Stuttgart und Region So wohnen wir – sechs Familien geben Einblick

Familie Stöveken-Schaffhauser hat sich in einem ehemaligen Dachboden in der Nähe des Ostendplatzes ein gemütliches Nest geschaffen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Serie "So leben wir" Teil 2 - Im Familienleben gibt es viele Fragen: Wie wollen wir wohnen, wofür verplanen wir unser Budget oder wohin gehen wir in den Urlaub? Sechs Familien aus Stuttgart und Region geben in einer Serie private Einblicke in ihren Alltag. Heute zeigen sie uns ihr Zuhause.

Wohnen mitten in der Stadt, im Speckgürtel oder gleich auf dem Land? Reicht eine Dachwohnung? Findet sich eine bezahlbare 4-Zimmer-Wohnung? Oder lässt sich sogar ein Haus mit Garten finanziell stemmen? Bauen, kaufen oder mieten? Das sind einige der drängendsten Fragen, wenn sich Familien mit ihrer Wohnsituation beschäftigen. Und selten wird aus der Wunschvorstellung Wirklichkeit. In unserer Serie „So leben wir“ schildern uns 6 sehr unterschiedliche Familien ihr Alltag. Sie kommen aus Stuttgart, Echterdingen, Weissach, Wendlingen und dem Schwarzwald. Im ersten Teil erzählen sie uns nicht nur wo und wie sie wohnen, sondern auch, warum sie dort gelandet sind.

 

Serie „So leben wir“


Familie Stöveken-Schaffhauser in Stuttgart-Ost – vom Taubenschlag zur Maisonette

Die Dachwohnung von Marius , Liam und Carina (von links) kann man mieten. Foto: Lichtgut/Julian Retti/g

Früher flatterten Tauben durchs Gebälk, heute hat man durch fünf Fenster einen Rund-Um-Blick über Stuttgarts Osten. Auf den Gaskessel und die Uhlandshöhe. Auf den Plettenberg und Richtung Pragsattel. Von der kleinen Terrasse aus sieht man den Stadtteil Gablenberg. Der ehemalige Dachboden und Taubenschlag ist zum großen Wohn- und Esszimmer für Carina Stöveken, Marius Schaffhauser und ihren Sohn Liam geworden, durch die Terrassentür sieht man Pflanzensetzlinge in weißen Kisten.

Im November 2021 hat die Familie die Maisonette-Wohnung in der Nähe des Stuttgarter Ostendplatzes gekauft – und bei der Suche Glück gehabt: „Es war die zweite Immobilie, die wir angeschaut haben und sie hatte im Gegensatz zu vielen anderen einen fairen Festpreis“, sagt Carina Stöveken (30). Zwei, drei schlaflose Nächte hätten sie gehabt, dann sagten sie zu. Das Paar wollte unbedingt in Stuttgart bleiben, am liebsten im Osten, wo sie schon vorher zur Miete wohnten, wo Liam schon in die Kita ging. Als Architektin und Bauingenieur konnten sie sich in die Kernsanierung viel einbringen. „Bis auf die Fenster, die Sanitär- und Elektrosachen haben wir das meiste mit Hilfe von Freunden und Familie selbst gemacht“, sagt Marius Schaffhauser (31).

Ein Dorf in der Stadt

99 Stufen ohne Aufzug geht es nun zu ihnen in den vierten Stock hoch. In der unteren Etage gibt es Küche, Bad, ein Schlafzimmer für die Eltern, eines für den fünfjährigen Liam und ein Gäste- und Arbeitszimmer. Viel Leben spielt sich im Dachgeschoss ab. Hier steht ein großes graues Sofa, ein weißer Esstisch mit weißen Eames-Stühlen. In der Ecke warten Spiele, Yogamatte und eine Kinder-Staffelei. Den Osten mögen sie, weil er fast wie ein Dorf in der Stadt sei, sagen die Eltern. Einen Garten vermissen sie nicht. „Wir hätten dafür ohnehin kaum Zeit“, sagt Carina Stöveken. Und wenn sie doch mal mehr Grün brauchen, fahren sie einfach zu ihren Eltern, die in Remshalden und in der Nähe von Biberach leben.

