60 Jahre Stuttgarter Ballett Egon Madsen erinnert sich: Perplex auf der Bühne der Met

Ein Foto aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian inspirierte Egon Madsens Erinnerungen. Es ist in der Nacht entstanden, in der das Stuttgarter Ballettwunder 1969 in New York wahr wurde und zeigt John Cranko mit seinen Stars und Gästen bei einem Empfang – von links: Heidi Russel, Egon Madsen, Sol Hurok, John Cranko und Marcia Haydée. Foto: Hannes Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch Egon Madsen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - „Natürlich haben wir da die ganze Nacht gefeiert“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Egon Madsen interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko mit Stars und Gästen des Stuttgarter Balletts an einem ganz besonderen Abend bei einem Empfang in New York.

 

Egon Madsen blickt zurück:

„Alle sind so schick gekleidet auf diesem Foto, und es ist auch bei einem ganz besonderen Anlass entstanden“, blickte Egon Madsen zurück. „Es wurde bei einem Empfang der deutschen Botschaft nach unserer „New York Night“ aufgenommen, als „Onegin“ an der Met seine amerikanische Premiere feierte und wir mit diesem Triumph zum Stuttgarter Ballettwunder wurden. Bis dahin hatte die Kompanie noch Württembergisches Staatsballett geheißen, erst dieser Erfolg machte uns zum Stuttgarter Ballett.

John Cranko war nach diesem fantastischen Erlebnis in der Met völlig gelöst, die Anspannung der ganzen Vorbereitung war weg und er hat sich einfach gefreut, dass dieser Abend so gut gelaufen ist. Über was er sich so angeregt mit Sol Hurok, dem Manager, der unser USA-Gastspiel arrangiert hat, unterhält, weiß ich leider nicht mehr. Aber ich kann mich daran erinnern, wie Marcia Haydée beim gemeinsamen Essen dann über Huroks Schultern hing und die Kritiken, die noch am selben Abend erschienen waren, studierte: Wir waren jetzt „The Ballet Miracle“, das Stuttgarter Ballettwunder – natürlich haben wir da die ganze Nacht gefeiert.

Cranko wollte zeigen, was er aufgebaut hat

Ich selbst hatte an diesem Abend den Lenski getanzt; auch deshalb weiß ich wie heute, dass John wahnsinnig stolz auf diesen Erfolg in New York war; das Glück steht ihm ja regelrecht ins Gesicht geschrieben. Über seine Erwartungen von diesem Gastspiel hat er zuvor nicht mit uns gesprochen. Aber er hat sehr stark an etwas geglaubt, er hatte ein Ziel in sich: Er wollte zeigen, was er aufgebaut hat.

Nein, eine Kleiderordnung hat er vor der Abreise nicht erlassen. Es war eine andere Zeit, da hat man sich einfach sehr schick angezogen, wenn man in die Oper ging. Für uns war es selbstverständlich, dass man auf Tourneen und bei solchen Empfängen gut aussah. Vielleicht ist der formale Aufzug auch der Grund, warum ich so brav neben Heidi Russel stehe, der Kulturbeauftragten des deutschen Generalkonsulats in New York; Kleidung wirkt sich ja bekanntlich auf die Haltung aus. Aber ich erinnere mich daran, dass ich großen Respekt vor dieser Situation hatte. Kurz zuvor hatten wir ja noch richtig perplex auf der Bühne der Met vor diesem Publikum gestanden, das losbrüllte, als würde eine Bombe einschlagen.

Ein Gentleman mit Charisma

John hat solche Empfänge gemocht, zu dieser Zeit, als das Foto entstand, hat er es geschätzt, dabei zu sein. Später war das dann ein bisschen anders, da hatte ich den Eindruck, dass sich seine Interessen verlagern und ihn solche Ereignisse ermüden. Doch wenn er anwesend war, dann war er immer ganz präsent, offen, sehr gesprächig, elegant – eben ein englischer Gentleman, einer dazu mit enormem Charisma. Er hat sehr viel gelesen, war ein hochgebildeter Mensch, der sich bei solchen Anlässen wunderbar leicht bewegte. Man konnte sich angeregt mit ihm unterhalten, und er hat seine Tänzer auch unbewusst mit seiner feinen Art erzogen. Ich war 18 Jahre alt, als ich 1961 nach Stuttgart kam, John Cranko war in gewisser Weise mein Vater – auch wenn ich sehr lange dazu gebraucht habe, bis ich nicht mehr Herr Cranko, sondern John zu ihm sagen konnte. „Wann sagst du endlich du zu mir“, hat er mich oft aufgezogen. „Ich kann nicht, ich habe zu viel Respekt“, war meine Antwort.

Alle wollten Autogramme

Nach diesem Erfolg in New York fing es schnell mit den Fangeschichten an, dass unsere Vorstellungen dort regelrecht gestürmt wurden und die Menschen die Künstlerausgänge blockierten. Alle wollten Autogramme von uns haben und brachten uns kleine Geschenke, nach den Vorstellungen gab man Partys für uns. Ich bekomme bis heute Post von diesen Fans. Viele dieser Begeisterten waren ganz einfache Leute, und John freute sich darüber, dass wir mit Tanz so viele Menschen erreichen konnten.

Uns selbst, unsere Arbeit hat der Erfolg nicht verändert. Das hat es nie gegeben, dass wir uns als etwas Besseres gefühlt hätten. Wir freuten uns einfach auf die gemeinsame Arbeit, die vor uns lag.“

Der Tänzer Egon Madsen

Egon Madsen tanzte von 1961 bis 1981 beim Stuttgarter Ballett. Neben Richard Cragun, Birgit Keil und Marcia Haydée war er einer seiner „Initialen RBME“. Als Ballettdirektor arbeitete er in Frankfurt, Stockholm und Florenz. 1999 stieß er zur Seniorenkompanie des Nederlands Dans Theaters, der er bis zu ihrer Auflösung angehörte. Bis heute steht er als Darsteller auf der Bühne etwa in Mauro Bigonzettis Solo „Egon King Madsen Lear“. Gauthier Dance unterstützt Egon Madsen als Company Coach.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

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