50 Jahre ausgezeichnete Qualität Joachim Rogosch, „Timo spricht drei Sprachen mit den Fingern“ (2000/01)

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Wo ich damals vor zwölf Jahren in meiner Karriere stand? Nun ja. Ich war dreiundvierzig, frisch entlassen, hatte mich selbstständig gemacht, ohne jeden Plan, und hatte folglich unendlich viel Zeit. Da läuft mir Timo über den Weg. Das heißt: laufen kann der ja nicht. Ein Kind im Rollstuhl, fremdbeatmet, sieben Jahre jung, wegen Intelligenz gerade ins Gymnasium eingeschult. Eine Geschichte, die man nur noch hinschreiben muss.

Nur noch hinschreiben? Drei Monate habe ich damit gekämpft. Darf man so etwas „journalistisch verwerten“? Wie wird man dem Jungen gerecht? Wie Ulla, der Pflegemutter? Wie den leiblichen Eltern, die Timo „abgegeben“ hatten? Ein Drama.

Da haben mir Timo und Ulla geholfen. „Schreiben Sie ruhig“, hat Ulla gemeint. „Bloß nicht zu rührselig“. „Wissen Sie, man kann mit Artikeln auch heilen, nicht nur verletzen. Wenn der Reporter schon alle Tränen in die Maschine geweint hat, dann bleibt ja für den Leser nichts mehr übrig.“ So viel über Journalismus, Menschlichkeit, das Leben habe ich nie wieder gelernt wie in diesen Monaten mit Ulla und Timo im Wohnzimmer in einem kleinen Arbeiterhäuschen auf dem Lande.

Und dann der Preis. Er hat mir tatsächlich irrsinnig gutgetan. Ich habe wieder beim netten Edeka-Laden um die Ecke eingekauft vom Preisgeld. Essen, Trinken, Schokomüsli für die ganze Familie. Aldi, ade.

Seither läuft es mit der Selbstständigkeit. Keine Ahnung, wie das zusammenhängt. Meine heutigen Auftraggeber wissen in den seltensten Fällen, wer Theodor Wolff war.

Und Timo? Ist heute neunzehn, wählt die „Piraten“, beschäftigt neun Teilzeitkräfte zu seiner Betreuung. „Ich bin der Boss!“ tippt er auf seinen Sprachcomputer. Ein großer, blonder Kindskopf. Sein Vorbild ist jetzt Usain Bolt. Dabei kann Timo immer noch nicht laufen oder sprechen oder atmen. Im Herbst will er sich endlich auch formal zum Abitur anmelden. Gelernt hat er seine Lektionen längst, auch ohne Schule. Dort hat er sich irgendwann nicht mehr wohlgefühlt. Sein Traum: in Berlin Geschichte studieren.

Ulla ist jetzt über siebzig und weiß immer noch mehr über das Leben und die Liebe als wir Journalisten alle zusammen. Das war eigentlich der Hauptgewinn: dass ich den beiden begegnet bin.