Den Blick über den Osten können auch andere erleben. Die Familie vermietet ihre Wohnung an Wochenenden oder wenn sie im Urlaub ist über die Plattform AirBnB. (Lisa Welzhofer)

Familie Rieger aus Weissach – Patchwork auf 160 Quadratmetern

Florian (links) zu Besuch in Weissach bei seinem Vater Steffen (rechts), Stiefmutter Nadine und den Halbbrüdern Collin und Jayden. Foto: Jürgen Bach/Jürgen Bach

Eine schmale Treppe neben dem Haus führt in den Garten der Familie Rieger in Weissach. Das Erste, was auffällt, ist der große, runde Swimmingpool, den Vater Steffen Rieger (50) für die Sommermonate wieder aufgebaut hat. Seit den Coronasommern ist dieser nicht aus dem Garten der Riegers wegzudenken. Mit 99 Quadratmetern ist der Garten überschaubar, die Häuser stehen dicht an dicht in den Straßen von Weissach. 2010 haben Nadine (45) und Steffen Rieger (49) das 160 Quadratmeter große Haus, Baujahr 1996, gekauft und sind mit ihren beiden Söhnen Collin (16) und Jayden (13) eingezogen. Nadine und Steffen Riegers Söhne Florian (27) und Romario (28), die jeweils aus den ersten Beziehungen der Eltern stammen, besuchen die Familie zwar ab und an, sie wohnen selbst aber nicht in Weissach.

Im Erdgeschoss des hellblau gestrichenen Hauses wohnt Collin (16), auch das Bad darf er hauptsächlich allein nutzen. Ein Stock höher sind Küche, Ess- und Wohnzimmer untergebracht. Auf der großen Eckcouch verbringt die Familie gerne die Abende. Bei der Filmauswahl versuchen die Riegers immer auf einen Nenner zu kommen, „aber jeder muss dabei auch mal Kompromisse machen“, sagt Nadine Rieger, der das Familienleben sehr wichtig ist. Im Dachgeschoss befindet sich das Elternschlafzimmer sowie Jaydens Reich. Welchem Fußballverein er die Treue geschworen hat, ist nicht zu übersehen: Über dem Bett hängt eine große Bayern-München-Flagge.

Steffen Rieger ist in einem Dorf neben Weissach geboren. Nadine Rieger hingegen kommt aus Landshut in Bayern. Der Start in dem 300 Kilometer von der Heimat entfernten Dorf fiel ihr schwer, doch mittlerweile fühlt sie sich in Weissach zuhause, sie kennt die Menschen im Ort und mag die Umgebung. „Ich bin ein Dorfmensch, Weissach ist mir schon fast zu groß“, sagt Nadine Rieger. Lediglich die schlechte Anbindung nach Stuttgart stört sie, weshalb die Familie nur selten in die Stadt fährt. (Susan Jörges)

Familie Lieb aus Echterdingen – das perfekte Haus für Noemi

Für Jannik, David, Lisa, Noemi und Jonah (von links) ist der Alltag im Echterdinger Haus mit Garten nun deutlich leichter. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Ein großes Trampolin steht vor dem Zuhause der Familie Lieb in Echterdingen. Hier leben die Eltern Jannik und Lisa (beide 36), Jonah (9), Noemi (6) und David (4). Ende 2020 haben sie das Einfamilienhaus Baujahr 1953 mit 170 Quadratmeter Wohnfläche innerhalb der Familie gekauft und sind nach einem Jahr Sanierungs- und Umbauphase im Winter 2021 eingezogen. Der Hof muss noch gepflastert, der Garten gemacht, und die Terrasse fertiggestellt werden. Aber das meiste ist geschafft.

Sie sind froh, dass die Zeiten vorbei sind, als Vater Jannik unter der Woche abends und samstags auf der Baustelle war. Ein Anbau war nötig, damit im Erdgeschoss genug Platz ist für den offenen Wohn- und Essbereich, ein barrierefreies Bad und Noemis Zimmer. Das auffälligste Möbelstück darin ist ein großes Pflegebett mit bunten Gitterstäben.

