Stuttgart/Prag - Forsythe, Kylián und Co: Das Stuttgarter Ballett, das 60-Jahr-Jubiläum feiert, war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt – heute: Filip Barankiewicz. Der langjährige Starsolist des Stuttgarter Balletts leitet seit 2017 das tschechische Staatsballetts in Prag.
Was haben Sie vom Stuttgarter Ballett mitgenommen, das Ihnen bis heute hilft?
Keine Angst vor den eigenen Schwächen zu haben, sondern sie anzunehmen und sie zu meinen Stärken zu machen.
Ihr Lieblingsstück im Stuttgarter Repertoire?
„Onegin“ sowie „Romeo und Julia“. Crankos Ballette bestechen durch ihre leichte Verständlichkeit. Man benötigt kein fundiertes Wissen, bevor man eine Vorstellung besucht. Jeder wird die Geschichte verstehen; das ist die Genialität, die Cranko ausmacht. Und man kann nicht nur verstehen, sondern auch fühlen.
Ihre Lieblingsrolle als Tänzer?
Petrucchio („Der Widerspenstigen Zähmung“). Die Rolle ist humorvoll, technisch herausfordernd, und die Interaktion mit dem Publikum ist einfach mitreißend.
Eine Rolle, die Sie gern getanzt hätten, aber nie durften?
Den Armand in John Neumeiers „Kameliendame“
Eine Stuttgarter Rolle, die Ihnen neue Perspektiven eröffnet hat?
Nicht eine bestimmte Rolle, sondern das breit gefächerte Repertoire und das Erbe Crankos sind ein wahrer Schatz. Hier begegnen sich Vergangenheit und Zukunft. Das Stuttgarter Ballett hat ständig neue Wege entdeckt, neue Choreografen und Tänzer gefördert.
Was vermissen Sie im Stuttgarter Repertoire?
Nichts. Für das, was ich unbedingt sehen möchte und in Stuttgart nicht finde, nehme ich den Weg in ein anderes Theater gerne auf mich. Es ist unmöglich, jede Choreografie aufzunehmen.
Um was beneiden Sie das Stuttgarter Ballett besonders?
In Stuttgart habe ich gelernt, nicht neidisch zu sein.
Ohne das Stuttgarter Ballett wäre…
...ich nicht der – der ich heute bin. Das Stuttgarter Ballett ist nicht einfach eine Kompanie, sondern eine Haltung.
Zur Person: Filip Barankiewicz stammt aus Warschau, wurde dort und in Monte Carlo (mit einem Stipendium der Nurejew-Stiftung) zum Tänzer ausgebildet. Ab 1996 tanzte er beim Stuttgarter Ballett, ab 2002 als Erster Solist. Er begleitete das Stuttgarter Ballett auf Tourneen in die ganze Welt. Ab 2003 war er ständiger Gast im Ballett des Tschechischen Nationaltheaters Prag. Seit 2017 ist Barankiewicz dort Ballettdirektor.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.