60 Jahre Pro Familia in Stuttgart Nur eine Praxis für Abtreibungen – „Das ist einer Landeshauptstadt nicht angemessen“

Marion Janke war lange das Gesicht von Pro Familia in Stuttgart. Foto: /Lichtgut/Julian Rettig

Die langjährige Geschäftsführerin von Pro Familia Stuttgart, Marion Janke, bedauert, dass die „Kriminalisierung von Frauen“, die abtreiben wollen, anhält. Im Interview spricht sie auch über den Fluch und Segen der vorgeburtlichen Diagnostik.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Als Pro Familia in Stuttgart vor 60 Jahren gegründet wurde, kämpften Frauen noch um den Zugang zur Pille. Heute geht es in den Beratungen vor allem um Gewissensentscheidungen: zum Beispiel, weil eine Schwangerschaft ungewollt ist oder ein Pränataltest ein unerhofftes Ergebnis gebracht hat. Die Ärztin und langjährige Leiterin der Stuttgarter Beratungsstelle, Marion Janke, spricht über den hohen Druck, unter dem Schwangere heute stehen, über verpasste Chancen und warum ihre Fortbildungen nichts mit Frühsexualisierung zu tun hätten.

 

Bei der Jubiläumsfeier von Pro Familia werden Sie, Frau Janke, verabschiedet. Wie sehr schmerzt es Sie, dass Sie es in Ihrer aktiven Zeit nicht mehr erleben durften, dass die Legalisierung von Abtreibungen kommt? Der alte Bundestag hat nicht mehr darüber befunden.

Ich denke, das ist eine verpasste historische Chance. Man hätte die Kriminalisierung und Diskriminierung von Frauen beenden können. Auch die Mehrheit der Bevölkerung ist für die Legalisierung. Dass es nicht gelungen ist, bedauere ich sehr. Aber wir geben nicht auf. „Wir bleiben dran“ lautet das Motto unseres 60-Jahre-Jubiläums.

Als Sie Anfang 1993 zu Pro Familia kamen, war die Rechtslage noch strenger.

Ja, die schwierige Situation für ungewollt schwangere Frauen war ein Grund, mich zu engagieren. Frauen mussten damals für einen Schwangerschaftsabbruch zwei Bescheinigungen vorlegen: eine Indikation eines Arztes oder einer Ärztin und eine Sozialberatungs-Bescheinigung. Die Frauen standen bei uns oft schon morgens vor der Tür und warteten, dass die Beratungsstelle öffnet. Sie waren verzweifelt, weil sie niemanden fanden, der sie unterstützte. Wir hatten bei Pro Familia damals eine große gynäkologische Sprechstunde mit Ärztinnen, was damals eine Ausnahme war; die Gynäkologie war im Gegensatz zu heute männerdominiert. Im Juni 1993 kam dann die Gesetzesänderung, die zusätzliche ärztliche Indikation wurde abgeschafft.

Aktuell steigt die Zahl der Abtreibungen wieder, nachdem sie lange zurückging. Für 2023 verzeichnet das Statistische Bundesamt den höchsten Stand seit 2012. Zeigt sich daran der Vormarsch der Pränataldiagnostik und merken Sie das auch in Stuttgart?

In Stuttgart können wir keine deutliche Zunahme feststellen. Dramatisch haben sich die Zahlen aber auch bundesweit nicht nach oben entwickelt. Entscheidend ist die Zahl der Abbrüche in Bezug auf die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter, und da gibt es kaum Veränderungen. An der Pränataldiagnostik liegt es meiner Meinung nach nicht, denn der Anteil der Abbrüche nach medizinischer Indikation ist mit ungefähr 3,7 Prozent nach wie vor sehr gering.

Barbara Wittel ist die Nachfolgerin von Marion Janke. Foto: Julian Rettig/Julian Rettig

Sie haben Stuttgarts Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik aufgebaut. Was meinen Sie: Sind die Untersuchungen mehr Segen oder Fluch?

