Immer noch regelmäßig aktiv: Brigitte Krist-Priem sagt, dass sie beim Laufen auch viele Aspekte des Alltags verarbeiten kann. Foto: Michael Schwartz
Der Lauftreff Holzgerlingen feiert sein 50-jähriges Bestehen. Brigitte Krist-Priem aus Altdorf ist eine Frau der ersten Stunde und geht auch mit 68 Jahren noch ihrer Leidenschaft nach.
Michael Schwartz
12.11.2025 - 11:56 Uhr
Mit 18 Jahren plagten Brigitte Krist-Priem Kreislaufprobleme, und es konnte schon mal sein, dass sie aus den Latschen kippte. Der Arzt verschrieb ihr ein paar hilfreiche Tropfen, doch damit war die damalige Teenagerin nicht glücklich. „Ich war noch so jung. Es konnte doch nicht sein, dass ich mein Leben lang Medikamente nehmen muss“, schildert sie ihre Gedankengänge. Also konsultierte sie noch einmal den Doktor. „Der hat mir dann erzählt, dass es in Holzgerlingen immer mittwochs und samstags einen neuen Lauftreff gibt, und dass ich da mitmachen soll.“
Gesagt, getan. „Eine Stunde laufen und danach duschen – das kriegt man in allen Lebenslagen hin“, war sie mit diesem Rezept gegen ihre Beschwerden deutlich glücklicher. Außerdem wirkte es. Unvermittelt zusammengeklappt ist Brigitte Krist-Priem von da an nicht mehr. Heute – ein halbes Jahrhundert später – mischt die inzwischen 68-Jährige immer noch fleißig mit.
Wenn sie an ihren Einstieg beim Lauftreff Holzgerlingen denkt, schmunzelt Brigitte Krist-Priem
An ihren Einstieg ins Jogging-Business am Schönbuchrand denkt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen zurück. „Wenn du als Mädle aus Weil in eine Gruppe gestandener Männer kommst, dann zeigen die dir und den anderen Frauen, wie toll sie sind und wie Tempo geht“, lächelt sie. Einschüchtern ließ sie sich von den Pionieren freilich nicht, auch wenn sie in ihrem Alter und aus einem Nachbarort kommend quasi eine Exotin war.
„Ich bin unheimlich gern hingegangen“, erzählt sie. Abgehängt hat sie sowieso niemand. Selbst dann nicht, wenn ihre Oma darauf bestand, dass die Enkelin trotz einer anstehenden Einheit ein Stückchen Kuchen bei ihr isst. Brigitte Krist-Priem hatte ihre sportliche Heimat gefunden, die sie auch nicht verließ, als sie mit 24 Jahren Mutter wurde, oder als sie später nach Altdorf umzog. „Ich habe beim Lauftreff Freundschaften fürs Leben geschlossen“, nickt sie.
Beim Lauftreff Holzgerlingen hat Brigitte Krist-Priem schon lange ihre sportliche Heimat gefunden. Foto: Michael Schwartz
Die gelernte Bankkauffrau saugte jegliche Theorie, die sie beim aufmerksamen Lauschen hörte, auf wie ein Schwamm. Auf eine gesunde Ernährung achten, Mineralien wie Magnesium und Kalzium zuführen, nach der Belastung den Puls am Handgelenk messen – solche Tipps waren in Zeiten, in denen das Internet nicht existierte, noch viel wertvoller. Auch was das Equipment angeht. „Früher gab es keine speziellen Laufschuhe oder atmungsaktiven Klamotten“, schüttelt Brigitte Krist-Priem den Kopf. Also ging sie mit ihren Tennissachen auf die Piste, bis die Info die Runde machte, dass es endlich auch gedämpfte Treter gibt. „Sonst hätte man sich ja auf Dauer die Füße kaputtgemacht.“
Mittlerweile ist das natürlich alles anders. Neben einer schier unendlichen Auswahl in Sachen Bereifung machen beispielsweise Tracker und sonstige Hilfsmittel vieles einfacher. „Früher achtete man eben deutlich mehr auf das Körpergefühl“, zuckt Brigitte Krist-Priem mit den Schultern. Inzwischen verlasse man sich wider dem eigenen Empfinden zu stark auf die Technik, findet sie. Ein weiterer Unterschied: Wo es vielen Läufern 2025 vor allem um den Spaß geht, hatten sie 1975 das Ziel, bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. „Diese breite Masse von heute gab es da nicht.“
Die Rentnerin zählt ebenfalls zur ehrgeizigen Sorte und hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten vieles erreicht, wovon andere nur träumen können. Ihren ersten Marathon bezeichnet sie als „brutal hart“ und vergleicht die 42,195 Kilometer mit dem Leben als Ganzes: „Du hast viele Wegbegleiter, die dich an der Strecke unterstützen, aber du musst es letztlich allein schaffen, ohne Vitamin B.“ Man stehe mit der Elite dieser herausfordernden Disziplin am Start, „und obwohl du vielleicht langsamer bist, läufst du denselben Weg.“
Orthopäde traut seinen Ohren kaum
Zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sich Brigitte Krist-Priem selbst die Teilnahme am 100-Kilometer-Lauf im schweizerischen Biel. Als sie ihrem Orthopäden offenbarte, dass sie es trotz Knieschmerzen durchziehen möchte, musste der sich erstmal setzen. „Er dachte, ich hab’ einen an der Waffel und wollte erklärt haben, warum ich das tue“, grinst sie. Ähnliche Gedankengänge hatte wohl ihr Ehemann, welcher sie mit dem Fahrrad begleitete. „Der meinte, er hätte es nicht verstanden, aber ich sei nicht davon abzubringen gewesen.“
Ein Bekannter fragte sie zehn Jahre später, was sie zu ihrem Sechziger plane und schlug vor, gemeinsam einen privaten Ironman zu absolvieren. Auch hiervor schreckte Brigitte Krist-Priem nicht zurück. Von Altdorf ging es mit dem Rennrad nach Weil am Rhein, dort wurde im Fluss geschwommen, ehe noch ein Marathon anstand. „Die Männer die auch mitgemacht haben, stiegen mit Krämpfen aus dem Wasser“, grinst die überaus aktive 68-Jährige. „Ich hingegen hatte meine Hausaufgaben erledigt.“
Im Vorfeld ihres 70. Geburtstag in nicht allzu ferner Zukunft hegt sie keine sportlichen Ambitionen. „Das Alter schlägt zu“, begründet sie. „Wenn ich jetzt laufe, kriege ich fast schon Depressionen beim Gedanken an meine Zeiten von früher. Außerdem hatte ich da nix am Rücken, heute muss ich zusätzlich Gymnastik machen.“
Das hindert sie freilich nicht daran, andere mit ihrer Leidenschaft anzustecken. Immer im Frühjahr leitet Brigitte Krist-Priem die Einsteigerkurse des Lauftreffs Holzgerlingen. „Ich will die Freude an der Bewegung weitergeben“, sagt sie.