60 Jahre Vogelzentrum Sindelfingen Eberhard Gabler und seine besondere Liebe zum Rotkehlchen

, aktualisiert am 16.04.2026 - 06:49 Uhr
Eberhard Gabler vor seinem Gemälde im VIZ. Er zeigt auf die Rohrammer. Foto: Stefanie Schlecht

Eberhard Gabler bringt mit seiner Kunst Kindern die heimischen Tiere näher. Außerdem hat er das Vogelschutz-Informations-Zentrum in Sindelfingen gegründet. Jetzt ist er 90 Jahre alt geworden – und das Zeichnen lässt ihn immer noch nicht los.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Das N.E.S.-Vogelzentrum Sindelfingen lädt für Sonntag, 19. April, zum kostenfreien Aktionssonntag „Höhepunkte aus 60 Jahren Vogelzentrum" ein. Dabei liest der Gründer des Zentrums, Eberhard Gabler, aus seinem aktuellen Buchprojekt „Der Junge mit der Feder – vom Dorfbub zum Ornithologen" über seine Jugend im Spessart. Wir haben Eberhard Gabler vor zwei Jahren zu seinem 90. Geburtstag ein großes Porträt gewidmet. Dieser Text erschien erstmals am 30. Januar 2024.

 

Ein „Wundergefühl“ umfängt Eberhard Gabler, als er das Vogelschutz-Informations-Zentrum (VIZ) am Sindelfinger Badezentrum betritt, das er gegründet und rund 30 Jahre geleitet hat. Ende Dezember ist der Träger der Landesehrennadel 90 Jahre alt geworden.

Auf das 13 Meter lange und 2,4 Meter hohe Wandgemälde im Herzen des VIZ mit seinen Vogel-, Fisch- und Amphibienarten sowie einigen Beispielen von Umweltverschmutzung, das inzwischen Generationen von Schülern bei ihrem Besuch beschäftigt, ist er noch heute sichtlich stolz. Es war das erste große Projekt des Künstlers. In den folgenden Jahren gestaltete er unter anderem die Informationstafeln auf dem Forstlichen Baumpfad im Sindelfinger Stadtwald. „Als ich anfing, die Wand zu bemalen, war das Gebäude noch im Bau“, erinnert sich Gabler. „Der Architekt hat noch gesagt, ich soll die Wand bloß nicht beschmieren.“

Eberhard Gabler: Der Zeichenblock ist immer dabei

Nachdem jedoch die ersten beiden Vögel, zwei große Reiher, ihren Platz an der Wand gefunden hatten, sagt er, sei der Architekt täglich vorbeigekommen und habe dem Künstler beim Malen zugesehen. Nicht alle der zahlreichen, dargestellten Arten sind im Kreis Böblingen heimisch. Von einem der Vögel habe es beispielsweise in den vergangenen 30 Jahren nur einmal ein brütendes Paar gegeben.

Aktuell malt Gabler auch Schmetterlinge. Foto: Eberhard Gabler/the

Doch alle Tiere, die er auf die Wand gebannt hat, hat der Künstler in seinem Leben erlebt. „Mein Wissen wollte ich nicht nur für mich behalten“, sagt er. Bis Gabler nach Sindelfingen kam, durchlief er etliche Stationen. Immer mit dabei: sein Zeichenblock.

Eberhard Gabler ist Autodidakt und stolz drauf

Aufgewachsen im Spessart, prägten den Jungen aus Ammendorf in Sachsen-Anhalt vor allem die Förster, Jäger, Köhler, aber auch die naturbegeisterten Lehrer in seinem Umfeld. Was er erlebte, zeichnete Gabler wie selbstverständlich. „Als ich meine Heimatstadt nach der Hauptschule verließ, hingen in den Klassenzimmern 80 heimische Vogelarten in Aquarell“, erzählt er.

Studierter Ornithologe oder akademischer Künstler ist Eberhard Gabler übrigens nicht. „Ich bin Autodidakt“, sagt er. Auf diese Tatsache und auf sein Talent ist er sichtlich stolz. Gelernt hat Gabler Gärtner, genauer Blumen- und Zierpflanzenbau. Doch gerade in seinen Wanderjahren hat er seinen „Zweitberuf“, das Malen von Tieren, nie aus den Augen verloren. „Wenn ich mir als Geselle Stellen gesucht habe, habe ich immer drauf geachtet, dass in der Nähe ein Forschungsinstitut war – da habe ich dann in meiner Freizeit gearbeitet“, sagt er. Mit 15 Jahren sei er so beispielsweise der jüngste Ehrenamtliche in der Vogelschutzwarte Frankfurt gewesen.

