50 Jahre Tod von John F. Kennedy Der unsterbliche Mythos

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John F. Kennedy ist im historischen Gedächtnis ewig jugendlich präsent, obwohl ihm kaum Zeit blieb, als Präsident Geschichte zu schreiben. Sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, der von ihm den Vietnamkrieg erbte, ist dagegen fast ein Paria. Andreas Geldner beschreibt in seinem Essay eine Lektion über Schein und Sein in der Politik.

Jack und Jackie - US-Präsident John F. Kennedy und seine Frau Jacqueline haben dem Weißen Haus ihren Stempel aufgedrückt wie kaum ein Präsidentenpaar vor oder nach ihnen. Was macht den Mythos dieser beiden aus? Foto: dpa 24 Bilder
Jack und Jackie - US-Präsident John F. Kennedy und seine Frau Jacqueline haben dem Weißen Haus ihren Stempel aufgedrückt wie kaum ein Präsidentenpaar vor oder nach ihnen. Was macht den Mythos dieser beiden aus? Foto: dpa

Stuttgart - Die Luft im Flugzeug ist stickig. In der viel zu engen Kabine, in der nach stundenlangem Warten auf dem Rollfeld schon seit Langem keine Klimaanlage mehr läuft, drängen sich zu viele Menschen um den Mann, der plötzlich zum politischen Erben geworden ist. Der Kopf des Texaners ragt über die Umstehenden heraus. Den Fotografen, die diesen historischen Moment festhalten sollen, gibt Lyndon B. Johnson genaue Anweisungen – genauso berechnend stellt er Jacqueline Kennedy ins Bild. Noch im blutbefleckten Kleid soll sie dem nicht nur vom Kennedy-Clan ungeliebten Vizepräsidenten symbolisch die Legitimation geben. Eine eilig herbeigerufene Bundesrichterin nimmt Johnson am 22. November 1963 auf dem Rollfeld von Dallas den Amtseid ab. Er weiß, mit welcher Hypothek er das von ihm lang ersehnte Präsidentenamt antritt.

Es ist kaum ein größerer Gegensatz denkbar als derjenige zwischen dem immer etwas zerknittert wirkenden, damals 55-jährigen Machtpolitiker und dem neun Jahre jüngeren Mann, der wenige Meter von dieser Szene entfernt in einem Sarg im Rumpf der Präsidentenmaschine liegt. Binnen eines Jahres wird Johnson einen der größten Siege einfahren, die es je bei US-Präsidentschaftswahlen gegeben hat. Doch im doppelten Schatten von Vietnam und der Legende eines als jugendlicher Märtyrer gestorbenen Vorgängers wird sein monumentales innenpolitisches Vermächtnis begraben werden – bis heute. Der bei seinem Tod erst 46-jährige John F. Kennedy hingegen wird im Gedächtnis ewig jung bleiben.

An diese Bilder wird die Welt sich erinnern

An die Bilder vom offenen Wagen, in dem der Präsident nur Stunden zuvor von Schüssen getroffen zusammengesackt ist, wird sich die Welt erinnern. Bis heute will die Mehrheit der Amerikaner nicht glauben, dass es in Gestalt von Lee Harvey Oswald ein Verlierer und Einzelgänger gewesen sein soll, der die Hoffnungen einer ganzen Generation zerschmetterte. Was wäre gewesen, wenn . . . ? Das ist eine Frage, die sich nicht nur die Amerikaner stellen. In einer alternativen Geschichte der sechziger Jahre, die der US-Publizist Jeff Greenfield jetzt veröffentlicht hat, beschließt ein 1964 wiedergewählter Kennedy den Rückzug der USA aus Vietnam – und beruhigt im Gegenzug die rassistischen Südstaaten-Konservativen der Demokraten mit vorsichtigem Taktieren bei der Bürgerrechtsgesetzgebung.

Doch solche Kompromisse musste der reale John F. Kennedy nie schließen. Er ist auf immer mit der Aufbruchstimmung vom Anfang der sechziger Jahre verbunden. In die tausend Tage seiner Amtszeit fallen mit dem Mauerbau und der Kubakrise die Höhepunkte des Kalten Krieges und die ersten Blüten der Entspannungspolitik. Der Vietnamkrieg eskalierte, und die Beatles eroberten ihr Publikum. Martin Luther King sprach auf den Stufen des Lincoln-Denkmals in Washington über den Traum von der Versöhnung der Rassen. Die Amerikaner machten erste Hüpfer um die Erde und träumten vom Sprung auf den Mond.