60 Jahre Stuttgarter Ballett Gundel Kilian erinnert sich: Wer einfach drauflos knipste, flog raus

Eine Fotografie aus dem eigenen Archiv war Ausgangspunkt für Gundel Kilians Erinnerungen. Sie zeigt die Fotografin mit John Cranko bei der Auswahl von Bildern. Foto: Hannes Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch die Fotografin Gundel Kilian.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - „Nichts ist für Fotografen tödlicher als Langeweile“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Herbst 2007 Gundel Kilian interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv der Kilians. Sie zeigt John Cranko bei der Auswahl von Bildmaterial.

 

Gundel Kilian blickt zurück

„Dieses Foto ist im Februar 1971 entstanden“, erinnert sich Gundel Kilian genau an den Moment der Aufnahme. „John Cranko und ich sitzen bei ihm zu Hause auf dem Sofa und wählen Bilder aus, die das Stuttgarter Ballett für seine bevorstehende Tournee in die USA brauchte, um Programmhefte zu drucken und die dortige Presse zu versorgen. John Cranko wollte unter anderem einen gemischten Abend zeigen; auf den oben liegenden Fotos erkennt man Szenen aus seinem Ballett „Brouillards“ mit Susanne Hanke und Jan Stripling sowie mit Richard Cragun.

Er war sehr kritisch, was die Auswahl von Bildmaterial betraf, aber doch um einiges toleranter, als es viele Tänzer sind. Für ihn war bedeutend, dass ein Foto die Atmosphäre eines Balletts wiedergab oder die Gefühle, die eine bestimmte Szene ausdrückte. Da war es nicht so wichtig, wenn Linie und Haltung eines Tänzers nicht ganz lupenrein waren. Natürlich achtete er darauf, dass jeder in seinem Ensemble gut aussah. „Das muten wir ihr lieber nicht zu“, sagte er, wenn eine Tänzerin auf einem Foto nicht vorteilhaft wirkte. Er wusste genau, was ein gutes Ballettfoto ausmachte: Eine Arabesque etwa durfte nicht hingestellt aussehen, man musste immer den Eindruck haben, dass sich die Bewegung gleich fortsetzt. Es musste Leben in den Bildern sein.

Gespräche beim Lieblingsgriechen

Er war überhaupt ein Choreograf, der sich toll in Tänzer einfühlen konnte, der wusste, was ihnen gefiel. Ich erinnere mich an den Abend, bevor Margot Fonteyn in Stuttgart eintraf und wir mit John bei seinem Lieblingsgriechen Niko saßen. Da überlegte er lange, welche Schritte er für sie choreografieren könnte, damit ihre besondere Linie gut zur Geltung kommen würde. So entstand dann „Poème de l’extase“.

Cranko hatte kein Büro, Besprechungen fanden in der Kantine statt. Weil vor der anstehenden USA-Tournee Bilder zu mehreren Stücken und Besetzungen ausgesucht werden mussten, hatte er angerufen und uns gebeten, wir sollten zu ihm auf die Solitude kommen und alles mitbringen. Das Kavaliershäuschen, in dem er wohnte, war klein, aber fein. Er liebte Kunst - über dem Sofa hing ein Gemälde von Mirò, auch einen Picasso hatte er. Von den Tourneen hatte er viele exquisite Sachen mitgebracht. Den Kaffee servierte er aber nie in feinem Porzellan, sondern immer in großen Pötten.

Eine gewisse Distanz musste gewahrt bleiben

Mein Mann Hannes Kilian hat John Cranko von dessen ersten Schritten in Stuttgart an begleitet. Die beiden haben sich auf Anhieb sehr gut verstanden; ihr Verhältnis war freundschaftlich, viel mehr als eine Geschäftsbeziehung. Die Präsenz des Fotografen im Ballettsaal war bald fast normal, aber natürlich hat Cranko immer darauf geachtet, dass eine gewisse Distanz gewahrt blieb. Mein Mann hat diese besondere Aura respektiert - deswegen konnten auch so viele persönliche Aufnahmen entstehen. Andere, die einfach drauflos knipsten, hat er hochkant rausgeworfen.

John Cranko war es wichtig, dass der Erfolg des Stuttgarter Balletts dokumentiert wurde; er wusste genau, um was es geht, auf was es ankommt. Mein Mann hat das Stuttgarter Ballett zum Beispiel auf eigenes Risiko auf den Tourneen begleitet, um diesen wahnsinnigen Erfolg festzuhalten. Cranko hat ihm das immer hoch angerechnet.

Choreograf mit Ausstrahlung

Ich selbst habe von Beginn an mitfotografiert. Wenn mein Mann mit der Oper reiste, musste ich ihn vertreten, und als ehemalige Tänzerin hat mich das Ballett besonders gereizt. John Cranko habe ich als außerordentlich liebenswürdigen Menschen kennengelernt, der alle mit viel Respekt behandelte. Kannte man ihn, konnte man nicht unberührt danebenstehen; er hat einen gepackt mit seinen Balletten, mit seiner Ausstrahlung und seiner klugen Art zu sprechen.

Beim Porträtieren war Cranko völlig normal, überhaupt nicht eitel. Wenn mein Mann ihn um eine Dokumentation gebeten hat, hat er alles mitgemacht. Als Cranko mit einem gebrochenen Fuß aus dem Griechenlandurlaub zurückkam, haben wir ihn zum Beispiel im Bett fotografiert oder wie ihm der Arzt den Gips abnahm. Er konnte wahnsinnig charmant sein. Männer wie Frauen schwärmten von ihm, von seinen durchdringend blauen Augen, die manchmal auch verärgert aufblitzen konnten. Er war eine packende, interessante, humorvolle und maßlos lebendige Persönlichkeit. Er hat meinen Mann und mich unheimlich inspiriert - nichts ist für einen Fotografen tödlicher als Langeweile. Danke, John!“

Gundel Kilian: Tänzerin und Fotografin

Gundel Kilian, 1928 in der Nähe von Schwäbisch Gmünd geboren, war bis zu ihrer Hochzeit 1953 mit dem Fotografen Hannes Kilian Tänzerin am Württembergischen Staatstheater. Als Fotografin begleitet sie das Stuttgarter Ballett von 1955 an über viele Jahre und veröffentlichte auch auf Kalendern ihre Einblicke in den Ballettsaal.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

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