Stuttgart - Der Vorhang im Stuttgarter Opernhaus bleibt zu, trotzdem läuft die Zeit weiter. Vor Kurzem zeigte die Lebensuhr der Kompanie, welche die ganze Welt heute als Stuttgarter Ballett kennt, exakt 60 Jahre an, am 16. Januar 1961 war ihr Gründer John Cranko zum Ballettmeister der Württembergischen Staatstheater ernannt worden. Gefeiert werden soll der runde Geburtstag am Ende der Saison – mit maximalem Abstand zu den aktuell hohen Infektionszahlen und mit möglichst vielen Gästen auf wie vor der Bühne.
Gefeiert werden wird dann auch das Stuttgarter Ballettwunder. Wie sich vor gut einem halben Jahrhundert eine süddeutsche Provinzkompanie innerhalb kurzer Zeit an die Weltspitze tanzen konnte und als Stuttgarter Ballett bis heute dort den Ton mit angibt, ist ein beliebtes Narrativ. Spannend ist aber auch die Vorgeschichte dazu: Wie John Cranko nach Stuttgart kam und dann blieb, könnte Stoff für einen Film liefern.
Der Intendant als Strippenzieher
Scheinbar durch einen Zufall sei der Choreograf hier gelandet, notierte Walter Erich Schäfer, der damalige Intendant der Württembergischen Staatstheater, in seinen Erinnerungen. Insgeheim glaubte Schäfer im Rückblick an ein „verdeckt wirkendes Schicksal“. Dabei hat der Intendant an den Fäden, die Cranko nach Stuttgart holten, selbst ordentlich mitgezogen. Auf Schäfers Betreiben hin kam es, dass Crankos nicht untätiger Vorgänger Nicolas Beriosoff mitten in der Saison das Feld räumen musste für den 33-jährigen Jungstar aus London.
Mitgestrickt an John Crankos Schicksalsfäden hatte auf alle Fälle die Londoner Boulevardpresse. Unschön waren die Schlagzeilen gewesen, die John Cranko in seiner Wahlheimat das Leben so schwer gemacht hatten, dass für ihn die süddeutsche Provinz zur Option wurde. Der Choreograf hatte sich eine Anzeige wegen „homosexueller Vergehen“ eingehandelt, nachdem er sich mit dem Falschen, einem verdeckten Ermittler, eingelassen hatte. Selbst Prinzessin Margret, die Schwester der Königin, mit der Cranko befreundet war, konnte da nicht helfen. Bis 1967 war Homosexualität in England ein Delikt, das mit Freiheitsstrafe geahndet werden konnte. (Spannend erzählt Thomas Aders in seinem Roman „Seelentanz“ von Crankos Anfängen.)
„Holen wir doch einen Gast“
Dass Cranko in dieser Situation den Weg nach Stuttgart einschlug, lag letztlich an Svetlana Beriosova. Der Star des Royal Ballets hatte 1957 in der Uraufführung von Crankos „Pagodenprinz“ eine Hauptrolle getanzt; jetzt wollte die Beriosova etwas für den in die Schlagzeilen geratenen Künstler tun und bat ihren Vater in Stuttgart um Hilfe. Nicolas Beriosoff ging zu seinem Intendanten, wie dieser später aufschrieb, klagte über Überarbeitung und schlug Schäfer vor: „Holen wir doch einen Gast. Da gibt es in London beim Royal Ballet zwei Youngsters, von denen man spricht, MacMillan und Cranko. Cranko hätte im Augenblick Zeit, wie ich zufällig von meiner Tochter gehört habe.“
So kam eins zum anderen, Cranko samt „Pagodenprinz“ 1960 nach Stuttgart und Beriosoff in selbst gemachte Bedrängnis. Nachlesen lässt sich das alles im Programmbuch, das zum Festival anlässlich von John Crankos 70. Geburtstag 1997 herauskam. Spannend sind auch die Eindrücke, die Cranko selbst von seinen Stuttgarter Anfängen notierte. Erschienen waren sie 1971, also zwei Jahre vor John Crankos Tod, in einer Festschrift zum 70. Geburtstag Schäfers.
Vom Glück, da zu sein
„Mehr aus Zufall als aus Absicht befinde ich mich in Stuttgart, um meinem ,Pagodenprinz‘ auf der Bühne wieder neues Leben einzuhauchen“, blickte Cranko zurück auf seine Stuttgarter Stunde null. „Ich bin verblüfft über die Struktur eines deutschen Staatstheaters mit festen Anstellungsverträgen, bezahltem Urlaub, gesichertem Budget, brauchbarer Technik. Ich bin freilich noch so sehr mit den Usancen und dem Prestige des Royal Ballet verbunden, dass ich das nicht gebührend zu würdigen vermag – bis der Mann in seinem Büro aus Königlichen-Hoftheater-Zeiten mich fragt, ob ich die Leitung des Balletts seines Hauses übernehmen wollte.“
„Der Pagodenprinz“ hatte Schäfer zwar nicht restlos überzeugt, er vermisste die Ökonomie, den Blick für das, was zu viel ist. „Gleichwohl blühte aus dem Ganzen wie aus jeder Szene ein solches Leben, ein solches Glück, da zu sein und zu tanzen, die Einfälle entladen sich in Kaskaden, auf der Basis des klassischen Balletts erwuchs Modernes und verband sich mit der Basis zu Einheit und Echtheit, so dass mir klar war: Hier ist nicht nur Jugend und Zukunft, sondern hier ist das“, schrieb Schäfer, „was wir brauchen.“
Beriosoff aus dem Amt drängen?
Die Idee, dass Deutschland für das Ballett eine Art jungfräulicher Boden wäre, gefiel Cranko zwar. Doch einen Mann wie Beriosoff aus dem Amt drängen? Schäfer aber war so von Crankos Talent überzeugt, dass er ihm den Weg freiräumte – und zudem zusagte, das Ballett als eigenständige Kunst, nicht als Dienerin der Oper zu fördern. Schäfer verhandelte geschickt, wie Cranko festhielt, versprach nur das Machbare, nicht das Unmögliche, die Fortschritte kamen millimeterweise: „Erst ein paar Tänzer mehr, dann ein paar Vorstellungen mehr, aus dem Ballettmeister wird ein Ballettdirektor . . .“ War Schäfer nicht willig, half Cranko mit Kündigungsdrohungen nach.
1969 gelang das Wunder
Der Rest ist hinlänglich bekannt: Mit „Romeo und Julia“, Premiere war am 2. Dezember 1962, war das Stuttgarter Ballett geboren. Das heimische Publikum lag seinen Stars da schon zu Füßen, während sich die Kritiker der örtlichen Zeitungen noch in Bedenken wanden; mit „Onegin“ gelang der Kompanie 1969 beim Gastspiel an der Met in New York das berühmte Wunder. In kurzer Zeit hatte Cranko ein Ensemble aufgebaut, das seinesgleichen suchte – und die Basis für einen dauerhaften Erfolg gelegt. So dauerhaft, dass er auch bei geschlossenen Vorhängen wirkt; von Crankos Wunder profitieren die Stuttgarter Ballettfans sogar in der tanzfeindlichen Coronazeit: Allein mit der Kraft der Gedanken kann jeder Tatjana und Onegin, Romeo und Julia aus der Erinnerung heraus zum Tanzen bringen, so farbensatt hatte der Choreograf einst Literatur in Bewegung gebracht.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.