60 Jahre Stuttgarter Ballett John Neumeier erinnert sich: Bereit für Rebellion und Experimente

Eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian war Ausgangspunkt für John Neumeiers Erinnerungen. Sie zeigt John Cranko mit seinen Tänzern 1969 beim Schlussapplaus der US-Premiere von „Der Widerspenstigen Zähmung“ in New York. Wie erinnern in einer Artikelserie an die Erfolge der Kompanie. Foto: Hannes Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch John Neumeier.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - „Er inspirierte mich dazu, Neues zu denken“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2008 John Neumeier interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko mit den Tänzern des Stuttgarter Balletts nach der amerikanischen Erstaufführung von „Der Widerspenstigen Zähmung“.

 

John Neumeier blickt zurück

„Dieses Foto ist bei der amerikanischen Premiere von John Crankos ,Der Widerspenstigen Zähmung’ in der Met in New York entstanden“, erinnert sich John Neumeier an den Anlass der Aufnahme. „Ich hatte den Hortensio getanzt und stehe beim Schlussapplaus direkt hinter John Cranko. Es war ein riesiger Erfolg, die Reaktion des Publikums war sehr enthusiastisch. Man kann an John Crankos Haltung den Stolz auf das ablesen, was er erreicht hat; dies war ein sehr wichtiger Moment für ihn.

Für mich persönlich war es eine der letzten Vorstellungen mit dem Stuttgarter Ballett. Am 1. Dezember 1969 sollte ich die Stelle als Ballettdirektor in Frankfurt antreten - später als eigentlich vorgesehen, aber John Cranko wollte unbedingt, dass ich für die USA-Tournee länger beim Stuttgarter Ballett blieb. Dieses Foto steht für meinen Abschied von John Cranko und für eine besondere Zeit: Ich hatte schon angefangen, eigene Ballette zu machen, und war als junger Choreograf sehr gefragt. Deshalb war ich sehr gerührt darüber, dass John Cranko auf mich gewartet hat, um mit mir die Rolle des Hortensio zu choreografieren.

Lust auf Experimente

Erst war ich krank gewesen, dann hatte ich in Monte Carlo zu tun, während in Stuttgart bereits die Arbeit an ,Der Widerspenstigen Zähmung’ begonnen hatte. Trotzdem hat mir John Cranko erlaubt, meinen Weg zu machen. Als ich dann in Monte Carlo war, kam das Angebot aus Frankfurt. Und doch wollte Cranko unbedingt mit mir diese Rolle schaffen. Er hatte mit einem anderen Tänzer begonnen, dann arbeitete er mit mir sehr intensiv an den Soli. Weil er erst spät dazu kam, eine zweite Besetzung einzustudieren, tanzte ich die Amerika-Premiere und habe auch in Stuttgart öfters als Hortensio gastiert, bis das Arbeitspensum in Frankfurt es nicht mehr zuließ.

Natürlich war der Abschied von Stuttgart traurig. Aber ich war jung und voller Aufregung, diesen Schritt zu machen. Eine eigene Kompanie zu gründen, das war in diesem Moment für mich die richtige Entscheidung. In gewisser Hinsicht war John Cranko mein handwerklicher Meister. Es ist beeindruckend, wie er in ,Der Widerspenstigen Zähmung’ mit einfachen, plakativen Mitteln Shakespeares Komödie verständlich macht. Aber es waren überkommene Erzählperspektiven, gegen die ich rebellierte. Ich wollte auf eine andere Art mit dem Handlungsballett umgehen, wollte mit neuen Strukturen experimentieren.

Dankbar für wichtige Entdeckungen

Aber das finde ich völlig normal: Ein Mensch, der kreativ denkt und mit starken kreativen Menschen arbeitet, muss sich an einem bestimmten Punkt trennen. Etwas, das eine große Qualität hat, inspiriert dazu, Neues zu denken. Es hatte keinen Sinn, dass ich länger in der Kompanie blieb. Ich war nach Stuttgart gekommen, weil mich John Crankos ,Antigone’ stark beeindruckt hatte. Als ich hier war und mich selbst kreativ entwickelte, habe ich irgendwann in eine eigene Richtung gedacht. Doch für viele handwerkliche Dinge, zum Beispiel in Bezug auf den Pas de deux, muss ich mich bei John Cranko sehr bedanken für wichtige Entdeckungen.

John Cranko verfolgte sehr aufmerksam die choreografischen Versuche seiner Tänzer bei den Noverre-Abenden, auch meine Arbeit hat er immer kommentiert. ,Haiku’, mein erstes Stück, hat ihm überhaupt nicht gefallen. Von meinem zweiten Ballett, ,Von Unschuld und Erfahrung’, war er dagegen total begeistert und hat mich eingeladen, eine Uraufführung für das Gastspiel in Schwetzingen zu machen. So entstand ,Seperate Journeys’.

Keine Angst vor der eigenen Kompanie!

Natürlich kann man nicht in einen anderen Menschen hineinschauen, und deshalb weiß ich nicht, ob er über meinen Weggang enttäuscht war. Spüren lassen hat er mich es nie. Aber ich war jung und überzeugt von meinem Weg. Als ich ihm von dem Frankfurter Angebot erzählte, hat er mir nach längerer Überlegung gesagt, dass ich es annehmen solle, wenn ich mir die Aufgabe selbst zutraute. Zwei Ratschläge hat er mir mitgegeben: Immer eine Premierenfeier auszurichten – und nie Angst vor der eigenen Kompanie zu haben. Es war ein guter Rat, denn es ist nicht immer leicht, Ballettdirektor zu sein. Man muss die Kraft haben, einer Kompanie ehrlich zu sagen, was man von ihr denkt, wo sie steht.

Es war übrigens auch auf der Bühne der Met, dass ich John Cranko zum letzten Mal gesehen habe. Ich war zufällig in New York, als das Stuttgarter Ballett dort gastierte, und ich wollte mir auf keinen Fall Crankos neues Mahler-Ballett „Spuren“ entgehen lassen. Weil ich keine Vorstellung sehen konnte, besuchte ich eine Probe. Cranko saß auf der Bühne und winkte mir zu, als ich gehen musste. Beim Rückflug von dieser Tournee starb er. Nach seinem Tod war es für mich wichtig, mich mit seiner Kompanie verbunden zu wissen. Weil ich in Marcia Haydée Crankos künstlerische Witwe sah, habe ich ihr versprochen, dass ich alles für sie tue, wenn sie mich braucht.“

John Neumeier: Tänzer, Choreograf, Ballettdirektor

John Neumeier, 1942 in Milwaukee geboren, tanzte von 1963 bis 1969 in Stuttgart. Nach drei Jahren als Ballettchef in Frankfurt übernahm er 1973 das Hamburger Ballett, das er bis heute leitet. Für das Stuttgarter Ballett hat er nach John Crankos Tod „Die Kameliendame“ (1978) und „Endstation Sehnsucht“ (1983) choreografiert.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

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