Stuttgart - „Der Erfolg in New York war etwas Besonderes“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Birgit Keil interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko mit seiner „Baby-Ballerina“, wie der Choreograf Birgit Keil scherzhaft nannte, beim Applaus im Stuttgarter Opernhaus.
Birgit Keil erzählt
„Wenn ich mich richtig erinnere“, blickt Birgit Keil zurück, „dann ist diese Aufnahme 1969 nach dem Gastspiel des Stuttgarter Balletts in New York entstanden, und zwar bei einer ,Schwanensee’-Gala in Stuttgart. Wenn ich heute dieses Foto anschaue, dann weiß ich, dass es einen Höhepunkt meiner Tänzerlaufbahn zeigt: ,Schwanensee’ war für mich einfach der Maßstab. Die Entwicklung, die ich in dieser Rolle durchlaufen habe, war sehr groß.
Ich strahle, die Anspannung ist mit einem Mal vergessen – weil ich diesen riesigen Erfolg auch in New York einfach nicht glauben konnte. Das Haus hat getobt vor Begeisterung. John war ein wenig stolz, als er mich vor dem Vorhang präsentierte – als ob er sagen wollte: Seht, das ist aus meiner Baby-Ballerina, so hat er mich genannt, geworden; ich habe Recht gehabt, auf sie zu setzen. Es war ihm sehr wichtig, eine deutsche Ballerina aufgebaut zu haben – und man sieht ihm die Freude an.
Kein Neid unter den Ballerinen
Der Erfolg, den die Kompanie in New York hatte, war schon etwas Besonderes. Ich war sehr jung, als ich mit diesem Ruhm konfrontiert wurde. Aber er konnte mir nicht zu Kopf steigen, weil ich immer mit großer Begeisterung und Kritikfähigkeit gearbeitet habe – und mich auch für die Kollegen und vor allem für Marcia Haydée freuen konnte. Nein, Neid gab es nie, auch wenn andere versuchten, ihn zu schüren. Ich habe mich immer beflügelt gefühlt, ich habe Marcia Haydée sehr bewundert und tue das bis heute. Die Zusammenarbeit war nicht immer leicht, aber Neid war nie im Spiel.
Eine Energie, die alle beflügelte
Überhaupt: Sobald John Cranko den Ballettsaal betrat – sein Hund hat ihn immer angekündigt –, spürte man eine Energie, die alle beflügelte, und wir konnten dann einfach alles, alles ging. Er gab uns Vertrauen, zeigte uns, dass er mit uns arbeiten wollte, und fragte alle Solisten und Ballettmeister um ihre Meinung, so fühlten wir uns inspiriert und nie gehemmt.
War er eine Vaterfigur für mich? Ein künstlerischer Vater mit Sicherheit, ich habe ihn vergöttert, 100-prozentig an ihn geglaubt – und ihn auch ein wenig gefürchtet, ich war ja schließlich noch sehr jung. Manchmal hat er Ausbrüche gehabt, die mich zum Glück nie getroffen haben. Die zwölf Jahre, die ich als Tänzerin mit John Cranko verbrachte, haben den Rest meines Lebens geprägt. Er hat mir beigebracht, durch Krisen zu wachsen. Nach Rückschlägen konnte ich mich so schnell wieder aufrichten, dass er mich Phönix aus der Asche nannte.
Die Krise als Chance
Einmal rutschte mir bei einem Auftritt als Bürgerin in ,Schwanensee’ der Unterrock hoch, und ich konnte das Solo nur mit einem beherzten Griff in die Hüfte beenden. So etwas hat bei ihm Begeisterung ausgelöst, wenn man in der Not noch etwas aus einer Sache machen konnte. Vor dem für ihn verhängnisvollen Rückflug von der letzten USA-Tournee 1973 hatte mich John zu sich geholt, und wir haben darüber gesprochen, wie einen gerade eine Krise künstlerisch vorwärts bringen kann, auf einen Weg, den man sonst vielleicht nicht eingeschlagen hätte, zu einer Form, die man sonst nicht gefunden hätte. Das sind Erfahrungen, die ich heute an junge Menschen weiterzugeben versuche.
Noch etwas fällt mir ein, wenn ich dieses Bild sehe. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre nahm mich John Cranko bei einer Party zur Seite. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, wonach ich in Vertragsverhandlungen mit München stehen sollte. Ein Gerücht, das mir selbst neu war, da ich nie ernsthaft erwogen hatte, Stuttgart zu verlassen. Birgit, sagte er zu mir, wenn du Stuttgart verlässt, wird das der schwärzeste Tag des Stuttgarter Balletts. Ich war beeindruckt, das hat mir gezeigt, wie wichtig es ihm war, dass ich da war.“
Birgit Keil: Ballerina, Direktorin, Lehrerin
Birgit Keil kam 1961 zum Stuttgarter Ballett, bereits im Alter von 19 Jahren wurde sie von John Cranko zur Solistin ernannt. Neben Richard Cragun, Marcia Haydée und Egon Madsen war sie eine seiner „Initialen RBME“. 1980 verlieh ihr das Staatstheater in Stuttgart die Auszeichnung Kammertänzerin. Von 2003 bis 2019 leitete sie das Ballett am Badischen Staatstheater und von 1997 bis 2019 die Akademie des Tanzes in Mannheim. Mit ihrer Stiftung unterstützt Birgit Keil junge Tänzer bei der Ausbildung.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.