50 Jahre Theodor-Wolff-Preis Über jeder Wahrheit schwebt ein Vielleicht

Julian Assange, aufgenommen von Seamus Murphy: ein Foto, das 2011 beim World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Aus den Irak-Dokumenten von Wikileaks haben Journalisten die relevanten Informationen herausdestilliert. Foto: dapd
Julian Assange, aufgenommen von Seamus Murphy: ein Foto, das 2011 beim World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Aus den Irak-Dokumenten von Wikileaks haben Journalisten die relevanten Informationen herausdestilliert. Foto: dapd

Der Journalismus verändert sich. Neben die großen Reportageschreiber treten die Datenwühler, die neue Darstellungsformen nutzen. Doch die Zukunft der Zunft liegt auch in einer Besinnung auf alte Tugenden, meint der StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)
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Stuttgart - Im deutschsprachigen Raum werden jedes Jahr 605 Journalistenpreise vergeben. „journalisten­preise.de – Das Portal für preis­gekrönten Journalismus“ listet sie alle auf: Ausgezeichnet werden Redakteure für reine Zweckprosa wie für journalistische Glanzstücke. Auf der einen Seite des Spek­trums sind der Wirtschaftsförderung des Kreises Kleve die besten Berichte über einen „Virtuellen Gewerbeflächenpool“ immerhin 10 000 Euro wert, der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung hat den B.KWK-Journalistenpreis ausgeschrieben für eine „herausragende journalistische Arbeit, die die Rolle der Kraft-Wärme-Kopplung . . . überzeugend thematisiert“. Dem Wahren, Schönen, Guten verpflichtet sind auf der anderen Seite etwa der Henri-Nannen-Preis oder der Theodor-Wolff-Preis der deutschen Tageszeitungen, der in diesem Jahr zum 50. Mal vergeben wird.

605 Journalistenpreise in einer Zeit, in der „Krise“ beim Begriff Journalismus gleich tautologisch mitgedacht wird? Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn trotz des Booms Sozialer Netzwerke, trotz der in den vergangenen Jahren vervielfachten Informationsmöglichkeiten genießen die klassischen Informationsmedien immer noch – alle Umfragen belegen das – die höchste Glaubwürdigkeit beim Publikum. Davon will der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung profitieren – und das Publikum lechzt nach vertrauenswürdigen Abbildungen der Realität.

Das schriftstellerische Glanzstück steht im Mittelpunkt

Das größte Augenmerk genießt dabei immer das schriftstellerische Glanzstück, vorzugsweise die große Reportage oder der Essay. Da gibt es Sternstunden des Journalismus zu entdecken. Mit Preisen bedacht wurden in den vergangenen Jahren etwa ein umfangreiches Dossier, in dem ein Acht-Personen-Team des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ den Beginn der Weltfinanzkrise faktenreich und minutiös aufgearbeitet hat, eine schrullig-intelligente Betrachtung des „Zeit“-Autors Harald Martenstein zum Wesen des Mainstreams oder die klassische, höchst persönliche Reportage des StZ-Redakteurs Frank Buchmeier über die ganz besondere Beziehung einer resoluten Stuttgarter Bürgerin zu einem Obdachlosen. Der Leser lacht oder weint, erfährt etwas, das er nicht wusste oder so noch nie gesehen hat.

Guter Journalismus hängt nicht davon ab, ob er auf einem Stück Papier gedruckt, über Radiowellen versendet oder digital verbreitet wird. Alle Medien brauchen Glanzlichter, die im Falle der Zeitung ein einfaches Presseerzeugnis zur Autoren­zeitung veredeln. Doch Journalismus ist mehr als das, und gute Zeitungen sind mehr als eine Ansammlung von guten (oder im Idealfall sehr guten) Textbeiträgen. „Ein schnelles Auto“, hieß es 1909 im Manifest des italienischen Futurismus, sei schöner anzusehen als die Nike von Samothrake. Eine brillante Grafik kann einen komplexen Sachverhalt wie die Energiewende oder die Landung der Marssonde Curiosity mitunter besser darstellen als eine textliche Analyse. Einer der am meisten Erfolg versprechenden Pfade des Journalismus ist daher der Datenjournalismus – die Verknüpfung, Aufbereitung und Darstellung unterschiedlicher Datenquellen und immer größerer Datenmengen. Der Charme liegt dabei für den Leser – ob in der Zeitung oder im Online-Angebot – im leichten Zugang zu vielen, oft überraschenden Fakten. Augenfällig wird das bereits im Sportjournalismus. Die Laufwege jedes Bundesliga-Fußballers in einem Spiel sind inzwischen verfügbar und können als Grafik eine Reportage sinnvoll ergänzen. Das verschafft auch Erkenntnisse, etwa dass ein Bundesligatorhüter heute mit knapp sechs Kilometern pro Spiel wohl größere Strecken zurücklegt als der Torjäger Gerd Müller in den siebziger Jahren.




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