500 Jahre Bauernkrieg Böblingen spielt Bauernkrieg
Auf dem Böblinger Marktplatz war „Uffrur!“ zu Gast, die historische Roadshow des Landesmuseums. Durch sie wurde Geschichte extrem anschaulich.
Auf dem Böblinger Marktplatz war „Uffrur!“ zu Gast, die historische Roadshow des Landesmuseums. Durch sie wurde Geschichte extrem anschaulich.
Wie mag sich ein Bauer gefühlt haben, vor 500 Jahren, herumgeschubst vom Adel? Am Sonntagnachmittag auf dem Böblinger Marktplatz kann jeder das nachempfinden. Und jeder, der möchte, kann dort auch ausholen und zurückschlagen, Herzog Ulrich von Württemberg, zum Beispiel, mitten ins Gesicht.
Denn dieses Gesicht prangt auf einem der Boxsäcke, die am Rande des Marktplatzes hängen, so dicht, dass der Bauer, der dort um sich schlägt, immerzu unbedingt von irgendeinem Adelsgesicht in den Rücken oder in die Seite getroffen wird.
Auf dem Böblinger Marktplatz herrscht „Uffrur“ – das ist der Titel der wandernden Theater- und Erlebnisshow, mit der das Landesmuseum Baden-Württemberg den Bauernkrieg in die Städte trägt. Der Platz ist zweigeteilt – so, wie es die Gesellschaft im Mittelalter ganz eindeutig war.
Auf der einen Seite steht der Adel, verzehren die Privilegierten das gegrillte Wildschwein, schlürfen die feinen Getränke – auf der anderen Seite gibt es keine Essenstände. Oder doch: Da ist eine Pommesbude. Das ist zwar nicht authentisch, passt aber vielleicht doch, irgendwie.
„Wir lassen die Welt von damals mit den Mitteln von heute wieder aufleben“, sagt Daniel Knapp. „Den Menschen soll klar werden, dass sie nicht frei entscheiden, in welchem Teil der Welt sie geboren werden.“ Knapp ist Produktionsleiter des Spektakels, das im Auftrag des Landesmuseums durch 16 Städte reist – ein fahrendes Stadtfest, ein Jahrmarkt, in dessen Mittelpunkt eine Stückentwicklung steht.
Premiere war am 30. April im Alten Schloss Stuttgarts, vor mehr als 1200 Zuschauern. Zu sehen war das Stück seither in Weingarten und Heilbronn. Regie führte Martin Butler, den Text schrieb Carolyn Amann, die Musik Benny Spähn. Vier Schauspieler sind dabei, in verschiedenen Rollen. Sie wurden eigens für das Stück gecastet, stammen aus ganz Deutschland. Elisabeth Schuller beispielsweise spielt Anne von Hochgeboren, die bald schon böse faucht. „Jetzt oder nie, jetzt oder nie!“, skandieren die Bauern. „Ihr wollt die Leibeigenschaft abschaffen?“, zischt die Fürstin ungläubig. „Weg mit der Sklaverei!“, brüllen die Bauern.
Vorbild für ihre Rolle, erklärt die Schauspielerin, sei Sabrina von Bayern, die Gattin des Ulrich von Württemberg, deren Schloss bei Waiblingen 1525 von den Bauern geplündert wurde. „Uffrur“, als Theaterstück, zeigt in knappen Szenen den Konflikt, der dem Bauernkrieg zugrunde lag. In der Mitte des Böblinger Marktplatzes steht ein gelber Pavillon, der als Bühne dient. Die Schauspieler treten durchs Publikum auf, die Streitgespräche, Forderungen, sind hörbar auf dem ganzen Platz.
Kennen lernen können die Besucher des Spektakels die Protagonisten des Bauernkrieges gut und gründlich auch anhand eines Quartetts, eines Kartenspiels. Wer es haben will muss Stempel sammeln bei den vier Kardinälen, die auf hohen roten Hockern, unter roten Sonnenschirmen, an vier Ecken des Marktplatzes sitzen und den mittelalterlichen Klerus verkörpern. Auf den Karten sind sie versammelt, so, wie man sie auch findet, im Internet, auf der Seite des Bauernkriegsprojektes des Landesmuseums: Ulrich von Württemberg, Jerg Ratgeb, all die anderen.
„Uffrur!“ wird gespielt inmitten der Böblinger Menschenmenge – die Sonne scheint, der Marktplatz ist gefüllt – und der Marktplatz ist geteilt. Auf der einen Seite des Platzes erklingt am Sonntagvormittag höfische Musik mit Romina de la Fuente V, auf der anderen Protestsongs mit dem Gitarristen Jo Ambros und seiner Band. Nach dem Theater dann spielt die Louisiana Funky Butts Streetband.
Rund um die gelbe Bühne, auf der Adel und Bauern streiten, finden sich viele thematische Stationen von großem Unterhaltungswert – Kinder können sich auf hölzernen Pferden kleine Lanzenduelle liefern, bei denen es darum geht, den Luftballon des Gegners zu treffen. Es gibt ein „Kickerspiel der Ungleichheit“, bei dem die Figuren einer Seite die kürzeren Beine haben, es gibt ein Schachspiel mit Katzen und Mäusen, bei denen einer Seite der König fehlt.
Man darf mit Bällen auf Dosen werden, die ein Denkmal darstellen. Kinder basteln ein anderes Denkmal oder gestalten ein Bauernkriegsplakat, erleben Puppentheater und stellen mit Papier und Schere „Tränen der Erinnerung“ her, die an einem sehr großen Gespenst aufgehängt werden, das selbst an der Seite der Bühne der Unterprivilegierten hängt.
Der Bauernkrieg Sinne wird bei dieser großen Jahrmarktsshow auf vielerlei Weise und einfallsreich zum Thema gemacht, und gewiss mehr als 600 Besucher haben dabei sehr viel Spaß. Möglich wird all dies auch durch die Mitarbeit des Deutschen Bauernkriegsmuseums in Böblingen, das die Organisation vor Ort übernommen hat und mit vielen ehrenamtlichen Helfern dabei ist.
Das Spiel auf der Bühne endet offen, nachdenklich – sein Ziel war es, den Zuschauern bewusst zu machen, wie sich das Leben vor 500 Jahren gestaltete, auf welchen Grundlagen sich die Gegenwart entwickelte. „Geh durch dieses Tor. Du erlebst eine geteilte Gesellschaft“ – so steht es an den Zugängen zum Böblinger Marktplatz, am Sonntagnachmittag. Wer will und hungrig ist, der schlüpft an diesem Tag hinüber auf die andere, die reiche Seite, wo das gegrillte Wildschwein wartet.
Im wahren Leben freilich war das nie so einfach.
Theater
„Uffrur! …on the Road“ ist ein Theater und Musikspektakel, das von Landesmuseums Baden-Württemberg anlässlich des 500. Jubiläums des deutschen Bauernkrieges veranstaltet wird. Bis zum 12. Oktober 2025 wird es an unterschiedlichen Standorten im Land aufgeführt – zunächst in Bretten, Lauda-Königshofen, Messkirch, Rothenburg ob der Tauber. Es gehört zu einem Bündel an Angeboten, mit denen das Landesmuseum den Bauernkrieg thematisiert – darunter auch das Instagram-Projekt „LAUTseit1525“.
Online
Weitere Informationen unter www.landesmuseum-stuttgart.de