Da kann ich Ihnen keine eindeutige Antwort geben. Jede Schwangere ist mit vorgeburtlichen Untersuchungen konfrontiert. Die Ergebnisse können beruhigen, aber auch verunsichern. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen gut informiert sind, damit sie entscheiden können: Was will ich über mein ungeborenes Kind wissen und was mache ich mit diesem Wissen? Schwangerschaft wird oft als Kontrollverlust erlebt. Da ist man empfänglich für Botschaften wie „Wir schauen, ob alles in Ordnung ist“. Allein die Aussage „Sie wollen doch das Beste für ihr Kind“ löst bei jeder Schwangeren etwas aus. Sie will nichts falsch machen, nichts versäumen. Aber Schwangerschaft ist nicht maximal kontrollierbar. Manchmal kann man einfach nur guter Hoffnung sein.

Und Sie müssen in der Beratung klarstellen, dass Pränataldiagnostik das Kind eben nicht gesund macht.

Es ist in den allermeisten Fällen eine Diagnostik ohne Therapie. Trotzdem – die Tests sind in der Welt und sie werden oft genutzt, auch von jungen Frauen. Bei ihnen ist das Ergebnis häufiger falsch positiv als bei älteren Frauen. Ein Schock für sie und eine extreme Belastung. Sie bekommen die Info, dass das Kind höchstwahrscheinlich eine Behinderung hat und dann zeigt sich bei der anschließenden invasiven Untersuchung: Es ist gar nichts.

Manchmal bleibt es aber bei dem Ergebnis, dass das Kind eine Behinderung hat.

Damit werden die Eltern oft sehr allein gelassen. Sie berichten dann in der Beratung von ihrem Gefühl, es nur falsch machen zu können. Bekommen sie das Kind, heißt es, das muss man doch heute nicht mehr. Bekommen sie es nicht, heißt es, man darf doch eine Schwangerschaft nicht abbrechen. Ich würde mir wünschen, dass Paare in einer solchen Situation unterstützt werden, egal wie sie sich entscheiden.

Vor zehn Jahren wurde in Stuttgart die Abtreibungsklinik Stapf geschlossen. Das hatte eine Lücke gerissen. Wie ist die Versorgungslage jetzt?

Es gibt in Stuttgart eine Praxis, in der operative Abbrüche durchgeführt werden, dazu kommt eine Klinik in Ludwigsburg. Das ist aus unserer Sicht nicht ausreichend und einer Landeshauptstadt auch nicht angemessen. Zumal es in Baden-Württemberg in 14 von 44 Landkreisen gar keine Versorgung gibt. Schwangerschaftsabbruch ist immer noch ein Tabu. Dass er im Strafgesetz geregelt wird, trägt zum Erhalt des Tabus und zur schlechten Versorgungslage bei. Frauen suchen die Anonymität der Großstadt. Stuttgart hat also eine besondere Verantwortung.

Ein Alternative kann ein medikamentöser Abbruch sein.

Ja, aber da ist der Zeitdruck größer. Bis zur neunten Schwangerschaftswoche sind die Medikamente zugelassen. Viele Praxen führen medikamentöse Abbrüche nur bis zur siebten Woche durch. Da muss man sich bei einem positiven Schwangerschaftstest sehr schnell entscheiden und Hürden überwinden: einen Beratungstermin vereinbaren, eine Beratungsbescheinigung vorlegen, eine Kostenübernahme beantragen. Außerdem ist dies nicht für alle Frauen die Methode der Wahl. Frauen sollten aber wählen können.

Der Landesverband von Pro Familia beklagt antifeministische Tendenzen, die die Bildungsarbeit vor Ort erschwerten. Spüren Sie das auch?

