Stuttgart - „Er bürstete die Mode gegen den Strich“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Richard Cragun interviewt hatten. Ausgangspunkt des Gesprächs, das anlässlich eines Besuchs des damals schon seit vielen Jahren in Brasilien lebenden Tänzers in seiner alten Heimat Stuttgart stattfand, war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko, Marcia Haydée und Richard Cragun im sommerlichen Look am Rand eines Pools.
Richard Cragun blickt zurück
„Ein schöner Schnappschuss“, begann Richard Cragun seine charmante Bildbetrachtung und fuhr fort: „Wenn ich mich richtig erinnere, ist er 1970 während eines Gastspiels in Monte Carlo entstanden. Es war eine Tatsache, auch wenn es sich wie ein Klischee anhört: Das Stuttgarter Ballett war wie eine Familie, für viele Tänzer war diese Kompanie ein Familienersatz. Da fällt mir auch gleich ein negativer Aspekt ein, der sich mit dieser Erinnerung verbindet. Bei Proben hat John Cranko oft gesagt: Kinder, macht das, Kinder, kommt her. Schon damals habe ich mir geschworen, dass ich, sollte ich jemals in einer ähnlichen Situation sein, niemals meine Tänzer als Kinder bezeichnen würde.
Geschenke vom Chef
Natürlich hat er es gut gemeint. Kinder, ich habe etwas für euch! So rief er uns vor der Abreise von seiner letzten USA-Tournee, kurz bevor er auf dem Rückflug gestorben ist, in Philadelphia zusammen. Und dann hat er jedem seiner Initialen, also Marcia Haydée, Egon Madsen, Birgit Keil und mir, ein Geschenk überreicht. Ich erhielt ein Foto, das ihn im Alter von drei Jahren zeigte. Im Trubel nach Crankos Tod geriet dieses Foto leider mit dem Anzug, in den ich es gesteckt hatte, in die Reinigung. Mühsam habe ich es wieder zusammengepuzzelt und ihm einen Ehrenplatz zugewiesen.
Ja, er war für mich schon auch eine Vaterfigur. Ich bin 1963 nach Stuttgart gekommen, da war John 36 und ich 20 Jahre alt. Er hat uns kreiert, seine Initialen, wir sind seine Geschöpfe. Wir haben auch neben der Arbeit im Ballettsaal sehr viel Zeit miteinander verbracht, in Restaurants, in der Kantine. Er war für mich wie ein Vater oder ein älterer Bruder, nie wie ein Chef. Nach seiner Beerdigung auf Schloss Solitude hatte John Crankos Mutter nicht mehr die Kraft, die Beileidsbezeigungen am Grab entgegenzunehmen. Da trat Marcia Haydée an ihre Stelle – und wurde später ja auch so etwas wie die Mutter der Kompanie.
Englischer Geschmack
Dass John Crankos Beziehung zu seiner Primaballerina eine besondere war, wie man ja auch auf diesem Foto sieht, hat niemanden mit Neid erfüllt. Das Talent von Marcia war so klar, dass sie in ihrer Zeit für viele einfach die größte Tänzerin war. Ihre brasilianische Exotik, ihr Pathos, ihre Ausdrucksstärke . . . Außerdem hat John sehr darauf geachtet, dass die Rollen, die er schuf, gerecht verteilt waren.
Den Gürtel, den John Cranko auf diesem Bild trägt, hat er später mir geschenkt – ich besitze ihn noch. Er war überhaupt sehr modebewusst, aber er war vom Geschmack her Engländer. Er hat diese verrückten 50er Jahre in London erlebt. Schickimicki war er nie, er bürstete viel mehr die Mode gegen den Strich. Zum Empfang für Prinzessin Margret in Stuttgart ging er in Tennisschuhen und einem pinkfarbenen Anzug. Natürlich ließ man ihn nicht rein, so bat er die Herren am Empfang, der Prinzessin doch bitte schöne Grüße von ihm zu bestellen – und plötzlich wurde er doch vorgelassen.
In dieser Beziehung war John ein Exzentriker, wie es heute vielleicht Elton John ist oder wie es Andy Warhol einst war. Er ging in ein Geschäft, weil ihm etwas gefiel – und hat dann den ganzen Laden aufgekauft, sodass er für ein paar Jahre ausgesorgt hatte. John war sehr bedacht darauf, dass seine Tänzer nicht eitel und angeberisch waren. Er sagte immer zu uns: Kinder, gebt nichts auf Glamour. Auf diesen Rat haben wir gehört, obwohl wir natürlich damals schon die Moden mitmachten, wie man an meinem beigefarbenen Anzug sehen kann.“
Marcia Haydées Partner
Soweit die Erinnerungen von Richard Cragun, der 1963 als Tänzer zum Stuttgarter Ballett gestoßen war. Er war neben Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen einer von Crankos Initialen und Partner von Marcia Haydée in vielen Balletten und unzähligen Aufführungen. 1996 ging er als Ballettdirektor an die Deutsche Oper nach Berlin, 1999 in gleicher Position ans Teatro Municipal nach Rio de Janeiro, wo er zudem das Favela-Schulprojekt De Anima leitete. Der 1944 in Kalifornien geborene Amerikaner ist 2012 an den Spätfolgen einer HIV-Infektion gestorben.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.