60 Jahre „Gastarbeiter“ Unsere Wirtschaft braucht Migranten

Nachfahren der „Gastarbeiter“-Generation: die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. Foto: dpa

„Gastarbeiter“ ist ein Begriff von gestern. Wir werden aber auch in Zukunft auf Arbeitsmigration angewiesen sein. Das ist kein Plädoyer für unkontrollierten Zuzug – ganz im Gegenteil, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Das Wort „Gast“ hat im Deutschen eine doppelte Bedeutung. Gäste sind Menschen, die eingeladen und willkommen geheißen werden – von denen aber auch erwartet wird, dass sie irgendwann wieder gehen. So war das auch mit den „Gastarbeitern“. Sie stehen für ein eher unrühmliches Kapitel in den Annalen der Bundesrepublik – und dennoch für eine Erfolgsgeschichte. Das lässt sich aktuell an zwei Namen festmachen: Özlem Türeci und Ugur Sahin. Ohne sie und den von ihnen entwickelten Impfstoff der Marke Biontech wären wir der Pandemie hilflos ausgeliefert.

 

Özlem Türeci und Ugur Sahin sind beide Kinder von „Gastarbeitern“ aus der Türkei – und zugleich Aushängeschilder eines erfolgreichen Bildungsaufstiegs und erfolgreicher Forschung in Deutschland. Auch wenn sie nicht prompt mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, ist ihnen das ganze Land zu Dank verpflichtet. Zudem sind es Hunderte von Millionen Menschen, die schon zwei Spitzen mit dem Stoff aus ihren Labors verabreicht bekamen. Menschen wie Türeci und Sahin sowie vielen Unbekannten ähnlicher Herkunft, die hierzulande Autos bauen, Alte pflegen oder die Städte sauber halten, wird der Bundespräsident an diesem Dienstagabend seine Reverenz erweisen, indem er an das Anwerbeabkommen mit der Türkei erinnert. Damit wurde vor 60 Jahren „Gastarbeitern“ vom Bosporus und aus Anatolien der Weg zu uns geebnet.

Ohne Arbeitsmigranten wäre der Sozialstaat aus der Balance

Das ist mehr als bloß eine historische Reminiszenz. Viele der „Gastarbeiter“ von damals, ihre Kinder und Enkel sind heute unsere Nachbarn. Sie haben den Wohlstand mit aufgebaut, um den Deutschland beneidet wird. Sie repräsentieren mit Kolleginnen und Kollegen, deren Vorfahren hier geboren sind, die Kompetenzen, die Produkte made in Germany zum Verkaufsschlager machen.

Im Begriff des „Gastarbeiters“ spiegelt sich das Denken von gestern. Wir werden aber auch künftig Arbeitskräfte aus dem Ausland benötigen. Vielen Unternehmen, ganzen Branchen fehlt schon heute das nötige Personal. Ohne Arbeitsmigranten wäre Deutschland längst überaltert, der Sozialstaat aus der Balance. Gerade während der Pandemie war zu besichtigen, dass der Gesundheitssektor und die Pflege ohne Hilfe von auswärts kollabieren würde.

Asyl und Arbeitsmigration sind zweierlei

Das ist kein Plädoyer für unkontrollierten Zuzug, im Gegenteil. Während des Wahlkampfs hat das Thema nur kurz eine Rolle gespielt, als spekuliert wurde, ob eine größere Zahl von Afghanen in Deutschland Schutz vor den Taliban suchen könnten. Asyl und Arbeitsmigration sind aber zweierlei. Asyl ist eine humanitäre Pflicht mit allerdings beträchtlichen Risiken für das soziale Zusammenleben und die Sicherheit. Arbeitsmigration wäre eine gezielte Offerte für Menschen, auf die wir dringend angewiesen sind.

Deutschland muss aus purem Eigeninteresse ein Einwanderungsland bleiben. Auch wenn es sich noch nicht in ausreichendem Maße herumgesprochen hat, sind die Zuzugsregeln für Fachkräfte hier liberaler als in den meisten anderen Ländern – aber zu intransparent und zu bürokratisch. Zudem braucht es mehr Ehrgeiz bei der Integration, mehr Hilfe für schnellen Spracherwerb, mehr Chancengleichheit in der Schule und bei der Wohnungssuche (auch für Leute, die nicht Müller oder Schulze heißen), mehr Flexibilität bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen, mehr Teilhabe für Menschen ohne deutschen Pass etwa durch ein kommunales Ausländerwahlrecht.

Das alles wäre kein selbstloser Akt. Es würde vor allem dem Ziel dienen, dass Deutschland auch in 60 Jahren noch ein wohlhabendes Land ist.

Weitere Themen