50 Jahre Manufaktur Schorndorf So feierte der Kult-Club sein großes Jubiläum

Der „Godfather of Gegenkultur“ Werner Schretzmeier hat am Samstag   die  Verdienstmedaille von Schorndorf erhalten – vor 50 Jahren wohl noch undenkbar. Foto:Gottfried Stoppel Foto:  
Der „Godfather of Gegenkultur“ Werner Schretzmeier hat am Samstag die Verdienstmedaille von Schorndorf erhalten – vor 50 Jahren wohl noch undenkbar. Foto:Gottfried Stoppel

Der Schorndorfer Club Manufaktur besteht seit einem halben Jahrhundert. Zur Geburstagsfeier zwischen Establishment und Anarchie kamen Gäste, die bei der Gründung wohl niemand für möglich gehalten hätte.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Schorndorf - Wer hätte gedacht, dass die Manufaktur einmal 50 Jahre alt wird – und dass zum Jubiläum so viele honorige Gäste kommen?“, meint die Vorsitzende des legendären Schorndorfer Clubs, Sabine Reichle. Und meint damit nicht nur, dass in den Keller in der Gmünder Straße, in dem vor exakt 50 Jahren alles angefangen hatte, niemals so viele Menschen hinein gepasst hätten. Im Publikum sitzen bei der Jubiläumsfeier am Samstagabend hochrangige Vertreter von Politik und Finanzsystem; als der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer dem Manufaktur-Gründer und „Godfather of Gegenkultur“ Werner Schretzmeier die goldene Verdienstmedaille der Stadt überreicht, gibt es eine Umarmung.

Ex-OB: „Es ging damals immer ums Geld“

Das war nicht immer so. In der ersten Reihe sitzt Winfried Kübler, heute 78 Jahre alt. Nach 1990 war er 16 Jahre lang OB von Schorndorf. In seiner Amtszeit zog der Club Manufaktur auf sein neues Gelände im Hammerschlag um. „Es ging damals immer ums Geld – und die von der Manufaktur sind immer sehr forsch und fordernd aufgetreten“, erinnert er sich. Inzwischen sei das Verhältnis aber entspannt. Einen Joint rauchen, wie es der Journalist Peter Schwarz, einer der Moderatoren des Abends, ihm empfiehlt, mag er dennoch nicht.

Vieles hat sich aber in all den Jahren geändert. In der Gmünder Straße, wo mit der Manufaktur alles seinen Anfang nahm, steht heute das Stadthaus, es beherbergt unter anderem ein betreutes Wohnen und einen Kindergarten. Als im Juni 1977 der Studentenführer und Marxist Rudi Dutschke in der Manufaktur gesprochen hatte, war der Staatsschutz da. Zum Jubiläum kommen auch ein paar Ordnungshüter – allerdings weniger, um linksextremen Umtrieben entgegenzuwirken. Eher, damit die Gäste mit ihren Autos der oberen Mittelklasse einen Parkplatz finden.

Warum die Gratulanten die Manufaktur immer noch wichtig finden:

Die Manufaktur, so klingt es in vielen der Laudationen durch, sei heute im Establishment angekommen, und heute, nach einem halben Jahrhundert, bekomme sie endlich die Anerkennung und den Support, den sie verdiene. Tatsächlich zeigt ein Blick in die Runde: Das Publikum, das zum Jubiläumsabend gekommen ist, trägt keine zerfetzte Revoluzzerkleidung, sondern meist Sakko. Die Reggaeband Merry Judge, für deren Auftritt am Ende die Stühle weggeräumt werden, drückt den Altersdurchschnitt erheblich nach unten.

Und dennoch sind die Redner des Abends überzeugt: Die Manufaktur ist nach wie vor wichtig und aktuell. Ein Nostalgieladen, meint Christoph Wagner, der zum Jubiläum ein aufwendig recherchiertes Buch geschrieben hat, sei die „Manu“ nie geworden. Die Vorsitzende Sabine Reichle sagt: „Wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber sperrig geblieben.“ Dazu passt der Soundtrack für die Jubiläumsfeier, den die Organisatoren ausgewählt haben: Der Abend wird untermalt vom Free Jazz des Silke Eberhard Trios – für Top-50-Radiopop-verwöhnte Ohren mehr als ungewohnt. Schräg, aber arriviert. „Wir wollen weiter an die Ränder gehen, ins Unbekannte“, verspricht Sabine Reichle.

Werner Schretzmeier: „Unsere Errungenschaften gilt es zu verteidigen“

Das aktuelle Neuerstarken des Rechtspopulismus, davon sind viele überzeugt, ist die neue Herausforderung für den alten Achtundsechziger namens Manufaktur: „Früher gab es noch so richtig schöne, reaktionäre Gegner – das kommt jetzt so langsam wieder“, findet Werner Schretzmeier, der auch das Stuttgarter Theaterhaus mitbegründet hat. Die Manu stehe für Humanismus, Vielfalt und Weltoffenheit – „das alles ist noch genauso faszinierend wie damals, und diese Errungenschaften gilt es jetzt zu verteidigen“, sagt er.

Draußen, an der Bahnunterführung, sitzen ein paar Jugendliche in der Kälte. Aus ihrem Ghettoblaster wummern Hip-Hop-Bässe. Mit dem Free Jazz auf der Jubiläumsfeier können sie offensichtlich wenig anfangen. Gegenkultur, anno 2018.




Unsere Empfehlung für Sie