Nach jahrelanger Flaute scheint das Interesse an Bausparverträgen wieder zuzunehmen. Die größte deutsche Bausparkasse Schwäbisch Hall verkaufte im ersten Quartal neue Verträge mit einem Bausparvolumen von 7,2 Milliarden Euro, das sind 100 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Die LBS Südwest beziffert das Volumen des Neugeschäfts im zurückliegenden Quartal auf rund drei Milliarden Euro – ein Plus gegenüber 2021 und auch im Vergleich zum ersten Quartal 2020, das noch kaum von der Coronakrise beeinträchtigt war. Auch die Bausparkasse Wüstenrot spricht von „zweistelligen Zuwachsraten“.
Ein möglicher Grund: Die Zinsen für Immobiliendarlehen steigen. Mit gut zwei Prozent für einen Kredit mit zehn Jahren Sollzinsbindung sind sie im historischen Vergleich aber noch niedrig – und ein Bausparvertrag ist eine Möglichkeit, sich die aktuellen Kreditkosten für die Zukunft zu sichern. Nach Erreichen eines bestimmten Sparbetrags haben Bausparer nämlich Anspruch auf ein Darlehen zu Konditionen, die bereits bei Vertragsabschluss festgelegt wurden.
Das Wohnhaus des Erfinders ist heute ein Bauspar-Museum
Die Wiege des deutschen Bausparwesens steht in Baden-Württemberg. In der Gemeinde Wüstenrot im Landkreis Heilbronn gründete der Publizist Georg Kropp 1921 die „Gemeinschaft der Freunde“ mit dem Ziel, durch kollektives Sparen den Bau von Häusern und Wohnungen zu erleichtern.
Das Prinzip wird auf der Website des Bauspar-Museums in Wüstenrot so erläutert: „Wenn beispielsweise ein Eigenheim 12 000 Reichsmark kostete, musste ein Einzelner 20 Jahre jeden Monat 50 Mark sparen, um es bauen zu können. Zahlen aber 20 Sparer dieselbe Summe ein, kann nach einem Jahr mit dem Bau eines Hauses begonnen werden.“ Welcher Sparer zuerst bauen durfte, wurde damals per Los entschieden.
Heute gibt es bundesweit 18 Bausparkassen
Das Konzept war so erfolgreich, dass die „Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot“ schnell wuchs – und die Kapazitäten ihres Heimatorts mit damals nur 500 Einwohnern sprengte. 1930 zog die Bausparkasse nach Ludwigsburg um, den Namen Wüstenrot aber führt das Unternehmen bis heute.
Und bis heute erfreut sich das Bausparen in Baden-Württemberg besonders großer Beliebtheit. Die LBS Südwest, die auch für das benachbarte Rheinland-Pfalz zuständig ist, ist mit einer Bilanzsumme von gut 20 Milliarden Euro die mit Abstand größte unter den acht Landesbausparkassen.
Schwäbisch Hall kommt ursprünglich aus Köln
Obendrein hat mit Schwäbisch Hall die Bausparkasse der Volks- und Raiffeisenbanken ihren Sitz im Land. Gegründet wurde das bundesweit aktive Unternehmen 1931 allerdings in Köln, damals als „Deutsche Bausparer AG“. 1934 folgte der Umzug nach Berlin. Nach einem Bombenangriff auf den dortigen Unternehmenssitz im Jahr 1944 fand die Bausparkasse Zuflucht in Schwäbisch Hall.
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Nach dem Krieg waren Millionen von Wohnungen zerstört, zudem strömten Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs in die Bundesrepublik. Die Errichtung von Wohnhäusern wurde massiv gefördert, unter anderem durch Einführung der Wohnungsbauprämie 1953. Bis zu Beginn der 70er Jahre hatte das Bausparen Hochkonjunktur: In einigen Jahren floss ein Viertel des Ersparten in Deutschland in einen Bausparvertrag, wie Thomas Kohlhase in seiner Dissertation zur „Entwicklung des Bausparwesens“ zeigt.
2021 wurde die Wohnungsbauprämie angehoben
Einen Boom gab es zuletzt in den Neunzigern, in denen die Einkommensgrenzen für den Erhalt der Wohnungsbauprämie zweimal erhöht wurden. Seither hat das Bausparen an Bedeutung verloren, zumal die Verträge in der Ansparphase kaum noch Zinsen abwerfen. Die Bausparsummen der bundesweit abgeschlossenen Neuverträge lagen seit 2014 Jahr für Jahr unter 100 Milliarden Euro, wie Zahlen der Bundesbank zeigen. Dabei sind die Geldvermögen der Privathaushalte in der gleichen Zeit von fünf auf siebeneinhalb Billionen Euro angewachsen.
2021 allerdings wurden zum ersten Mal seit 1996 die Einkommensgrenzen für den Anspruch auf die staatliche Wohnungsbauprämie angehoben: Wer als Alleinstehender vor Steuern maximal 35 000 Euro verdient, erhält für seinen Bausparvertrag einen Zuschuss von bis zu 70 Euro pro Jahr. Bei Ehepaaren gilt jeweils das Doppelte.
Für den Vermögensaufbau ungeeignet
Laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnten dank der Reform weitere 6,9 Millionen Haushalte die Wohnbauprämie erhalten. Allerdings dürften nur etwa 240 000 davon tatsächlich einen Bausparvertrag abschließen, schätzen die DIW-Forscher in einer für das Bundesfinanzministerium erstellten Studie.
„Angesichts der niedrigen Zinsen bieten Bausparpläne den Menschen kaum noch Vorteile“, sagte einer der beiden Autoren, Konstantin Kholodilin, unserer Zeitung. Daran ändere auch die Wohnbauprämie von 70 Euro im Jahr wenig. Kholodilin und sein Co-Autor Claus Michelsen schlugen in ihrer Studie deshalb vor, auch die Einkommensgrenzen für die Arbeitnehmersparzulage zu erhöhen. Diese solle mit der Wohnungsbauprämie zusammengefasst werden, die dann auch für andere Zwecke als den Erwerb von Wohneigentum verwendet werden könnte – zum Beispiel für Weiterbildungen oder Unternehmensgründungen.
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