Stuttgart - „Jürgen, du musst unbedingt an deinem Rot arbeiten“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Dezember 2007 den Bühnenbildner Jürgen Rose in seinem Haus in München interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko bei der Arbeit in München.
Jürgen Rose blickt zurück:
„Dieses Foto ist 1968 in München bei einer „Romeo und Julia“-Probe entstanden, ich bin im Gespräch mit John Cranko und der Ballettmeisterin Suse Preisser“, kann sich Jürgen Rose exakt an den Moment erinnern. „Für München hatte ich neue Entwürfe gemacht, und diese Ausstattung wurde später auch in Stuttgart übernommen. „Romeo und Julia“ war 1962 das erste Ballett, das mir Cranko anvertraute. Kennengelernt hatte ich ihn 1961 in der Stuttgarter Kantine: Ich arbeitete für das Schauspiel an „Wie es euch gefällt“, Cranko wollte unbedingt meine Entwürfe sehen. Am 2. Dezember 1962 war dann die Premiere von „Romeo und Julia“. Cranko nahm mich gleich unter seine Fittiche, so wie er das mit den Tänzern getan hat; spontan, aufmerksam hat er Talente entdeckt und die Hand fest draufgehalten.
Cranko gab Tipps für das perfekte Griechenland-Erlebnis
Er war ein Mensch, der mich zum Staunen brachte. Seine Wohnung, in der ein echter Picasso wie selbstverständlich zwischen anderen aufregenden Bildern hing, war voller Exotik, es gab afrikanische Stoffe, bestickte Vorhänge, bunte Utensilien aus Marokko oder Indien – eine Welt der sinnlichen Erinnerungen an vergangene Reisen.
Als ich zum ersten Mal nach Griechenland aufbrach, riet er mir mit leuchtenden Augen: „Du musst allein vor Sonnenaufgang auf die Akropolis; dort steigst du barfuß die Marmorstufen hinauf, betrachtest die Koren und schaust in die Weite – dann begreifst du, was Griechenland ist.“ Und es stimmte, nie wieder habe ich dieses Land intensiver erlebt. Die eigene Einsamkeit, die lange Geschichte, der Kreislauf der Natur: all das überlagerte sich zu einem einmaligen Moment. Diese Intensität, mit der er wachen Auges durch die Welt ging und etwas aufsammelte, an dem andere vorbeischauten, das verbinde ich mit John Cranko.
Oder sein intellektueller Anspruch, sinnlich gelebt... Einmal, bei einem Treffen in München mit dem Regisseur Hans Lietzau, dessen Frau, Cranko und mir kam das Gespräch auf Shakespeare, das war Crankos Heiligtum und Lebenselexier. Er kannte alle Stücke, zweifelte aber an der Übertragbarkeit ins Deutsche. Lietzau las Schlegel-Thieck, Cranko das Original, in stundenlanger Steigerung wurde die sachliche Lesung immer intensiver, sinnlicher. Nie wieder habe ich Shakespeares Texte so inspiriert und lebendig erlebt. Es war wahnsinnig schön und spannend – unvergesslich!
Ich war ein unbestelltes Feld, ein Acker mit viel Humus, das hat er gespürt und mich vor große Aufgaben gestellt. Für „Romeo und Julia“ haben wir zuerst dramaturgisch die Orte des Balletts besprochen. „Schau dir das mal an“, sagte Cranko und gab mir Bücher über Renaissance-Künstler wie Raffael, Uccello, Bellini. Er gab Anstöße, um in mir eigene Entdeckungen auszulösen, so ging das durch all die zwölf Jahre unserer Zusammenarbeit. Naiv und ganz spontan hatte ich dann Entwürfe für die 13 Bilder des Balletts auf schwarzem Papier skizziert, Cranko gefielen sie. Während er probte, konstruierte ich alles für die Werkstätten an der Zeichenmaschine ins Reine.
Das scheinbar Spontane machte seine Ballette lebendig
„Was machst du eigentlich da oben?“, fragte er irgendwann. Ich war dabei, alles pingelig mit Fluchtlinien, Perspektiven, Säulenkapitellen auszuarbeiten; als ich fertig war, durfte Cranko kommen. „Was ist denn das?“, fragte er. Ich war so in die Details vertieft gewesen, dass ich meine ersten Skizzen gar nicht mehr angeschaut hatte. „Das will ich haben“, Cranko griff nach den Skizzen, „das ist deine Handschrift.“ Und dann hat er vor meinen Augen meine Feinzeichnungen zerrissen. Später prophezeite er: „Du wirst in deinem Leben noch oft merken, wie viel schwerer es ist, den krummen, spontanen Strich umzusetzen.“ Von ihm habe ich gelernt, dass dieses Beharren auf der Spontanität das Wichtigste ist. Man muss das behalten, was man intuitiv aufs leere Papier skizziert hat. Genauso sind seine Ballette entstanden: Er hat die Tänzer sich bewegen, hat sie machen lassen. Und wenn er etwas entdeckte, sagte er: „Das war’s, wiederhole das noch mal.“ Unmittelbar hat er den emotionalen Punkt getroffen, der allgemeingültig ist, deshalb sind seine Ballette so lebendig. Unglaubliche Spontanität, große Stilsicherheit, pädagogische Begabung – das waren Crankos Gaben.
