Karin Berg, Geschäftsstellenleiterin des Sindelfinger Selbsthilfevereins für Menschen mit Behinderung, muss nicht lange im Leitz-Ordner blättern. Dann findet sie es, das Gründungsprotokoll der Lebenshilfe „für das geistig behinderte Kind“, wie der volle Wortlaut damals noch hieß. Es war am 17. März 1961, als sich 14 Familien und Personen in der Gartenstraßenschule trafen. Eine Elterninitiative, vor deren Engagement die 63-jährige Sozialpädagogin „auch heute noch den Hut zieht“. Der Arzt Wolfgang Bachor war eine der treibenden Kräfte, die Schulrektoren Paul Hansen und Otto Huber sowie Helmut Bäuerlein von der Stadtverwaltung. Denn auch die Stadt, so das Protokoll, zeige sich aufgeschlossen, Eltern zu unterstützen. Die Wahrung der Interessen ihrer Kinder übersteige „deren eigene Kräfte in der Regel“.
Wenig Einfühlsamkeit in den Nachkriegsjahren – das Urteil: nicht beschulbar.
Karin Berg kann das gut nachvollziehen. „Wenn die Eltern damals mit ihren behinderten Kindern zu Schuleignungstests Jahr um Jahr antanzen mussten, war das meistens eine Katastrophe. Ein Arzt stellte fest: nicht beschulbar.“ Für die Eltern sei das „ganz dramatisch gewesen“. Vor allem die Mütter hätten ihr behindertes Kind als persönliches Versagen empfunden, Schuldgefühle gehabt, „ihre Kinder oft regelrecht versteckt“. Diese Mütter hätten keinen Beruf ausüben können, seien zu Hause geblieben, um sich ums Kind zu kümmern, „was dann ihre einzige Daseinsberechtigung war“. Die Spätausläufer der Nazi-Ideologie vom „lebensunwerten Leben“ – sie waren vielerorts noch wahrnehmbar.
Die Gründung der Lebenshilfe Sindelfingen legte mit ihrer Pionierarbeit den Grundstein für einen nachhaltigen Wandel dieser Geisteshaltung. Noch im selben Jahr stimmte der Sindelfinger Gemeinderat dem Bau einer Sonderschule im Brühlweg zu. Ihr folgte 1964 die Eröffnung der ersten beschützenden Werkstätte im Sängerheim Gisela. Nur wenige Jahre später waren die Kapazitäten von Schule und Werkstätte ausgeschöpft, sodass im März 1973 die heutige Bodelschwingh-Schule eingeweiht worden ist - in Trägerschaft von Stadt und Landkreis.
Lebenshilfe-Vereine in der Umgebung sind Kooperationspartner.
Schon damals und bis heute waren die Lebenshilfen Böblingen, Sindelfingen, Calw, Herrenberg und Nagold Kooperationspartner. Seit den 80er Jahren zählen die Gemeinnützigen Werk- und Wohnstätten sowie die Bodelschwingh-Schule zum festen Bestandteil Sindelfingens und des Landkreises. Dank eines Zuschusses der „Aktion Mensch“ (früher „Aktion Sorgenkind“) konnte die Lebenshilfe 2004 eine eigene Geschäftsstelle einrichten.
Aus der 14-köpfigen Elterninitiative von einst ist sechs Dekaden später ein Verein mit über 300 Mitgliedern aller Altersgruppen und Nationalitäten geworden. „War die Arbeit in den ersten Jahren nahezu ausschließlich ehrenamtlich strukturiert, ist das heute ohne hauptamtliche Kräfte nicht mehr vorstellbar“, sagt Lutz Lemke (63), der seit drei Jahren Vorsitzender der Lebenshilfe ist. Seine Vorgängerin Regina Trefz hat den ehemaligen Ordnungsamtsleiter im Rathaus bekniet, ihr nachzufolgen. Lemke hat nicht Nein sagen können.
Aufgaben gibt es genug bei der Lebenshilfe. So wurden die familienentlastenden Dienste ausgebaut. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es eine Samstagsbetreuung, Touren sowie Malkurse und sportliche Aktivitäten. Nicht zu vergessen die Stadtranderholungen, die es seit 40 Jahren gibt. Dort ist Karin Berg, seit 2009 in Lebenshilfe-Diensten, nicht wegzudenken. „Sie ist die verlässliche Stütze unseres Vereins“, lobt Lutz Lemke die resolute Kämpferin für die Interessen der Behinderten und deren Eltern. Denn Eltern bleiben sie ja ein Leben lang.
Bemerkenswert, wie viele Ehrenamtliche in Betreuungsaufgaben mitmachen: rund 150.
Ausflüge und Freizeiten zählen zu den beliebtesten Aktivitäten im Vereins-Jahres-Rhythmus - in die Berge, in die Natur; mit Quartier in Jugendherbergen und „ganz normalen Hotels“. Als jüngstes Aufgabenfeld haben die Aktivisten einen Integrationsdienst mit Schulbegleitung und eine Kindergarten-Integration aus der Taufe gehoben. Dort sind festangestellte Kräfte eingebunden. Bemerkenswert findet Lemke, wie viele Ehrenamtliche, darunter Ärzte und Pflegepersonal, in Betreuungsaufgaben mitmachen: rund 150. „Ohne deren Engagement ginge es nicht“, betont Lemke. „Da sind viele junge Leute darunter, die sich mit einer WhatsApp-Gruppe organisieren. Das läuft richtig gut.“ Überalterungssorgen kenne man keine (mehr). „Wir haben ein super Klima“, freut sich Sozialpädagogin Karin Berg.
Die Kinder von damals, sie sind heute in Rente. Die Aufgabe der Lebenshilfe aber bleibt. Durch Teilhabe in allen Lebensbereichen die Lebensqualität der Menschen mit Behinderung zu fördern, das hat sich der Verein auf seine Fahnen geschrieben. Das heißt politische Arbeit, Bewusstseinsbildung, Präsenz in der Öffentlichkeit wie etwa beim Weihnachtsmarkt. Das heißt aber auch ausgelassenes Feiern. Der alljährliche Behinderten-Fasching etwa ist ein Muss. Wer je dort war, vergisst die ausgelassene Fröhlichkeit nie mehr. Vielleicht folgerichtig, dass die Lebenshilfe schon am nächsten Format arbeitet: Disco-Abende, sobald die Pandemie endlich durch ist.
www.lebenshilfe-sindelfingen.de