Auf Bedürfnisse der Tochter abgestimmt

Die Sechsjährige ist mit einem Gendefekt auf die Welt gekommen. Die Diagnose CDKL5 bekamen die Eltern kurz vor Noemis erstem Geburtstag. Seither wissen sie, dass ihre Tochter nicht etwa „nur“ entwicklungsverzögert ist, sondern eine schwere Behinderung hat. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie die Familie wohnt. „Wir konnten das Haus so für Noemie gestalten, wie sie es braucht“, sagt Lisa Lieb. Noch kann sie die Sechsjährige tragen, aber bald wird diese zu schwer sein. Die Türen im Bad sind so breit, dass sie sie problemlos in die Dusche fahren kann.

Ihre Tochter ist sehr ruhebedürftig. Weil sie nicht sprechen kann, teilt sie es anders mit, wenn es ihr zu laut ist. Sie bekommt Krampfanfälle. Die Eltern sind froh, dass die Zimmer der Jungen nun einen Stock höher liegen und nicht mehr auf einer Ebene wie in ihrer Wohnung. Die beiden können jetzt ausgelassen spielen, ohne ihre Schwester zu stören.

Genug Platz für die Oma

Es fiel der Familie schwer, ihre Stuttgarter Wohngegend zu verlassen. Aber es tut gut, jetzt so viel Platz zu haben. Sie haben nun ein Gästezimmer mit Büro. Da kann die Oma schlafen, wenn sie kommt, um zu unterstützen. Weil es mit Noemi nur schwer möglich ist, etwas zu unternehmen, laden sie oft zu sich ein.

Als sie noch in Stuttgart lebten, war Lisa Lieb viel mit den Kindern auf Spielplätzen, was mit Noemi aufwendig war. Nun laufen ihre Söhne einfach raus in den Garten. Hinterm Haus steht überdacht eine Tischtennisplatte, bald haben sie einen Basketballkorb. Man kann bei ihnen gut Zeit verbringen. Ihr Alltag, sagt Lisa Lieb, sei seit dem Umzug ins Haus deutlich einfacher. (Viola Volland)

 

Familie Jux aus Stuttgart-West – wohnen mit Kleinkind nach Marie Kondō

Colline Jux und ihr 18 Monate alter Sohn mit ihrem Hund Suma leben nach Motto „Mehr vom Wenigen“. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko

„Weder zu viel noch zu wenig“, so beschreibt Colline Jux ihren Einrichtungsstil. Ihre 70 Quadratmeter große Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Westen strahlt Ruhe und Ordnung aus. „Ich fühle mich wohl, wenn es gemütlich, clean und minimalistisch ist“, sagt Jux, die viele Sommerferien ihrer Kindheit in Schweden verbracht hat. „Vielleicht mag ich auch deshalb den skandinavischen Minimalismus so gerne, er ist für mich eine Lebenseinstellung.“ Der Tisch im Wohnzimmer ist Schreibtisch und Esstisch zugleich, auf den dunklen Holzdielen liegt ein blau-grüner Teppich, auf dem ihr Sohn gerne spielt, und der farblich zum Sofa passt. Durch die hohen Fenster im Altbau strömt warmes Licht hinein.

Abwechslung bei den Spielsachen

Kleidungsstücke passen zusammen, „theoretisch kann ich deshalb jeden Tag ein neues Outfit tragen“, sagt Jux, die mit ihrem Sohn allein lebt. Alle Anziehsachen ihres Sohnes sind in einer schmalen Kommode verstaut. Als Jux mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Anfang des Jahres zwei Monate in Südafrika verbracht hat, hat sie ihre Wohnung untervermietet und sich so die Reise finanziert.

Für ihren Sohn hat Colline Jux im Wohnzimmer eine kleine Ecke mit Spielsachen eingerichtet: Er kann zwischen Puzzeln, Büchern, Autos und Geschicklichkeitsspielen wählen. In einer Box im Flurschrank hat die 39-Jährige weitere Spielsachen verstaut: „Alle paar Monate tausche ich die Spielsachen aus, dann hat mein Sohn Abwechslung, ohne dass ich immer etwas Neues kaufen muss.“ (Susan Jörges)

Familie Grammel aus Fürnsal im Schwarzwald – wohnen wie in Bullerbü?

