60 Jahre Städtepartnerschaft Gerlingen und Vesoul Als der Bürgermeister auf Brautschau ging

Gerlingen, 24. Mai 1964: Die Bürgermeister Pierre Rénet und Wilhelm Eberhard fahren im offenen Wagen durch die Stadt. Foto: Torsten Schöll/ Stadtarchiv Gerlingens

Vor 60 Jahren unterzeichnete Gerlingen die Partnerschaft mit der französischen Stadt Vesoul. Nicht alle waren damals auf Anhieb von der deutsch-französischen Annäherung begeistert. In beiden Städten wird das Jubiläum nun feierlich begangen.

Als am 24. Mai 1964 die Bürgermeister Pierre Rénet und Wilhelm Eberhard den Freundschaftsbund zwischen Vesoul und Gerlingen unterzeichnen, ist ganz Gerlingen auf den Beinen. Fotos von damals zeigen, wie die beiden Rathauschefs anlässlich der Besiegelung der Städtepartnerschaft im blumengeschmückten, offenen Wagen durch die Straßen fahren. Im Tross dahinter die Delegationen beider Städte. Den Bildern ist die Bedeutung, die das Ereignis knapp 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte, noch heute abzulesen.

 

„Das war ein großes Fest“ erinnert sich Alt-Bürgermeister Albrecht Sellner, 1964 noch einfacher Bürger der Stadt, ein Jahr später bereits Mitglied des Gemeinderats. Mit dem Freundschaftsbund, so heißt es in dem von beiden Seiten unterzeichneten Partnerschaftsdokument, sollten die „Bürger einander freundschaftlich näher kommen und in einer tiefverwurzelten Partnerschaft das gegenseitige Verstehen und die Achtung des einen vor dem anderen mehren und festigen“. Ausgangspunkt der „Jumelage“ (französisch für Städtepartnerschaft) zwischen Vesoul und Gerlingen, so Sellner, sei der im Jahr zuvor zwischen Adenauer und de Gaulle geschlossene Elysée-Vertrag gewesen. Noch im gleichen Jahr machte sich Sellners Amtsvorgänger Eberhard auf den Weg, um in Nordfrankreich „auf Brautschau zu gehen“. So habe der Bürgermeister es selbst formuliert, erinnert sich Sellner.

Gemeinsames Treffen auf dem Soldatenfriedhof in Verdun

„Er hat bei verschiedenen Kommunen angeklopft, die in Größe und Struktur zu Gerlingen passten.“ Nach einigen Abfuhren wurde er in Vesoul fündig: Pierre Rénet habe ihn sofort freundlich empfangen. „Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden“, erzählt der heute 88-jährige Alt-Bürgermeister, der von 1983 bis 1999 dem Gerlinger Rathaus vorstand. Doch nicht alle seien damals auf Anhieb von der deutsch-französischen Annäherung begeistert gewesen, sagt Sellner. So mancher Stadtrat, der selbst Kriegsteilnehmer war, fremdelte mit den neuen Freunden aus Deutschland: „Bei meinem ersten Besuch in Vesoul 1965 oder 1966 habe ich eine große Anspannung bei verschiedenen der Vesouler Stadträte gefühlt“, erinnert er sich. Ein Kranz, der von den Bürgermeistern am Ehrenmal für die Gefallenen niedergelegt worden war, sei am nächsten Tag im nahen Fluss gelegen. Die Partnerschaft florierte in den folgenden Jahrzehnten trotzdem. Sellner erinnert sich an Höhepunkte wie einem gemeinsamen Treffen am deutsch-französischen Soldatenfriedhof in Verdun oder einem sportlichen Ereignis, als eine Staffel von Gerlinger Läufern den Weg ins rund 360 Kilometer entfernte Vesoul joggend zurücklegte.

Und auch in diesem Jahr stehen anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums der Städtepartnerschaft wieder zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen auf dem Programm: Bereits im März waren mehrfach Vesouler Schüler zu Gast in Gerlingen, im April besuchten umgekehrt Unterstufenschüler aus Gerlingen die französische Partnerstadt in der Region Bourgogne-Franche-Comté.

Zahlreiche gemeinsame Jubiläumsveranstaltungen stehen auf dem Programm

Am 11. und 12. Mai lädt der Jugendumweltrat Vesoul den Jugendgemeinderat Gerlingen ein. Mit dabei eine Delegation um Gerlingens Bürgermeister Dirk Oestringer (parteilos). Dabei soll in Vesoul „ein grüner Platz“ eingeweiht und eine Fotoausstellung mit Bildern aus der Geschichte der Städtepartnerschaft im Rathaus eröffnet werden.

Im Rahmen des Straßenfests im September wird dann das Jubiläum auch in Gerlingen festlich begangen. An dem Wochenende steht unter anderem wieder ein Stafettenlauf auf dem Programm, dieses Mal von Vesoul über Straßburg nach Gerlingen. In Straßburg soll gemeinsam das Europäische Parlament besucht werden. Dabei werden auch Teilnehmer aus den anderen Gerlinger Partnerstädten erwartet.

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