Weithin sichtbar steht die Ruine einsam in der sanft gewellten, hohenlohischen Landschaft. Die 18 Meter hohe und zehn Meter breite, mit steinernen Reliefs verzierte Anhäuser Mauer ist das letzte Überbleibsel des einst mächtigsten und reichsten Klosters in der Gegend. So isoliert wie sie dasteht, hat sie etwas Magisches. Ringsum erstreckt sich heute eine steril flurbereinigte Landschaft mit der Autobahn A6 am Horizont. Das rätselhafte Denkmal bei Satteldorf-Gröningen (Landkreis Schwäbisch Hall) schlägt greifbar die Verbindung zu einem 500 Jahre alten Geschehen. Das markante Relikt erzählt von der Wut und Verzweiflung einfacher Leute. Und vom Zynismus und Egoismus der Macht.
In dieser Story steckt die Sehnsucht nach einem radikalen Bruch mit einer die Menschen überfordernden Gegenwart – und der enttäuschte Glaube an eine Führungsfigur, die vor 500 Jahren Martin Luther hieß. Pflichtschuldig wird im deutschen Südwesten, der Hochburg des Aufstands, in diesem Jahr an den Bauernkrieg 1525 erinnert. Oft wird nur das Geschehen rekapituliert. Doch diese Geschichte ist zeitlos aktuell.
Die Statuen flüstern
„Hörst du die Statuen flüstern?“ So fragte mein Großvater, der seinen Enkel immer wieder zu Spaziergängen zu dem windzerzausten Monument auf dem weiten Feld mitnahm. Ein echt schauriger Moment. Im nahen Dorf Gröningen bewirtschaftete er einen winzigen Hof. Zum Heumachen holte er die Kühe aus dem Stall. Die zogen den Holzkarren mit den hochbeinigen, eisenbeschlagenen Rädern noch Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts über die Felder. Es war ein Leben in Armut – aber in Würde.
Und wenn er erzählte, wie seine Vorfahren die gierigen Mönche des Paulinerordens am Kragen gepackt, die Weinfässer geleert und die mit ihren Wällen in der Landschaft noch zu erahnenden Teiche leer gefischt hätten, klang es so, als sei das gestern gewesen. Geschichte war gegenwärtig. Sie lieferte die Antwort auf die Frage nach Herkunft und Heimat. Aus Sicht der Historiker ist das Geschehen rund um Anhausen eine Randnotiz. Für den Großvater und die Bauern der Gegend war es auch nach Jahrhunderten fester Bestandteil ihrer Identität.
In vielen Stuben des Ortes stand ein gelber Band im meist nur spärlich bestückten Bücherregal. „Heimatbuch Crailsheim“ war darauf in verschnörkelter Frakturschrift zu lesen. Das aufwendig gestaltete Werk aus dem Jahr 1928, dem Geburtsjahr meines Vaters, gehörte neben der Bibel beim Großvater zum Bücherschatz des Hauses. Oft gelesen, mit braunen Fingerspuren auf den Seiten.
Die alte Schrift war für ein Kind nicht einfach zu entziffern, aber auf Seite 265 begann die packende Historie zur gruseligen Klosterruine. Ein Einleitungssatz prägte sich ein: „Schon Markgraf der Fromme pflegte zu sagen: ,Das Evangelium wär’ nicht so schwer, wenn der Eigennutz nicht wär’.“ Mit tiefer Sympathie wurden die Nöte der Bauern geschildert: „Es wird erzählt, dass in sehr harter Weise beim Sterben einer Frau oder gar einer Witwe der beste Kittel genommen wurde“, stand da über den Zugriff der Lehensherrschaft auf alles und jedes: „Welche Summe von Ärger und Verdruss!“
Tiefe Sympathie für die kleinen Leute
Das Kloster Anhausen war bei der Ausbeutung der Bauern ganz vorne dabei. „Wegen ihrer braunen Tracht wurden die Mönche von den Leuten die ,Ratten‘ genannt,“ heißt es im Heimatbuch. Insbesondere der Abt Johann Reinhart, der aus einer reichen Bürgerfamilie aus dem nahen Crailsheim stammte, und der bei den Bauern „Rattenkönig“ hieß, galt als gierig und grob. Von klösterlicher Askese hielt er nichts. Er lebte im Luxus – mit prall gefüllten Geldsäckchen am Gürtel seiner Mönchskutte.
