Stuttgart - „Mit seinem Charme hat er alle vereinnahmt“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im September 2007 mit Fritz Höver gesprochen hatten. Ausgangspunkt des Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko mit dem im April 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft am Stuttgarter Flughafen.
Fritz Höver blickt zurück
„Dieses Foto entstand nach der Rückkehr von der zweiten Amerika-Tournee des Stuttgarter Balletts“, erinnert sich Fritz Höver an den Zeitpunkt der Aufnahme. „Anders als bei der ersten, berühmten Reise, während der die Kompanie zum Stuttgarter Ballettwunder wurde, bin ich nicht mitgeflogen, sondern habe John Cranko mit dem Generalintendanten Walter Erich Schäfer am Flughafen abgeholt. Über was genau wir gesprochen haben, als das Foto entstand, weiß ich nicht mehr. Sicherlich haben wir uns für den Erfolg der Tournee interessiert. Damals war es selbstverständlich, dass man die Kompanie bei ihrer Rückkehr empfing, ob am Bahnhof oder am Flughafen. Die Sicherheitsbestimmungen waren ja viel lockerer. Bei der Rückkehr von der ersten USA-Reise 1969 hatte sogar jemand eine Brezel-und-Bier-Bar auf dem Rollfeld aufgebaut.
Für 1200 DM mit dem Ballett nach New York
Die erste USA-Reise des Stuttgarter Balletts war übrigens auch dadurch möglich geworden, dass 60 Mitglieder der Noverre-Gesellschaft privat mitgereist sind. Der damalige Verwaltungsdirektor der Staatstheater hütete die Finanzen sehr streng – seine Zustimmung zu dieser Tournee wurde erleichtert, weil er nun das Charterflugzeug buchen und mit Kompanie und Noverre-Gästen füllen konnte. 1200 Mark kostete die Reise unsere Mitglieder damals, Hotel inklusive. Vier Wochen waren wir unterwegs. Wer hat so viel Zeit, so viel Geld, sorgte ich mich damals, um sich eine solche Reise leisten zu können? Doch ich musste mich nicht einmal furchtbar bemühen, um alle Plätze zu füllen. Und alle, die dabei waren, sind bis heute glücklich und enorm stolz darauf.
John Crankos überaus herzliche, menschliche Art und sein Humor, der sehr skurril sein konnte, haben mich sofort für ihn eingenommen. Zwischen uns stimmte die Chemie einfach. Ich hatte ihn in London kennengelernt; und 1960, als er in Stuttgart seinen „Pagodenprinz“ einstudieren sollte, klingelte er, bevor er ins Theater fuhr, bei mir und wollte alles über die Noverre-Gesellschaft und die Kompanie wissen. Die Idee der Noverre-Gesellschaft, die ich 1958 noch unter Nicholas Beriosoff mit dem Ziel gegründet hatte, das Ballett in Stuttgart mehr publik zu machen, hat er sofort aufgegriffen und war mit größter Begeisterung dabei.
Crankos Charme begeisterte alle
John Cranko hat mit seinem Charme alle begeistert, die Zuschauer kamen in Scharen zu unseren Veranstaltungen. Einmal im Jahr machten wir eine Lecture-Demonstration im Kleinen Haus. John Cranko hat dabei das Publikum mit dem Tänzerkörper vertraut gemacht, Ballettschritte erklärt - und alle regelrecht für sich vereinnahmt. Immer hat er sehr gute Tänzer mitgebracht, Susanne Hanke zum Beispiel, die er verbiegen und verdrehen konnte. Sein Humor war unübertroffen, britisch eben, und er konnte lange und faszinierend plaudern - natürlich hat er das auf Deutsch mit einem hinreißenden Akzent getan. Bei seiner Ankunft konnte er kein Wort, aber innerhalb kürzester Zeit sprach er fließend. Mit Hilfe von Kreuzworträtseln hat er sein Deutsch verbessert, und unheimlich viel gelesen. Von einem Gastspiel aus Paris stieg er zum Beispiel mit Joseph Breitenbachs „Bericht über Bruno“ unterm Arm aus dem Zug, da war das Buch ganz frisch erschienen.
Talente hat er sofort erkannt
John Crankos erste Stücke als Stuttgarter Ballettdirektor, „The Lady and The Fool“ und „Antigone“, waren gut, der große Durchbruch gelang mit „Romeo und Julia“. Das Publikum hat gespürt, dass hier etwas Besonderes geschieht – und kam auch verstärkt in die Veranstaltungen der Noverre-Gesellschaft. Im Dialog mit John Cranko hat sich früh ergeben, dass wir den Tänzern der Kompanie ermöglichen wollten, ihr choreografisches Talent zu erproben. Daraus ist dann eine ständige Einrichtung geworden, aus der große Choreografen wie William Forsythe, John Neumeier und Uwe Scholz hervorgegangen sind. John hat diese Abende immer besucht, sich aber nie in die Werke seiner Tänzer eingemischt. Er sagte immer: „Du musst den Leuten die Chance geben, sich zu blamieren!“ Talente hat er sofort erkannt und für die Kompanie verpflichtet. Jirí Kylián etwa hat er nach seinem Pas de deux „Paradox“ gleich eine Offerte gemacht. Als Ballettdirektor hat er solche Gelegenheiten gern genutzt, denn es war nicht immer leicht, in den Kalendern der großen Choreografen freie Termine zu finden und sie für Stuttgart zu verpflichten.“
Fan und Förderer: Fritz Höver
Zur Person: Fritz Höver gründete 1958 in Stuttgart die Noverre-Gesellschaft, die sich für den choreografischen Nachwuchs einsetzte. 2000 erhielt er den Deutschen Tanzpreis. Im Jahr 2004 gab er die Leitung der Noverre-Gesellschaft an seinen Lebenspartner Rainer Woihsyk ab.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.