60 Jahre Baden-Württemberg Florian Schroeder: Vergesst das Borchardt!

Von StZ 


Der Kabarettist stammt aus Lörrach und kennt sich aus in Berlin. Am schönsten findet er es aber anderswo: beim Italiener Stuttgarter Stadtgarten.

Mein Lieblingsort ist im Feindesland – von meiner badischen Heimat aus gesehen. Er ist in Schwaben, genauer, in der Geburtsstätte des Wutbürgers, in Stuttgart. Nur wenige Gehminuten vom Kopfbahnhof entfernt, befindet sich eines der deutschlandweit schönsten italienischen Restaurants, das Mezzogiorno. Hier, wo sich Parkschützer und Polizisten friedlich zuprosten, wo sich Juchtenkäfer und Kretschmänner Gute Nacht sagen. Hier feiert die beschauliche Kehrwochenkultstadt eine Wiedergeburt als Weltstadt.

Ein fantastisches Gericht sind die Spaghetti mit mehreren Kilo geriebenem Parmesan obendrauf. Ideal für Teilnehmer des Castings Germany’s next Calmund. Dazu einen rosa Pinot Grigio. Ja, liebe Leserbriefschreiber, den gibt es wirklich. Ein Weißwein, der rosa ist, ohne Rosé zu heißen und so zu schmecken. Das geht nur hier, wo auch der Wutbürger Daimler fährt.

Ab und zu betritt auch Prominenz das Mezzogiorno. Zum Glück herrscht selbst in diesen ekstatischen Momenten die gediegene schwäbische

Zurückhaltung, die ich der aufgebrezelten Dumpfbacken-Gaffergesellschaft eines Borchardt in Berlin jederzeit vorziehe. Hier, in der Hauptstadt der Lebensversicherungsabschließer, interessiert man sich nicht dafür, ob Hartmut Engler oder Jürgen Klinsmann gerade Hof halten. Mit einem kurzen „Isch er’s? – I glaub net, ond wenn, isch’s au wurscht“, wird das Thema hier kurz und pragmatisch abgehakt und man wendet sich wieder dem wirklich Wichtigen zu: dem Büffelmozzarella, der gegessen werden muss, „weil er zahlt isch.“

Einmal saß neben mir am Tisch der wunderbare Musiker Philipp Poisel. Es war schon später, und ich hatte ihn nicht erkannt. Er sah so jung aus, dass ich mich fragte, warum der nette 15-jährige noch nicht im Bett ist. Erst kurz vor dem Abschied erfuhr ich von einem Kollegen, wer er war. Ich sprach ihn daraufhin an, outete mich als Fan, und schon waren wir Freunde, wenn auch nur hier, Offline und nicht bei Facebook, weswegen unsere Freundschaft natürlich keine richtige ist. Aber ich glaube, irgendwie sind wir für solche Faxen auch schon zu alt. Schließlich haben wir zusammen immerhin 60 Jahre auf dem Buckel, da muss man sich nun wirklich nicht mehr jedem neumodischen Quark an den ausgefranzten Rockzipfel hängen.

Einer von Philipp Poisels größten Hits hieß übrigens: „Wo fängt dein Himmel an?“. Heute weiß ich die Antwort: im Mezzogiorno.