60 Jahre Élysée-Vertrag. Das Ende einer Feindschaft

Partner mit vielen Gemeinsamkeiten: Emmanuel Macron und Angela Merkel. Foto: Imago/Julien Mattia

Vor sechzig Jahren unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag. Dieser begründete das für den Frieden Europas nicht hinreichende, aber in jedem Fall unverzichtbare Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland.

In seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“, begonnen 1915, adelte Thomas Mann den Weltkrieg als die deutsche Antwort auf die Ideen der Französische Revolution, die sich in eine „kapitalistische Bourgeois-Republik“ verwandelt habe. „Eine nette Bescherung!“, höhnte der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger. Frankreich, das war für ihn die Heimat der „Zivilisationsliteraten“ – als solchen sah er auch seinen Bruder Heinrich. Mit Deutschland verband Thomas Mann die Vorstellung einer Kultur des Geistes. Er notierte: „Ich bekenne mich tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und dass der vielverschrieene ‚Obrigkeitsstaat‘ die dem deutschen Volke angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.“ Erst 1922 sollte sich Mann in seiner Rede „Von deutscher Republik“ eines anderen besinnen.

 

Versöhnungsmesse in Reims

Die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen ist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dahingegangen – zumindest auf staatlicher Ebene. Wie schnell sich Ressentiments wiederbeleben lassen, bewiesen in den jüngsten französischen Wahlkämpfen sowohl rechte wie linke Politiker. Dennoch: Ein Meilenstein auf dem Weg zum deutsch-französischem „Tandem“ in Europa bildete der Freundschaftsvertrag (Élysée-Vertrag) vom 22. Januar 1963. Vor sechzig Jahren setzten Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer in Paris ihre Unterschrift unter die Vereinbarung. Ein halbes Jahr zuvor hatten die beiden in der Kathedrale von Reims, dem Krönungsort der französischen Könige, eine Versöhnungsmesse initiiert.

Drei Kerninhalte

Der Élysée-Vertrag hatte drei Kerninhalte: Erstens wurde jener Konsultationsprozess in Gang gesetzt, der auch heute noch sichtbar wird, wenn in den Medien über Regierungstreffen beider Staaten berichtet wird: Präsident und Kanzler, Fachminister oder Spitzenbeamte. Inzwischen reicht die Zusammenarbeit bis hin zu gemeinsamen Kabinettssitzungen. Diese wurden zwischen Emmanuel Marcon und Angela Merkel im Vertrag von Aachen institutionalisiert. Dieses Übereinkommen schließt unmittelbar an den Élysée-Vertrag an und wurde – ebenfalls symbolstark – am 22. Januar 2019, dem 56. Jahrestag des Élysée-Vertrags, im Aachener Rathaus und damit nur einen Steinwurf entfernt von der Pfalzkapelle Karls des Großen unterzeichnet. Vergangenen Oktober freilich sagten die Franzosen das eigentlich routinemäßig anstehende Regierungstreffen wegen diverser Unstimmigkeiten ab.

Deutschland profitierte von der Europäisierung

Einen zweiten Schwerpunkt des Élysée-Vertrags bildete das Versprechen, in Fragen der Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik gemeinsam zu agieren. Dies berührt die Kernintentionen beider Staaten. Schließlich sind sie jene Antagonisten, die in in Europa hegemoniale Absichten verfolgten – mit den Briten als eigennützigen Beobachtern, die interessiert waren, einen kontinentalen Hegemon zu unterbinden, um in Ruhe ihr globales Imperium aufzubauen.

Dem europäischen Projekt näherten sich Frankreich und die neue Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlichen Ecken. Wie der britische Historiker Timothy Garton Ash nach der Wiedervereinigung in seiner Studie „Im Namen Europas“ luzide darlegte, eröffnete die Europäisierung den Westdeutschen die Chance, nach der Barbarei des Nationalsozialismus wieder im Kreis der Nationen respektiert zu werden. Die große Bühne überließ man den Franzosen – und suchte im Hintergrund Mehrheiten für die eigenen Interessen zu gewinnen, die europäisch ummantelt wurden. Ash bilanziert: Der Transfer von Macht auf Europa habe dem deutschen (Wieder-)Erwerb von Macht in Europa gedient. Das ist dialektisch, aber richtig gedacht.

Französische Gloire

Umgekehrt verhält es sich mit der französischen Politik, die erkannte, dass eine Hegemonie in Europa gegen Deutschland in ein Meer von Blut geführt hatte. Außerdem ging es nun darum, sich der Weltmacht USA und des um die Sowjetunion gruppierten Ostblocks zu erwehren. Das wäre doch am ehesten möglich, so die Pariser Politik, unter sachter Einbindung und Nutzung der westdeutschen Ressourcen. Grandeur und Gloire der französischen Republik könnten auch unter europäischer Flagge zur Geltung kommen, so ihr die Trikolore beigesellt sei. Schwer tat sich Frankreich mit der deutschen Einheit, aber Staatspräsident François Mitterrand erteilte schließlich sein Plazet – nachdem Kanzler Helmut Kohl der Währungsunion zugestimmt hatte. Den durch die Osterweiterung der EU gewachsenen deutschen Einfluss versuchte 2008 Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy mit der Mittelmeerunion zu kompensieren.

Einen dritten Schwerpunkt legte der Élysée-Vertrag auf die Jugend – und damit auf die Zukunft. Das gemeinsame Jugendwerk ermöglichte inzwischen annähernd zehn Millionen Jugendlichen die Teilnahme an einem der fast 400 000 Austauschprogramme. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt den Fortschritt im beidseitigen Verhältnis. Der aggressive deutsche Nationalismus war ja eine unmittelbare Folge der napoleonischen Eroberungspolitik gewesen. Mit Ernst Moritz Arndts „Vaterlandslied“ (1812) sangen die jungen Männer: „Lasst klingen, was nur klingen kann, / Die Trommeln und die Flöten! / Wir wollen heute Mann für Mann / Mit Blut das Eisen röten, / Mit Henkerblut, Franzosenblut – / O süßer Tag der Rache.“ Das alles ist vorbei. Halleluja.

Weitere Themen