Grenzenlose Wut der Bauern
Am 30. April vor genau 500 Jahren, rückten Bauern aus der Umgegend erstmals vor das Kloster und setzten es in Brand. „Aber der Brand wurde vom Klostergesinde mit Wein und Milch gelöscht,“ sagt die Chronik. Doch wenige Tage später, am 2. Mai, zündete bei einer zweiten Attacke das Feuer: „Die Seen wurden abgelassen, die Fische gegessen, das Wildbret geschossen, die Wütenden hieben sogar die jungen Obstbäume um“.
Dank der Bilanz des Klosterabtes Reinhardt, wissen wir genau Bescheid, welchen Schaden die im Luxus schwelgenden Mönche erlitten haben. Der pfennigfuchsende Prior addierte ihn auf 8241 Gulden. Seine Litanei ist endlos: 250 Gulden für Gestühl „alles von Eichenholz“, 350 Gulden für die Fenster im Chor und „drei Kapellen mit bernischem Glas“. Und: „40 Gulden für einen Zentner Schmer (Schweineschmalz), 20 Viertel Fleisch, Linsen, Gersten, gestampfte Esskern, Schönmehl, einen halben Zentner Lichter“. Schlimme Buben seien die Leute aus Wallhausen, Gröningen und Bölgental gewesen, erzählte mein Großvater – und lachte.
Bauern wurden abgeschlachtet
Doch schon am 8. Mai war für die Bauern aus der Region alles vorbei: Reiter und Fußsoldaten schlachteten im Auftrag des Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Kulmbach bei Ostheim, 60 Kilometer von Gröningen und Anhausen entfernt, den lokalen Bauernhaufen ab. 1000 Bauern wurden niedergemetzelt, 20 Bauernführer anschließend enthauptet. Der Markgraf massakrierte dann noch bis Ende Juni 1525 im Ansbachischen und Hohenlohischen die verbliebenen Aufständischen. Bis Ruhe war - und die kleinen Leute, die für wenige Wochen Subjekte der Geschichte waren, wieder zu deren Objekten wurden. Die Reformation, die den Aufstand entzündet hatte, schuf nun den Überbau für festen Gehorsam gegenüber der Obrigkeit.
Am Ende griff der Markgraf nach dem Klostervermögen
Doch die Mönche von Anhausen haben nie mehr wirklich Fuß gefasst. 1557 wurde das Kloster aufgelöst. Die Gebäudereste wurden bis auf die eine Mauer abgebrochen. Das restliche Klostervermögen kassierte der mit der Reformation sympathisierende, seit 1527 amtierende, Markgraf Georg der Fromme, der die kostbaren Stücke an den katholischen Erzbischof von Mainz verkaufte oder zur Prägung von Münzen verwandte. Letztlich ein Kirchenraub wie bei den Bauern - nur in anderem Gewand.
Da blieb dem Heimatbuch-Verfasser nur ein Seufzer: „Wir müssen auch weiter sagten, dass am Hof und ebenso unter weitern Kreisen der Bürgerschaft mehr du mehr ein luxuriöses Leben sich ausbreitete.“ Da war sie, die für jedes Kind zu begreifende Moral von der Geschicht‘: Die da oben, wir da unten.
Moderne Begriffe taugen nicht
Moderne Historiker nennen die Realität komplexer. Sie weisen etwa darauf hin, dass die legendären zwölf Artikel, die am Anfang der Revolte am 28. Februar in Memmingen verfasst wurden, nicht als moderner emanzipatorischer Text zu lesen sind, sondern im spätmittelalterlichen Kontext stehen. Auch das im Zeitgeist der 1970er Jahre vom Historiker Peter Blickle geprägte Schlagwort von der „Revolution des gemeinen Mannes“ wird heute hinterfragt.