Eberhard Gabler ist vielseitig

Die Ornithologie und die Kunst gehören für ihn untrennbar zusammen. Und noch etwas ist ihm bei seinen Tierzeichnungen wichtig: „Ich zeichne, was ich erlebt habe.“ Doch der Künstler Gabler hat sich auch in anderen Bereichen umgetan: Buchillustrationen, Sagendarstellungen, Stillleben und sogar Karikaturen – oft mit Thema Gesundheitssystem – kommen aus seinem Pinsel.

Ein kleiner Teil der Gelegeausstellung ist noch im VIZ zu sehen. /the

„Ich kann auch klecksen“, sagt er. „Farben sind meine Faszination. Ich vergleiche das gerne mit einem Pianisten, der in der Musik aufgeht. Man kann das richtig sehen auf der Bühne. Wenn ich male, bin ich mit den Farben weg.“ In seinem Bild „Finale“ aus dem Jahr 2022 habe er sich beispielsweise farbgewaltig und auf größerer Leinwand mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. „Aber wenn ich Federn oder Insekten male, dann geht Klecksen nicht. Dann ist Aquarell das beste Medium.“

Experten getäuscht

Von Helgoland und Fehmarn bis nach Bayern hat er in ganz Deutschland Tiere und vor allem Vögel beobachtet und gezeichnet. Hunderte Federn hat er in seinen vielen Jahren der Vogelkundeforschung gesammelt. Da er die nicht alle aufbewahren konnte, fing er an, sie in Originalgröße zu malen. Aus den Zeichnungen ist eins von acht Büchern entstanden, die Gabler veröffentlicht hat.

Auch die Gelege vieler heimischer Vögel hat Gabler gezeichnet und sogar nachgebildet. Eine Erinnerung bringt ihn noch heute zum Schmunzeln: „Ich hatte mal Experten da, die ganz schockiert gefragt haben, woher ich denn die ganzen Eier habe“, erzählt er. Schließlich sei es verboten, die Eier von Wildvögeln zu sammeln. Dass es sich um Nachbildungen handelte, habe keiner erkannt. „Das war für mich eine Bestätigung.“

Mit 90 Jahren ist noch nicht Schluss

Diesen Reichtum an Kunstwerken und Informationen wollte Gabler mit jungen Menschen teilen. „Die Begeisterung, mit der ich die Natur kennengelernt habe, konnte ich nicht für mich behalten“, sagt er. Er habe es häufig erlebt, dass Hobby-Insektenkundler beispielsweise zahllose Bilder von Schmetterlingen in einer Schublade verstauben ließen. Das sei für ihn undenkbar gewesen.

Für die Tafeln, die im Frühsommer im Sindelfinger Wald aufgehängt werden, malt Gabler gerade fleißig. /Stefanie Schlecht

Nachdem er also 1960 mit seiner Frau nach Sindelfingen gekommen war und bei der Stadt einen Job als Gärtner angenommen hatte, sei er einige Jahre später mit dem damaligen Oberbürgermeister Arthur Gruber ins Gespräch gekommen. „Da war gerade das Thema Umweltschutz in aller Munde, aber man kann darüber nicht nur reden. Die Leute müssen schon als Kinder darüber informiert werden, was es zu schützen gilt“, sagt er. „Ich hab dem OB dann gesagt, ich kann so etwas aufbauen.“ Das war der Startschuss für das VIZ. Mehrere Naturlehrpfade folgten. Mittlerweile ist Gabler längst im Ruhestand, doch an waldpädagogischen Kunstprojekten beteiligt er sich immer noch. Aktuell malt er die Aquarelle, die ab Frühsommer am Waldzentrum hängen sollen.

Einen Lieblingsvogel hat Gabler im Übrigen nicht. „Das wäre den vielen Vogelarten gegenüber eine Beleidigung“, findet er. Eine Art hat dennoch eine Sonderstellung in seiner Wertschätzung: das Rotkehlchen. „Ich habe früher immer Nisttaschen gebunden für unseren Garten“, sagt er. Die seien von den Vögeln treu genutzt worden. „Die Jungvögel haben sich sogar mit ausgestreckten Flügeln auf den Platten der Terrasse vor meiner Familie und mir gesonnt.“

Gabler leitete das Vogelzentrum von 1967 bis 1997. Die Lesung beginnt um 10 Uhr und dauert eine Stunde. Der zweifache Träger des europäischen Umweltpreises ist nicht nur Naturkundler, sondern auch Buchautor und Illustrator. Für die Lesung wird um Anmeldung unter naturerlebnis@sindelfingen.de gebeten. Von 11 bis 17 Uhr erwartet die Besucher ein abwechslungsreiches Programm mit Einblicken in die Entstehung des Vogelzentrums und jahrzehntelange Umweltbildungsarbeit inklusive Praxisbeispielen im Freien.

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