Man braucht einen langen Atem, will man all die bauhistorischen Reize der Esslinger Altstadt aufzählen: Die großen Kirchen, die Hochwacht und der Dicke Turm der Burg, die älteste Fachwerkhäuserzeile Deutschlands und natürlich die historischen Rathäuser. Das Alte Rathaus feierte dieses Jahr sein 600-jähriges Jubiläum. Für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zählt es zu den „bemerkenswertesten Baudenkmälern und Sehenswürdigkeiten im historischen Stadtkern von Esslingen“. In sechs Jahrhunderten hat der stattliche Fachwerkbau viel erlebt. Grund genug, im Fotoalbum des Alten Rathauses zu blättern.
„Das Herz der kommunalen Demokratie“
Das malerische Gebäude war 1424 als städtisches Kauf- und Steuerhaus errichtet worden. Zwischen 1586 und 1589 wurde die Nordfassade von Heinrich Schickhardt im Stil der Renaissance umgestaltet. Prägende Elemente sind eine astronomische Uhr, die als technisches Wunderwerk gilt, und ein Glockenspiel, das täglich zu festen Zeiten zu hören ist. 1923 bis 1926 wurde das Alte Rathaus erstmals restauriert. Als Ende der 1980er Jahre eine neuerliche Renovierung nötig wurde, gründeten engagierte Esslingerinnen den Förderverein Altes Rathaus, aus dem eine Stiftung hervorgegangen ist. Etwa 25 Millionen Euro musste die Stadt in die jüngste Renovierung investieren. Rund 1,6 Millionen Euro haben Förderverein und Stiftung beigesteuert. Heute ist das Alte Rathaus ein beliebter Tagungs- und Veranstaltungsort mit historischem Flair. Im Bürgersaal tagt der Gemeinderat, im Sitzungssaal beraten die Ausschüsse. Das attraktive Trauzimmer empfiehlt sich für Hochzeitspaare.
Für OB Matthias Klopfer schlägt im Alten Rathaus „das Herz der kommunalen Demokratie“. Hier werden wichtige Entscheidungen getroffen, hier wird zuweilen leidenschaftlich debattiert, hier werden nach Wahlen Stimmzettel ausgezählt und Ergebnisse aus erster Hand verkündet. Für Pressekonferenzen, deren Bedeutung man unterstreichen möchte, bietet das Alte Rathaus die passende Kulisse. Aber auch für größere Vorträge und Diskussionen wie die Reihe Herzklopfen, das Altstadtviertele oder die Diskussionen zur Stadtbücherei sind Bürgersaal und Schickhardthalle gute Adressen. Wenn es verdiente Bürgerinnen und Bürger zu ehren gilt, ist man ebenso gern zu Gast.
Kunst und Kultur sind hier zuhause
Als Ort der Kultur hat sich das Alte Rathaus ebenfalls einen Namen gemacht. Bedeutende Autorinnen und Autoren stellen alle Jahre wieder während der Esslinger Literaturtage Lesart ihre aktuellen Werke vor. Das Podium Festival präsentiert reizvolle Konzertformate im historischen Ambiente, die Künstlergilde trifft sich dort alljährlich zur Esslinger Begegnung, beim Kulturfest Stadt im Fluss ist das Alte Rathaus Veranstaltungsort und malerische Kulisse zugleich. An die Vergangenheit des Gebäudes als Markthalle erinnern die alljährlichen Kunstmärkte. Und wenn hochkarätige Carilloneure zum Glockenspiel-Festival nach Esslingen kommen, setzt das Alte Rathaus ein weiteres kulturelles Highlight.
Schlagzeilen schrieb das Alte Rathaus, als sich Hollywood-Star Katherine Heigl 2012 in Esslingen auf die Suche nach schwäbischen Wurzeln ihrer Familie begab und vom damaligen OB Jürgen Zieger mit allen Ehren im Bürgersaal empfangen wurde – beide strahlten im Blitzlichtgewitter der Fotografen um die Wette, während auf dem Rathausplatz Autogramm- und Promijäger hofften, ein Souvenir zu ergattern. Dass es Pop-Ikone Madonna je nach Esslingen geschafft hätte, ist derweil nicht überliefert. Trotzdem kennt sie die Fassade des Alten Rathauses. Als der Illustrator Gennady Spirin, der auch für den Esslinger Verlag arbeitete, 2004 Madonnas Kinderbuch „Jakov und die sieben Räuber“ illustrierte, ließ er sich von der Esslinger Altstadt inspirieren. In Madonnas Buch erkennt man die Renaissance-Fassade des Alten Rathauses. Die Bild-Notiz soll aber nichts speziell mit Esslingen und seinem Wahrzeichen zu tun haben: „Dieses Buch ist schlimmen Kindern überall auf der Welt gewidmet ...“