„Rocky Horror Show“ in Stuttgart Let’s Do The Time Warp Again!
„The Rocky Horror Show“ kommt nach Stuttgart. Zum 50. Geburtstag der Verfilmung des Sex-&-Trash-&-Rock’n’Roll-Musicals waren wir in London auf Spurensuche.
„The Rocky Horror Show“ kommt nach Stuttgart. Zum 50. Geburtstag der Verfilmung des Sex-&-Trash-&-Rock’n’Roll-Musicals waren wir in London auf Spurensuche.
An ihren schrillen Lachen und ihren roten Haaren erkennt man sie sofort. Auch nach 50 Jahren. Patricia Quinn war diese fies-exaltierte Alienfrau Magenta in der „Rocky Horror Picture Show“, und ihre Lippen sind zur Eröffnung des Films zu sehen, der anders ist als alle anderen.
Inzwischen ist Patricia Quinn 80, und sie hat auf einem Stuhl im Dachgeschoss des Royal Court Theatres in Londons Theaterbezirk West End Platz genommen. Über eine enge Treppe hat der Weg zu der kleinen Experimentierbühne geführt. Dorthin wo einst die Erfolgsgeschichte dieser irren aus Trashfilmen über Aliens, Monster und verrückte Wissenschaftler zusammengerührten Story über sexuelle Selbstbefreiung entstand.
Hier, auf der Upstairs-Bühne, feierte am 19. Juni 1973 Richard O’Briens Musical „The Rocky Horror Show“ vor 63 Zuschauern Premiere. Und während unten im großen Saal gerade die Proben für die Premiere der Theaterfassung des Films „Der Teufel trägt Prada“ laufen, erinnert sich Patricia Quinn daran, wie alles begann mit Frank N. Furter, Rocky und Brad und Janet.
„Wir hatten damals keine richtige Bühne, hier stand nur ein einziger Stuhl für Rocky“, sagt Quinn, „wir hatten auch keinen Umkleideraum, sondern mussten uns nebenan im Büro umziehen.“ Unten wurde gerade das Stück „The Sea“ gespielt. Und weil ein lautes Rockmusical die Aufführungen gestört hätte, durfte die „Rocky Horror Show“-Vorstellung erst um 22 Uhr beginnen. Schon damals begann die Show mit Patricia Quinn und dem Song „Science Fiction“. Sie saß als Platzanweiserin mitten im Publikum und trug ein Eiskonfekttablett, während sie den Song sang.
Die Rolle lag ihr, weil sie als 17-Jährige aus dem nordirischen Belfast nach London gezogen war, tatsächlich als Platzanweiserin gearbeitet hatte. Ein bisschen mehr machte ihr zu schaffen, als Richard O’Brien, der sich nicht nur das Musical ausgedacht hatte, sondern auch als Riff Raff einer der Hauptdarsteller der Show war, den Song „Time Warp“ anschleppte, der bis heute einer der Highlights der Show ist. Quinn war damals aber gar nicht so begeistert: „Ich dachte nur: „Oh Gott, jetzt muss ich auch noch all diese Tanzschritte lernen“, sagt sie. Noch mehr Probleme hatte allerdings Julie Covington, die die Original-Janet spielte, mit dem Song „Touch-A, Touch-A, Touch Me“. Und als O’Brien ihr diese Nummer gab, soll sie laut Quinn gesagt haben: „Das ist ja ekelhaft, das will ich nicht singen“, und es hätte viel Überzeugungsarbeit benötigt, sie dazu zu bringen, nicht alles hinzuschmeißen.
