50 Jahre Freie Wähler Als es in Leonberg noch Hausbesetzer gab
Mit viel Nostalgie feiert der Stadtverband der Freien Wähler seinen runden Geburtstag: Vor 50 Jahren war die Welt am Engelberg noch eine andere.
Mit viel Nostalgie feiert der Stadtverband der Freien Wähler seinen runden Geburtstag: Vor 50 Jahren war die Welt am Engelberg noch eine andere.
Die Zeiten waren bewegt im Leonberg der Siebziger Jahre: Durch die Eingemeindung von Gebersheim, Höfingen und Warmbronn wuchs die Stadt beträchtlich. Mit dem Ezach gab es ein neues Wohngebiet, das in den Folgejahren kontinuierlich größer werden sollte. Und die Stadt wurde ans S-Bahn-Netz angeschlossen.
Das bitterste Erlebnis aber war die Kreisreform. „Unser Landkreis wurde geschlachtet und in drei Teile zerrissen.“ Mit drastischen Worten beschreibt Hans-Helmut Scheltdorf das Ende jenes Gebietes, das die Menschen von Wimsheim bis Korntal vereint hatte. Der langjährige Stadtrat ist in die Steinturnhalle gekommen,um an die Geburt der Freien Wähler in Leonberg zu erinnern: Vor 50 Jahren schlossen sich die Freie Demokratische Wählergemeinschaft und die Unabhängige Bürgermeinschaft zum Stadtverband der Freien Wähler zusammen.
Treibende Kraft, so erinnert der einstige Apotheker bei der runden Geburtstagsfeier, war übrigens ein Höfinger: „Waldemar Bäuerle hatte damals gesagt: Wenn ihr nicht wollt, gehen wir eben mit den Ditzingern zusammen.“ So weit kam es nicht, und die neu formierten Freien Wähler entwickelten sich zu einer der bestimmenden Kräfte in der Leonberger Kommunalpolitik.
Der Zusammenschluss erfolgte in Zeiten, in denen es in Leonberg noch eine Hausbesetzerszene und Pläne für ein großes Autobahnkreuz gegeben hatte. Zum runden Geburtstag hatte der jetzige Stadtverbandsvorsitzende Stefan Schwarz Zeitzeugen aus fünf Dekaden eingeladen, nicht ohne vorher an seinen Vorgänger Wolfgang Schaal zu erinnern. Der im Januar völlig überraschend verstorbene Chef hatte in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderer das Handeln und das Image des politischen Vereins geprägt, der Wert darauf legt, eben keine Partei zu sein, wie auch der Landesvorsitzende und frühere Renninger Bürgermeister Wolfgang Faißt als Gastredner betont.
Zurück zur Nostalgie: Martin Epple, seit einem halben Jahrhundert im Gebersheimer Ortschaftsrat, erinnert an den letztlich erfolgreichen Kampf seiner Heimatgemeinde, nach der Eingemeindung im großen Leonberger Gemeinderat mindestens zwei Vertreter zu bekommen. Jutta Metz schildert ihre ersten Eindrücke als eine der wenigen Frauen im Gemeinderat in der 1990er Jahren: „Die Männer hatten sich dermaßen beharkt, ich war entsetzt.“ Erst als das Gremium im Laufe der Zeit weiblicher wurde, sei auch der Ton gesitteter geworden. Dass es damals nur einen Ganztagskindergarten gab, ist heute kaum vorstellbar. Von Kollegen, die sich nichts geschenkt hatten, weiß Axel Röckle zu berichten. Der Fraktionschef nennt beispielhaft Wolfgang Fürst (SPD), Eberhard Schmalzried (Grüne) und Hansjörk Schneck (CDU, später Neue Liste). Harte politische Fronten gab es einst insbesondere auch bei der Diskussion um die Zukunft des örtlichen Hallenbades. Erst als nach einem Bürgerentscheid klar war, dass das Bad am alten Standort bleibt, hatte sich der Gemeinderat wieder zusammengerauft.
Wie lautstark sich heutzutage die Bevölkerung artikulieren kann, beschreibt die Stadträtin Claudia Nowack anhand der jüngsten Debatte um Ganztagsunterricht in der Sophie-Scholl-Schule. Gut, dass bei so viel aufregenden Geschichten die hervorragende Acapella-Formation JustSing! dem Publikum, darunter Oberbürgermeister Martin Georg Cohn und Baubürgermeister Klaus Brenner, musikalische Entspannungsmomente bietet. Für den bald aus dem Amt scheidenden Rathauschef hat Veteran Scheltdorf eine tröstliche Erkenntnis: „Leonberg war nie ein leichtes Pflaster.“