Tradition nicht verleugnen
Es war immer sein Wunsch, dass ich in London studieren und die Kostümsammlung im Victoria-Albert-Museum ansehen sollte. Weil ich bald beruflich so viel zu tun hatte, kam es leider nie dazu. An Deutschland hat ihn gestört, dass man hier für eine radikale Moderne so nachlässig mit dem historischen Erbe umgeht. In einer Zeit, da jeder etwas Individuelles finden wollte, hat er die Tradition nie verleugnet. Er wollte, dass ich mir diesen historischen Hintergrund erarbeite. Einmal, bei den Entwürfen zur ersten Version von „Schwanensee“ mit viel violettstichigem Rot, sagte er zu mir: „Jürgen, du musst unbedingt an deinem Rot arbeiten.“ Er hat gemerkt, dass an dieser Farbe etwas nicht stimmte, dass ich fremdgeleitet, nicht bei mir selbst war. Mit wachsender Erfahrung wurde mir klar, was er meinte, nämlich dass es jenseits von Moden verschiedene Farben für die Dinge gibt.
Cranko war immer wach
Cranko war ein sinnlicher Mensch, ihm lag daran, an die Zeit eines Stückes anzuknüpfen und sie ins Heute zu adaptieren. „Onegin“ war ihm sehr wichtig. Dieses Ballett und sein Bühnenbild waren damals in ihrer Art ganz neu, nächtelang hatten wir über Puschkin diskutiert. Überhaupt war Cranko immer wach, er las, hörte Musik – nachts kamen die Inspirationen.
Als er an „Spuren“ arbeitete, war er besessen von Mahlers Zehnter. Eines Nachts nahm er uns vom Griechen mit zu sich und spielte sie uns immer wieder vor. Als wir einnickten, brüllte er: „Wie könnt ihr bei dieser Musik schlafen?“ Er wollte, dass wir seinem Lebensrhythmus folgten, seine Visionen zu verstehen versuchten – seine Einsamkeit kreativ ausfüllten. Das war nicht immer leicht, man entzog sich dieser Klammer. Trotzdem ließ er mich spüren, dass er große Zuneigung und Verantwortung für mich empfand – ohne mir jemals vorzurechnen, was ich ihm alles zu verdanken hatte.
Der letzte traurige Blick Crankos hat Rose lange begleitet
Cranko wollte unbedingt, dass ich bei der USA-Tournee 1973 mitreise. Doch in die gleiche Zeit fielen die Endproben zu „Nussknacker“, den ich mit John Neumeier in München vorbereitete. Zwischen Cranko und Neumeier gab es seit dessen Fortgang nach Frankfurt große Spannungen. Ich hatte gehofft, wieder eine Annäherung bewirken zu können. Cranko wiederholte unbeirrt: „Ich hätte dich so gerne dabei. Komm doch mit, wenigstens ein paar Tage.“ Crankos Enttäuschung, sein Verletztsein darüber, dass ich, eines seiner Geschöpfe, ihm etwas absagte, seine traurigen Augen beim Abschied, der ja unerwartet zum endgültigen wurde, haben mich viele Jahre begleitet. Er hatte immer den Wunsch, dass ich von Berlin nach Stuttgart ziehe, die Professur an der Kunstakademie übernehme und wir so intensiver neue Projekte erarbeiten könnten. Meine Berufung, glaube ich, hat er gar nicht mehr erlebt. Ich begann im Sommer, als John starb - und blieb 27 Jahre.“
Ausstatter, Bühnenkünstler, Professor:
Jürgen Rose wurde 1937 in Bernburg/Saale geboren. Am Ulmer Theater und an den Münchner Kammerspielen begann er seine Karriere, bevor er sich 1965 als Bühnenbildner selbstständig machte. Von 1973 bis 2000 leitete er die Bühnenbildklasse an der Stuttgarter Kunstakademie. Für das Stuttgarter Ballett hat er zuletzt Kenneth MacMillans „Mayerling“ ausgestattet.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.