„Ich kann nicht singen, und zum Glück muss ich das in der Show auch nicht“, sagt Sky du Mont, der neben Quinn Platz genommen hat und der in der aktuellen Tourproduktion den Erzähler spielt – und der sich inzwischen daran gewöhnt, dass es zur Show gehört, dass, wenn er dran ist, es Zwischenrufe gibt oder er ausgebuht wird. „Das macht unheimlich Spaß“, sagt er: „Jede Aufführung ist anders. Manchmal ist es nervenaufreibend, manchmal ist es aber sehr lustig, vor allem, wenn die Leute etwas dazwischen rufen, auf das ich reagieren kann.“
Zwar war damals bei der Theaterpremiere in London diese Interaktion mit dem Publikum noch kein Thema („Wir hatten zwar auch schon einen Erzähler, aber da hat sich noch niemand aus dem Publikum eingemischt“, sagt Quinn). Doch heute hat der große Erfolg des Stoffs sehr viel damit zu tun, dass das Publikum selbst bei Kinovorführungen mitmacht: Bei keinem anderen Film passiert so viel im Zuschauerraum, wie bei diesem Film, der am 14 August 1975 in London Premiere feierte. Da muss man sich mit Zeitungshütchen schützen, um nicht nass gespritzt zu werden, da wird man mit Reis beworfen. Da wird mitgesungen, werden Texte mitgesprochen, wird das Geschehen kommentiert oder eben der Erzähler ausgebuht.
Das gilt auch für die aktuelle Tourproduktion, die jetzt nach Stuttgart kommt und bei der Sky du Mont der Erzähler ist und Oliver Savile Frank N. Furter spielt.
Als dieser auf der Probenbühne ungeschminkt auf einem Barhocker zur Akustikgitarre „I’m Going Home“ singt, deutet er an, dass er würdiger Nachfolger Tim Currys ist, als zum Beispiel Jason Donovan (ja, der Australier, der einst mit Kylie Minogue „Especially for You“ sang), der am gleichen Tag abends am West Ende ein paar Ecken weiter den Frank N. Furter in einer anderen „Rocky Horror Show“-Version spielt.
Als Savile auch noch „Don’t Dream It, Be It“ singt, wird deutlich, wie sehr das Musical auch heute noch den Zeitgeist trifft: Lass dir nicht von anderen vorschreiben, wer oder was du zu sein hast: Steh zu dem, was du bist! „Ich glaube das ist die zentrale Botschaft des Stücks“, sagt dann auch der Produzent Martin Flohr, „und ich glaube, diese ist bis heute enorm relevant.“
Patricia Quinn wäre übrigens fast nicht dabei gewesen in dem Film, weil die Platzanweiserin aus dem Skript gestrichen wurde und sie nur noch die Rolle der Magenta spielen sollte: „Wenn es die Platzanweiserin nicht gibt, spiele ich in eurem Film nicht mit: Magenta ist mir egal“, habe sie damals gesagt. Als ihr die Filmemacher aber gesagt hätten, dass man zur Eröffnung ihren Mund sehen und Richard O’Briens Stimme hören werde, habe sie es sich anders überlegt: „Meine Lippen, seine Stimme? Wo muss ich unterschreiben?“, sagt sie und lacht schrill.
Musical
Richard O’Brians Rock’n’Roll-Musical „The Rocky Horror Show“ wird am 16. Juni 1973 auf der Studiobühne des des Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Es ist eine parodistische Hommage an Sci-Fi- und Horror-B-Movies. Das Stück wird ein großer Hit am West End und zieht bald in größere Säle um.
Film
Als „The Rocky Horror Picture Show“ kommt das Musical im August 1975 in die Kinos. Wie schon bei der Uraufführung sind Tim Curry als Frank N. Furter, Richard O’Brien als Riff Raff und Patricia Quinn als Magenta zu sehen. Zunächst droht die Kinoversion zwar ein Flop zu werden, inzwischen hat sie aber Kultstatus.
Stuttgart-Shows
Vom 23. bis zum 27. April gastiert die aktuelle „Rocky Horror Show“-Inszenierung in Stuttgart im Hegelsaal der Liederhalle: Mittwoch bis Samstag jeweils um 19:30 Uhr, Sonntag um 14 und 18 Uhr. Mit dabei sind Oliver Savile in der Rolle von Frank N. Furter und Sky du Mont als Erzähler.