60 Jahre Stuttgarter Ballett Fünf Fragen an Bridget Breiner

„Das war eine unglaubliche Erfahrung für mich“, sagt Bridget Breiner zur Rolle der Blanche, die sie für eine Wiederaufnahme 2016 persönlich mit John Neumeier erarbeiten durfte. Foto: Stuttgarter Ballett

Einstige Tänzer des Stuttgarter Balletts sind weltweit als Direktoren begehrt. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt – heute: Bridget Breiner, Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Von Montréal bis Seoul, von Hannover bis Ljubljana: Viele ehemalige Tänzer und Tänzerinnen des Stuttgarter Balletts sind heute als Ballettdirektoren erfolgreich. Zum 60-Jahr-Jubiläum des Stuttgarter Balletts haben wir bei diesen Erben John Crankos nachgefragt, was sie mit dem Stuttgarter Ballett verbindet – heute bei Bridget Breiner. Die gebürtige Amerikanerin leitet seit 2019 in der Nachfolge von Birgit Keil das Ballett am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Als Erste Solistin hat sie viele Jahre lang in Stuttgart getanzt, wo sie 2005 auch ihr Debüt als Choreografin gab.

 

Was haben Sie vom Stuttgarter Ballett mitgenommen, das Ihnen bis heute hilft?

Ich habe hier gelernt, was es heißt, eine „echte“ Person auf der Bühne zu sein, auch im klassischen Ballett, einer Kunstform, die als ästhetisiert und unnatürlich angesehen werden könnte. In Stuttgart war das kein Widerspruch: Hier konnte man nach dem Echten und nach dem Übermenschlichen zugleich streben. Heute weiß ich, wie ungewöhnlich das ist. Es hat mein ganzes Tun beeinflusst.

Ihr Lieblingsstück im Stuttgarter Repertoire?

„Onegin“ ist einfach das perfekte Ballett. Seine unglaubliche Dramaturgie, sein physisches Drama wurden oft gelobt. Für mich erzählt es aber auch viel über die Zeit, in der es entstanden ist. Man spürt die überlebensgroße Euphorie, die Ballett und Oper damals für das Publikum ausstrahlten, wenn man das Stück heute sieht. Und doch ist es zeitlos.

Ihre Lieblingsrolle als Tänzerin?

Das sind viele! Tatjana, Julia, Blanche, die Novizin in Robins „The Cage“, Tetleys „Sacre“ , „Tué“ von Marco Goecke, „Kazimir’s Colours“ von Mauro Bigonzetti… Ich war glücklich in diesen Rollen, denn auch die abstrakten unter ihnen formulieren mit dem Körper Gefühle. Das machte sie für mich attraktiv.

Eine Rolle, die Sie gern getanzt hätten, aber nie durften?

Ich wollte immer gern den letzten Pas de deux im „Lied von der Erde“ tanzen. Die Musik ist toll, Macmillans Interpretation gehört zum Besten, was neoklassisches Ballett. Es ist sehr körperlich, emotional, sogar narrativ und doch abstrakt. Das alles spricht mich sehr an.

Eine Stuttgarter Rolle, die Ihnen neue Perspektiven eröffnet hat?

Blanche in „Endstation Sehnsucht“ war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Ich hatte das große Glück, für eine Wiederaufnahme persönlich mit John Neumeier arbeiten zu dürfen. Die Tiefe dieses Charakters, wie ihn Williams in seinem Drama gestaltet und Neumeier in Tanz umgesetzt hat, gab mir viele Schichten zu erforschen. Jede Vorstellung war eine Reise in einen Abgrund. I loved it.

Tänzerin, Choreografin, Ballettdirektorin

Zur Person: 1974 geboren, beendete Bridget Breiner ihre Tanzausbildung an der Heinz-Bosl-Stiftung in München. Ihr erstes Engagement war am Bayerischen Staatsballett, bevor sie 1996 zum Stuttgarter Ballett stieß. Hier avancierte sie 2001 zur Ersten Solistin und gab 2005 ihr Debüt bei den Jungen Choreografen. Von 2006 bis 2008 war sie Mitglied des Semperoper Balletts, kehrte aber 2008 als Artist in Residence nach Stuttgart zurück. Von 2012 bis 2019 war sie Ballettdirektorin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. 2013 erhielt sie für ihre Choreografie „Ruß – Eine Geschichte von Aschenputtel“ den Deutschen Theaterpreis Der Faust, ebenso 2015 für „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“. 2019 wechselte Breiner als Ballettdirektorin und Chefchoreografin ans Badische Staatstheater Karlsruhe.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

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