden noch zwei Miniatur-Einbäume aus der Steinzeit am Bodensee geborgen. Ob sie Modelle waren oder Kinder mit ihnen spielten, ist unbekannt. Weitere Fragen, die sich stellen: Bisher wurde am See kein Pfahlbaudorf entdeckt, das aus der sogenannten Glockenbecherkultur stammt, der Zeit zwischen dem Ende der Steinzeit und dem Beginn der Bronzezeit, in die der Konstanzer Einbaum eingeordnet wird.
„Die nächsten Fundstellen im Hegau aus dem Endneolithikum befinden sich in Engen-Anselfingen, Singen und Engen-Welschingen“, sagt Julia Goldhammer, Unterwasserarchäologin beim Landesamt für Denkmalpflege in Gaienhofen-Hemmenhofen. Singen ist rund neun Kilometer vom Ufer des Untersees entfernt, Anselfingen und Welschingen etwa 18 Kilometer. Sind die Menschen von dort an den See gekommen, um zu fischen? Oder um dort ihren Geschäften nachzugehen? „Spuren der Glockenbecherleute gibt es auch in Dingelsdorf am Überlinger See“, berichtet Museumsdirektor Schöbel.
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Unklar ist auch, ob der Einbaum die letzten Jahrtausende an der Stelle überdauerte, an der er ursprünglich lag? War er im „Reiseverkehr“, also auf einem prähistorischen Gewässernetz im Einsatz, das sich wohl über ganz Europa erstreckte? Wurde er also ausgewassert, über Land gezogen oder getragen und dann im nächsten Fluss wieder eingesetzt? Fragen, die die Archäologen in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus den Bereichen Naturwissenschaften, Botanik und Dendrochronologie klären wollen.
Derweil wird alles für die aufwendige Konservierung des Einbaums vorbereitet. Für jedes Teilstück wird eine passgenaue Schale aus Epoxidharz hergestellt, die mit Löchern versehen ist – durch sie soll Konservierungslösung in das fragile Holz eindringen.
Genau wie der Wasserburger Einbaum wird der Konstanzer Fund bei Raumtemperatur mit einer Polyethylenglykol-Lösung getränkt. Dann gehen die Experten auf eine höhermolekulare Lösung über. Sie soll in die Zellen des Einbaums eindringen und diese aushärten. Zudem wird der Einbaum gefriergetrocknet. Dafür wird er in eine Röhre geschoben, um ihm dort kontrolliert Wasser zu entziehen. Dann wird er Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Ziel ist es, die Oberfläche originalgetreu zu erhalten.
Vier bis fünf Jahre wird die Konservierung dauern – viel Zeit im Vergleich zur Bauzeit des Einbaums. Die schätzt Schöbel auf vier bis acht Wochen.