Max (13), Steffi (38), Julian (12) und Basti Grammel (39) haben mit Kater Theo viel Platz in Fürnsal-Dornhan. Foto: Achim Zweygarth//Achim Zweygarth

Ein Besuch bei Familie Grammel ist wie eine Fahrt in den Urlaub. Vorbei am Wasserschloss Glatt, geht es am idyllischen Glatttal-Freibad links ab und in Serpentinen hoch nach Fürnsal. Nur 330 Menschen wohnen in diesem dörflichen Stadtteil von Dornhan im Schwarzwald, der mit seinem Blick über Tannenwälder und Täler zum Heilfasten einlädt und mit einem Flutlicht-Skilift, einem Angelsee und einem Mountainbike-Parkour aufwartet.

Gleich im die Ecke von dem Trail wohnen Steffi (38), Basti (39), Max (13) und Julian (12) Grammel in einer Sackgasse, die von Einfamilienhäusern älteren Datums gesäumt wird. Die Nummer 8 ist ein unscheinbares Betonhaus aus den 60er Jahren mit frei stehender Garage und großem, Garten. Links Fußballtore und ein großes Trampolin, in der Mitte baut Vater Basti mit einem ausgeklüngelten Bewässerungssystem erfolgreich Tomaten an und rechts ist unter den Apfelbäumen eine Hängematte für Steffi gespannt.

Klingt ein bisschen wie Bullerbü, ist es aber nicht. Denn in der Nachbarschaft, in der Basti nur wenige Häuser entfernt aufgewachsen ist, leben kaum andere Kinder. „Junge Familien finden hier nichts“, sagt Steffi Grammel „es werden keine Häuser frei und Vier-Zimmer-Wohnungen sind genauso schwer zu finden wie in der Stadt“. Julian glaubt sogar, dass es für Kinder besser sein könnte, in der Stadt statt auf dem Land zu leben. Dort könnten sie wahrscheinlich leichter ihre Freunde treffen.

Und weil draußen in Fürnsal eben nicht viel los ist, verbringen Julian und Max auch viel Zeit im Haus. Julian zockt gerne im Wohnzimmer auf der Playstation, Max verzieht sich öfters nach oben in sein großes Zimmer. Dort sortiert er unter anderem liebevoll seine „Lustige Taschenbuch“-Sammlung im Wert von rund 2000 Euro, übt Horn oder liest. Sich allein zu beschäftigen, fällt ihm leicht. Julian hingegen, nutzt sein gleichgroßes Zimmer „eigentlich nur zum Schlafen“. Zum 160 Quadratmeter großem Heim der Grammels gehören zudem noch ein Esszimmer, ein Arbeitszimmer, ein Sportzimmer, ein Elternschlafzimmer, zwei Bäder und ein großer Keller mit kleiner Werkstatt. Doch zusammen kommt die Familie immer wieder am kleinsten Platz im Haus: am Küchentisch, dort essen alle vier pünktlich um 19 Uhr zu Abend. (Nadia Köhler)

So wohnen Familien in Baden-Württemberg

Mehrheit im Eigentum
52 Prozent der Haushalte, in denen mindestens ein Kind unter 18 Jahren lebt, wohnen in Eigentum. Gut zwei Drittel davon in einem Einfamilienhaus, der Rest in Mehrfamilien- oder Reihenhäusern. Von den 48 Prozent, die zur Miete wohnen, lebt nur jede sechste Familie in einem Einfamilienhaus, der Rest hat eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus gemietet. Der Anteil der Eigenheimbesitzer ist damit unter Familien mit Kindern höher als in der Gesamtbevölkerung. Von allen Haushalten in Baden-Württemberg besitzen 48 Prozent Eigentum, der Rest lebt zur Miete.

Ein-Eltern-Haushalte meist zur Miete
Eine Ausnahme bilden die Haushalte, in denen nur ein Erwachsener und mindestens ein Kind unter 18 Jahren lebt. 80 Prozent dieser Familien leben zur Miete, lediglich jede fünfte in einer Eigentumswohnung oder einem eigenen Haus. (wel)

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