60 Jahre Stuttgarter Ballett Friedrich Lehn erinnert sich: Wie Cranko Stau zu Tanz machte

Korrepetitor und Dirigent: Friedrich Lehn arbeitete mit John Cranko 1969 an der Partitur zum Ballett „Der Widerspenstigen Zähmung“. Foto: Hannes Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch der 2012 verstorbene Pianist und Dirigent Friedrich Lehn.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - „Er mochte den Bossa nova, der gerade aufkam“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Herbst 2007 Friedrich Lehn interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs mit dem ehemaligen Korrepetitor und Dirigenten Crankos war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko bei der Arbeit mit dem Musiker.

 

Friedrich Lehn blickt zurück:

„Dieses Bild wurde 1969 aufgenommen, als wir an der Arbeit für „Der Widerspenstigen Zähmung“ waren“, erinnert sich Friedrich Lehn an den Moment der Aufnahme. „Wir sitzen über der Partitur, offenbar wollte John Cranko eine Stelle des Finales vor dem letzten großen Pas de deux nochmals hören. Ich musste ihm oft einzelne Stellen mehrfach vorspielen, wir gingen dazu, wenn kein Ballettsaal frei war, ins Intendantenzimmer von Walter Erich Schäfer, wo ebenfalls ein Flügel stand.

Das erste Stück, das ich als Korrepetitor mit John Cranko und dem Stuttgarter Ballett einstudierte, war „Onegin“. 1964 war eine der beiden Korrepetitorenstellen frei geworden, und Cranko fragte mich, ob ich nicht mit ihm arbeiten wollte. Ich hatte eben mein Studium abgeschlossen und sagte nicht Nein. Nach und nach hat mir John Cranko auch Gelegenheiten zum Dirigieren gegeben, 1970 zum Beispiel beim Gastspiel in Israel. Das Stuttgarter Ballett war übrigens das erste Ensemble, das nach dem Zweiten Weltkrieg in dieses Land reisen durfte. Man empfing uns sehr herzlich wie Freunde, aber wir wurden auch mit ergreifenden Momenten konfrontiert. Ich erinnere mich genau an das Schaudern, das mich ergriff, als ich auf dem Arm der Dame an der Hotelrezeption eine eintätowierte Nummer entdeckte.

Arbeiten auf hohem Niveau

John Cranko hat mein Leben verändert. Durch ihn kam ich ganz nah an die Kunst heran, ich war plötzlich mittendrin. Die Arbeit mit den Tänzern fand auf einem sehr hohen Niveau statt; für mich am Klavier war das zu Beginn nicht leicht, ich brauchte eine ganze Weile, bis ich eingearbeitet war. Es war klar, dass hier jeder seine Arbeit gut machen musste. Cranko war sehr korrekt, aber nicht stur. Er hat allen Freiheiten gelassen, und das war das Schöne, Teil dieser Freiheit zu sein. Wenn Cranko das Training leitete, hatte er zum Beispiel großen Spaß daran, ganz Spontanes zu choreografieren und die Tänzer herauszufordern. Und er war sehr tolerant, einer der tolerantesten Menschen, die ich kennengelernt habe. Das hängt vielleicht mit seiner Herkunft aus Südafrika zusammen, er hat dort sehr viele Ungerechtigkeiten erlebt.

Cranko war hochmusikalisch

Ob es mich als Musiker störte, dass er Partituren den Notwendigkeiten seiner Ballette anpasste? Nein, nein, das machen doch alle großen Künstler so. Bei einem Gastspiel in Buenos Aires hat mich ein russischer Musikprofessor angesprochen und mir gesagt, dass ihm die kürzere Ballettfassung von „Onegin“ viel besser gefalle als die Oper. Ich habe den Originalklavierauszug noch zu Hause, an dem man die Änderungen sehen kann, die Cranko mit seinem Musikdirektor Kurt-Heinz Stolze vorgenommen hat. Cranko war hochmusikalisch und konnte im Gegensatz zu manch anderem Choreografen Noten lesen. Und er hatte einen exzellenten Musikgeschmack. Er hat Verstaubtes wie die Ballettmusiken eines Minkus abgelehnt, nicht nur deshalb konnte er all diese wunderbaren Choreografien kreieren.

„L’estro armonico“ zeigt zum Beispiel, wie vielfältig er war. Stolze hat er drei Konzerte für Streicher von Vivaldi bearbeiten und Holzbläser dazu instrumentieren lassen, um Abwechslung in der Orchestrierung zu schaffen. Als er das Stück choreografierte, wurden draußen in der Straße, die damals auch auf der Höhe des Opernhauses noch Neckarstraße hieß, diese Unterführungen gebaut; es herrschte ein totales Verkehrschaos. Eine Passage in der Choreografie bildet das ab, wir nannten sie immer „Neckarstraße“.

Offenes Ohr für den Bossa nova

John Cranko hatte auch ein offenes Ohr für Populäres. Er mochte den Bossa nova, der gerade aufkam, Jazz hat er überhaupt sehr geliebt. Zu Stan Getz’ Ohrwurm „Desafinado“ hat er sogar ein Stück choreografiert. Bis heute bedaure ich, dass ich damals nie den Mut fand, ihm eine Zusammenarbeit mit der SDR-Big-Band vorzuschlagen, die mein Bruder Erwin seit 1951 leitete.

Ich habe sehr viel auf Tourneen dirigiert. 1971 zum Beispiel, als wir vier Monate in den USA waren, weil wir für das Bolschoi-Ballett eingesprungen sind, das seine Tournee aus Angst vor Anschlägen abgesagt hatte, habe ich 66 Vorstellungen dirigiert. Oft habe ich „Der Widerspenstigen Zähmung“ übernommen, weil ich durch die Einstudierung wusste, wie das klingen sollte: Das Stück ist eine Komödie, das darf man auch als Dirigent nicht übersehen, es lebt von Details wie Gremios Pfeifenton. Ich erinnere mich ganz genau, wie Cranko an einem Sonntagnachmittag den ersten Pas de deux choreografierte, diesen Zweikampf zwischen Katharina und Petrucchio, und Marcia Haydée und Richard Cragun über den Boden rollen mussten. Das war damals total neu. Aber Marcia Haydée hatte nie Vorbehalte, niemand hatte Vorbehalte. Jeder wusste: Da sitzt ein besonderer Choreograf, für den würde man alles geben. Oft hat John Cranko die Tänzer nach ihren Lieblingsschritten gefragt und diese dann sogar als Höhepunkt einer Passage eingebaut.“

Korrepetitor, Pianist, Dirigent:

Friedrich Lehn, 1937 in Grünstadt an der Weinstraße geboren, kam nach dem Studium an der Stuttgarter Musikhochschule 1964 als Korrepetitor zur Kompanie Crankos. Auch nach seinem Ruhestand im Jahr 2002 blieb er dem Stuttgarter Ballett als Gast verbunden. So begleitete er die Kompanie zum Beispiel bei ihrem Korea-Gastspiel 2004. Der Musiker ist im November 2012 einem Krebsleiden erlegen.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

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