Wir wissen von Kitas aus einzelnen Regionen im Land, die keine Fortbildungen zur sexuellen Bildung und Aufklärung mehr wahrnehmen – aus Angst vor Angriffen von Eltern. Aus Stuttgart ist uns so etwas nicht bekannt. Bei den Fortbildungen lernt man, auf Kinderfragen altersentsprechend zu antworten und kindliches Verhalten richtig zu interpretieren. Das hat überhaupt nichts mit Frühsexualisierung zu tun. Das Wissen über den eigenen Körper bedeutet vor allem Schutz. Es macht Kinder selbstbewusster und sicherer. Schon Kinder sind heute durch digitale Medien ganz anderen Inhalten und Bildern ausgesetzt als früher.

Wie sieht es bei den Jugendlichen aus. Werden Sie da wieder vermehrt mit traditionellen Rollenbildern konfrontiert?

Wenn ich an die Mädchenarbeit denke, habe ich manchmal schon das Gefühl, da fangen wir wieder von vorne an. Vieles, was uns selbstverständlich erschien, wie Gleichberechtigung, Teilhabe, Vielfalt, wird wieder in Frage gestellt. Social Media und Influencerinnen haben großen Einfluss auf Rollenbilder, Schönheitsideale und Lebensentwürfe, nicht nur bei Jugendlichen. Die vielen Informationen sind eine Herausforderung und oft auch problematisch. Das unterschätzen viele Eltern oder beschäftigen sich zu wenig damit. Manchmal sind sie auch überfordert. Zur sexuellen Bildung gehört heute auch Medienkompetenz.

Und wie gut aufgeklärt sind die Jugendlichen von heute?

Gar nicht so schlecht, wie viele Menschen denken. Über Verhütungsmittel wissen die meisten Bescheid und wenden sie auch an. Das kann man auch an den Zahlen der Minderjährigen in der Abbruchstatistik sehen, sie machen einen sehr kleinen Teil aus und der nimmt seit Jahren kontinuierlich ab.

Sie klären auch Menschen mit Behinderung in einer eigenen Beratung auf.

Das Thema „Sexualität und Behinderung“ liegt mir sehr am Herzen. Als wir vor rund 20 Jahren damit anfingen, war es ein Tabu. Wir sind zunächst auf viel Ablehnung gestoßen in den Einrichtungen. Sexualität und Partnerschaft wurden eher als Störfall gesehen. Die Einsicht, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit und ein Recht auf Teilhabe auch im Bereich Partnerschaft und Sexualität haben, gab es noch nicht. Das hat sich zum Glück geändert. Wir haben dank kommunaler Mittel der Stadt Stuttgart ein vielfältiges Beratungsangebot aufbauen können, Materialien und auch Schutzkonzepte entwickelt. Inzwischen arbeiten viele Einrichtungen der Behindertenhilfe mit uns zusammen.

Ein Jubiläum und ein Abschied

Jubiläum
Pro Familia in Stuttgart wurde vor 60 Jahren von Ärztinnen gegründet – in einem kleinen Kellerraum wurden Verhütungsmittel demonstriert. Die Beratungsstelle erreicht heute rund 7000 Menschen im Jahr und ist eine von 18 in Baden-Württemberg. Neben der Schwangerschaftskonfliktberatung gibt es Beratung zu Partnerschaft und Sexualität, ein eigenes Angebot für Geflüchtete und auch für Menschen mit Behinderung. Die Stuttgarter Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik, die ebenfalls zur Beratungsstelle gehört, ist eine von vier dieser Stellen im Land. Das Jubiläum wird am 9. April gefeiert.

Person
Die Ärztin Marion Janke hat seit 1993 bei Pro Familia in leitender Funktion gearbeitet – seit 2015 als Geschäftsführerin. Die 66-Jährige lebt im Remstal, hat zwei Töchter und ein Enkelkind. Ihre Nachfolgerin als Geschäftsführerin, Barbara Wittel, hat im Februar angefangen.

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