Fellbach - Es gibt immer noch Menschen, die mit dem Begriff Volkshochschule ausschließlich kreative Angebote wie Töpfer- oder Malkurse verbinden. Dass die Bildungseinrichtung längst Seminare für die berufliche Bildung anbietet – von EDV-Schulungen über Weiterbildungen zum Thema Finanzbuchführung bis zur Qualifikation als Coach – das müsse „noch mehr in die Köpfe rein“, findet Gabriele Zull, die Vorstandsvorsitzende der Volkshochschule Unteres Remstal. Am Donnerstag hat die Fellbacher Oberbürgermeisterin mit der Volkshochschulleiterin Stefanie Köhler und dem Bildungsforscher Bernhard Schmidt-Hertha über die Zukunft der Bildung diskutiert.
Corona hat alles durcheinandergebracht
Die Pandemie habe nicht nur die Feiern zum Jubiläum, sondern auch den ganzen Volkshochschulalltag „komplett durcheinandergewirbelt“, antwortete Stefanie Köhler auf die Frage des Moderators Wolfgang Niess. In Sachen Digitalisierung habe man in den vergangenen Monaten notgedrungen „fast einen Quantensprung“ gemacht und vieles dazugelernt, aber auch festgestellt: „Die Leute kommen in die Volkshochschule, um gemeinsam Bildung zu erleben.“
Der Online-Kurs vom heimischen Wohnzimmer aus ist daher für viele nur eine Notlösung. „Die Volkshochschulen trifft es besonders hart“, bestätigte der Bildungsforscher Bernhard Schmidt-Hertha von der Münchner Ludwigs-Maximilian-Universität, denn: „Präsenzveranstaltungen sind der Markenkern der Volkshochschulen.“ Schließlich sei es deren Auftrag, Wissen und Wege für alle zu bieten, „aber nicht alle Leute sind offen und bereit für digitale Angebote“.
Volkshochschulen als Demokratiehelfer
Zudem sei es eine wichtige Aufgabe der Volkshochschulen, ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenzubringen und so eine Auseinandersetzung verschiedener Positionen zu ermöglichen – das Gegenprogramm zu Informationsblasen in sozialen Netzwerken. „Wenn man die Leute aus ihren vier Wänden holt, ist schon der erste Schritt zur Bildung getan“, findet auch Stefanie Köhler. Spaltungstendenzen in der Gesellschaft zu überwinden, sehe er als eine wichtige Aufgabe der Volkshochschulen, sagte Wolfgang Niess und erinnerte daran, dass diese in der Weimarer Republik entstanden seien, um den Menschen Demokratie nahezubringen. „Demokratie ist auf Bildung und die Fähigkeit zum Dialog angewiesen“, bestätigte Bernhard Schmidt-Hertha. Und Gabriele Zull forderte: „Eine Volkshochschule muss sichtbar und Teil der Stadt sein. Sie muss ein starker Partner sein, auch für Schulen und Firmen.“
Lebenslanges Lernen ist das Motto
In Sachen Integration gehören die Volkshochschulen zu den wichtigen Lernstätten. Nicht nur Sprachkenntnisse, auch die deutsche Kultur gilt es nahezubringen. Lebenslanges Lernen sei ein Muss, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Den Volkshochschulen komme da eine wichtige Rolle zu. „Ich hoffe, dass wir von Landesseite Unterstützung bekommen, um alle Aufgaben umzusetzen“, sagte Stefanie Köhler und berichtete, die Rücklagen ihrer Volkshochschule seien nach einem Jahr der Pandemie aufgebraucht: „Nun mussten wir einen kleinen Hilferuf an die Kommunen tätigen. Wir sind froh, dass die Träger fest an unserer Seite stehen.“