Von örtlichen Problemlagen dominiert sei das Geschehen gewesen, das weite Teile Süd-, West- und Mitteldeutschlands erfasst hatte. So sagt es der Historiker Gerd Schwerhoff, der zum Jubiläumsjahr eine dicke Ereignisgeschichte verfasst hat. Die damit ihrerseits zum heutigen, weniger in Strukturen als in individuellen Kategorien denkenden Zeitgeist passt. Und doch haben manche Leitsätze von damals etwas zeitlos Bewegendes: „Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen und wollen sein.“ So steht es im dritten Memminger Artikel, dem zur Abschaffung der Leibeigenschaft.
Die Sehnsucht, jemand zu sein
Es waren damals durchaus wüste Randalierer, denen der eigene Kirchturm am nächsten war. Auch wenn die Reformation den Bauern dabei geholfen hatte, die großen Linien zu sehen: Dass es zwischen Gott und den Menschen keinen geistlichen Vermittlungsapparat brauchte und dass der weltlichen Macht göttliche Grenzen gesetzt waren. In den Erzählungen von zerschlagenen Krügen und demolierten Statuen wird die über Jahrhunderte aufgestaute Unterdrückung greifbar. Die Bauern wollten endlich jemand sein und nicht niemand.
Die Erinnerungen an den Großvater sind inzwischen auch schon mehr als 50 Jahre alt. Er und manche seiner Dorfgenossen waren in den 1970er Jahren in dem auch nach damaligen Maßstäben rückständigen Dorf in ihrer Lebenswirklichkeit näher an 1525 als am Jahr 2025. Hohenlohe war nur eine von vielen Landschaften, in denen sich vor 500 Jahren das Bauern-Drama entfaltete. Doch die sich um die Klosterruine rankenden Geschichten, haben in der Familientradition des Großvaters einen historischen Standpunkt definiert: Sympathie für die Schwachen der Gesellschaft.
Auf welcher Seite der Geschichte will man stehen?
Doch immer bestand die Gefahr, dass das Geschehen ideologisch vereinnahmt wurde – von den jeweils Mächtigen. Die Nazis, aber auch das DDR-Regime haben das versucht. „Die da oben und wir da unten“ ist ein für Manipulation anfälliger Slogan. Umso wichtiger ist es, das Wesentliche zu erkennen: Neun von zehn Menschen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit waren Bauern. Sie sind unsere Vorfahren, nicht ihre Herren. Wenn der Bauernkrieg eines lehrt, dann ist es, dass den Großen die Kleinen egal sind. Die „New York Times“ hat dies im Trump-Land in ihrer Rezension einer neuen, englischsprachigen Gesamtdarstellung des deutschen Bauernkrieges so formuliert: „Du kannst den Eliten nicht trauen. Frage einen Bauern vor 500 Jahren.“ Der Großvater aus Gröningen war kein Historiker. Aber er stellte die Schlüsselfrage: Auf welcher Seite der Geschichte stehst du? Er hat bei seinem Enkel eine lebenslange Skepsis, ja Renitenz gegenüber denjenigen befördert, die sich anmaßen, über andere zu bestimmen.
Am Ende blieb eine Gruselstory
Die Bauern aus den Dörfern um Anhausen, die am Ende als Verlierer dastanden, verpackten ihre Erfahrung in Legenden, die sie über Jahrhunderte bewahrten. Etwa in die Geschichte vom Kaplan aus dem Kloster, der eine Geliebte aus dem Dorf geschwängert habe. Historisch verbürgt ist zumindest, dass der nach der Bauernrevolte ins Kloster zurückgekehrte Prior Reinhart bei seinem Tod im Dezember 1532 „eine Maid“ mit einem Kind bei sich gehabt hat. Sie wurde danach rabiat verjagt. Die Erinnerung daran wurde zur Grusel-Moritat. Der Geistliche habe zuerst das Neugeborene, dann seine Geliebte umgebracht, so erzählten die Bauern. Bestraft sei er nicht worden, sondern später als Prior ins Kloster zurückgekehrt.
Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn nach seinem Tod fand der Kirchenmann keinen Frieden. Seither, so sagt die Legende, spuke er um die Klosterruine herum. Alle 50 Jahre kehre er an den Ort seiner Untaten zurück. Zuletzt wurde er in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gesichtet. 500 Jahre nach dem Bauernkrieg ist sein Erscheinen also überfällig.